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Gemeinden trauern um Otto Schwerdt

Nachruf „Als Gott und die Welt schliefen“: Otto Schwerdt (84) brachte Tausenden Schülern die Schrecken der Shoa nahe. Er starb am Sonntagmorgen.

Otto Schwerdt (1923-2007)Foto: privat

Von Helmut Wanner, MZ

Regensburg. Bis zuletzt im Einsatz für seine Gemeinde, stürzte der 84-Jährige am ersten Werktag nