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Interview

Für David Rothfuß ist Babyglück simpel

David Rothfuß leitet die Regensburger Koordinierende Kinderschutzstelle, kurz KoKi. Er bietet überforderten Eltern Hilfe an.
Von Katia Meyer-Tien

David Rothfuß kennt die Sorgen und Ängste junger Eltern. Sein Rat: „Vom Grundgedanken her muss man sich einfach mal auf dieses Abenteuer Familie einlassen können.“ Foto: Theresa Röck
David Rothfuß kennt die Sorgen und Ängste junger Eltern. Sein Rat: „Vom Grundgedanken her muss man sich einfach mal auf dieses Abenteuer Familie einlassen können.“ Foto: Theresa Röck

Regensburg.Herr Rothfuß, Sie beraten Schwangere und Eltern mit Kindern unter drei Jahren. Mit was für Fragen kommen die Menschen zu Ihnen?

Häufig wenden sich Erstgebärende an uns, ein Großteil ist auch alleinerziehend oder in schwieriger familiärer Situation. Oft fehlt ihnen das soziale Netz, jemand, an den sie sich wenden können, wenn sie Fragen haben. Sie kommen zum einen mit dem Gefühl, sie wären mit der Aufgabe überfordert, Eltern zu sein. Sie können sich kaum vorstellen, wie das wird, ob sie alles richtig machen. Und ob sie alle Anträge gestellt haben, die notwendig sind. Es ist ja sehr viel auch organisatorisch zu erledigen: Kindergeld, Elterngeld, sonstige Förderungen. Die andere Sache ist der Umgang mit dem Baby: Wie wird das werden, wenn die Hebamme nicht mehr da ist, wenn wir alleine auf uns gestellt sind? Und wenn der Vater wieder in den Job geht. Dann ist die Mutter alleine, wie soll das dann werden? Vielleicht fehlt auch noch familiäre Unterstützung, weil die Herkunftsfamilie weiter weg wohnt. Manche Eltern wenden sich auch an uns mit ganz einfachen Fragen wie: Ich habe noch keine Hebamme gefunden. Dann telefonieren wir auch nochmal nach oder geben den Ratschlag, dass man sich an die Koordinierungsstelle für die Hebammen wenden kann. Also ganz praktische Hilfen.

Wenn sich jemand mit einer so großen Unsicherheit an Sie wendet, was raten Sie dann?

Im Grunde ist es ja so, dass wir sagen können: Alles, was die Eltern brauchen, ist schon vorher angelegt. Natürlich verstehen wir, dass Unsicherheiten da sind und dass man Ängste hat. Aber vom Grundgedanken her muss man sich einfach mal auf dieses Abenteuer Familie einlassen können. Und sie werden merken, dass sie sicherer werden, je mehr sie mit den Helfenden zusammenarbeiten. Das geht in der Klinik schon los, dass sie Anleitung bekommen und Sicherheit erlangen im Umgang mit dem Baby. Sie können sich im Vorfeld an die Schwangerenberatungen wenden, die auch eine ganz tolle Aufklärungsarbeit leisten. Und wir arbeiten hauptsächlich aufsuchend. Wir machen Hausbesuche, sprechen uns mit der Hebamme ab, was sie schon alles angeleitet hat, wo es noch Unterstützung braucht. Wir können dann vielleicht noch Bedarf abdecken durch konkrete Hilfen. Dass noch eine Kinderkrankenschwester kommt, oder eine Familienhebamme, die bis zum ersten Geburtstag Anleitung gibt, damit die Eltern in ihre Rolle reinkommen. Wichtig ist einfach, dass man die Angst nimmt, etwas falsch zu machen.

Oft kommt Druck auch von außen, werdende Eltern werden mit Tipps, Ratschlägen und Checklisten überhäuft. Was würden Sie denn sagen, was man wirklich braucht für die erste Zeit mit Baby?

Wenn wir es mal ganz praktisch sehen: Sie brauchen nicht unbedingt eine Wickelkommode kaufen, Sie können das Baby auch auf dem Bett wickeln. Ein Kinderwagen wäre schon gut, damit man mobil mit dem Kind ist, Zeit draußen verbringen und den eigenen Tagesrhythmus gestalten kann. Sie haben vorher als Paar auch ein eigenständiges Leben gehabt, das soll als Familie weitergehen. Dass man zum Beispiel gemeinsam zum Essen geht und das Kind einfach mitnimmt, das steht dann in der Kinderwagentasche daneben. Dass die Eltern nicht alles so wahnsinnig aufs Kind fokussieren und alles darauf ausrichten, auch, wenn die eigenen Bedürfnisse der Eltern erst mal hintenanstehen. Es ist nicht viel, was man besorgen muss, damit das funktioniert. Man muss nicht Kinderspielzeug für X Euro besorgen. Wichtig ist, dass man sich mit dem Kind einfach so beschäftigt. Dass man emotional diese Bindung eingeht. Legen Sie sich das Baby auf den Bauch, verbringen Sie Zeit mit dem Kind! Machen Sie sich nicht so viele Gedanken, Sie müssten Förderspielzeug kaufen. Wichtig ist einfach, dass man Spaß mit dem Kind hat. Die Grundausstattung – ein paar Bodys und Strampler, Windeln, Pflegeutensilien, ein Kinderwagen und, wenn man ein Auto hat, eine Babyschale. Mehr muss es nicht sein, gerade nicht fürs erste Lebensjahr. Vielleicht noch eine Krabbeldecke, damit man sich auch am Boden mit dem Kind beschäftigen kann. Ganz einfache Dinge eigentlich. Nicht überfrachten.

Die Koordinierende Kinderschutzstelle

  • KoKi:

    In der Regensburger KoKi sind acht Sozialpädagogen beschäftigt, die jährlich etwa 160 Familien mit Kindern unter drei Jahren im Stadtgebiet betreuen. Die Beratung ist kostenlos, auf Wunsch anonym und Teil des bayerischen Förderprogramms „Koordinierende Kinderschutzstellen“, das in diesen Tagen sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Aufgabe der KoKi-Stellen ist es, niederschwellige und koordinierte Hilfe so früh anbieten zu können, dass Situationen, in denen Kinder gefährdet werden könnten, gar nicht erst entstehen können.

  • Stellen:

    KoKi-Stellen gibt es bayernweit in allen Landkreisen, mehr Infos und Kontakt unter www.stmas.bayern.de/kinderschutz/koki-netzwerke/

  • Kontakt:

    Die Regensburger KoKi ist per E-Mail erreichbar an: koki@regensburg.de und telefonisch unter (09 41) 5 07-25 12

Manchmal merken Eltern selber gar nicht, dass etwas schiefläuft. Was sind denn typische Warnzeichen, bei denen man sich Hilfe suchen sollte?

Wenn man denkt: Ich schaff’ das alles nicht mehr. Solche Gedanken darf man sich eingestehen. Viele denken, sie müssen alles alleine schaffen, sie waren im Job erfolgreich, sie haben ein tolles Haus, haben alles toll aufgebaut. Aber jetzt ist ein Kind da, und das alles funktioniert nicht mehr. Das muss sich alles erst finden. Ich denke, wenn man das Gefühl hat, es wird einem alles zu viel, dann ist das schon mal ein Anzeichen. Oder wenn man keinen Schlaf mehr findet. Wenn man nicht mehr weiß, was als Nächstes zu machen ist. Wenn sich die Post häuft und man so mit der Versorgung des Kindes beschäftigt ist, dass der ganze Tagesablauf ins Stocken gerät. Oder man hat keinen Spaß mehr an dem Kind, man erlebt es als Last: „Ich kann nicht mehr, ich möchte einfach nur meine Ruhe“. Das sind so Anzeichen, wo man sich Hilfe suchen sollte. Viele Eltern sind wirklich so verzweifelt, die weinen am Telefon. „Helfen Sie mir bitte, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll“. Die Hebamme ist nicht mehr da, der Kinderarzt sagt, das Kind ist nicht krank, aber man schafft es einfach nicht mehr.

Wie lange betreuen Sie eine Familie?

Ausstattung

Das brauchen Sie für das erste Baby

Einem Baby soll es an nichts fehlen. Fachmärkte erstellen Einkaufslisten. Aber braucht ein Kleinkind all das wirklich?

Im Durchschnitt ein halbes bis dreiviertel Jahr, manchmal auch länger. Wir haben zwei Schwerpunkte, einmal die familienbezogenen Angebote, wo wir konkret mit den Familien etwas machen oder an Partner weitervermitteln – Familienhebammen, Kinderkrankenschwestern, Familienpflegen oder Familienpatenschaften. Das andere ist die netzwerkbezogene Arbeit. Alle, die Familien mit Kindern von null bis drei versorgen, sind mit uns vernetzt: Kinderärzte, Kinderkrippen, Hebammen, die sozialpädiatrischen Zentren, wo die Diagnostik und Frühförderung läuft, das Krankenhaus, wo die Entbindung stattfindet. Alle haben die Möglichkeit, über unser Angebot zu informieren und eine freiwillige Vermittlung einzuleiten, damit wir Hilfe anbieten können. Wir würden uns wünschen, dass die Netzwerkpartner auch bei den kleinsten Anzeichen von Überlastung der Eltern einfach mal die Frage stellen: „Ich merke, Sie wirken belastet, kann ich Ihnen helfen?“. Und den Kontakt zu uns vermitteln. Wir haben die zeitlichen und personellen Ressourcen, dass wir zeitnah, vielleicht noch am selben Tag, hinfahren und sagen: Ich lasse Sie jetzt in der Situation nicht alleine, ich bleibe an Ihrer Seite, wir finden gemeinsam eine Lösung. Ich weiß, wo Sie Hilfe kriegen. Das wäre der Wunsch, dass man dran denkt, dass man sich frühzeitig an die KoKi wenden kann. Nicht erst, wenn es konkrete Anzeichen einer Gefährdung gibt.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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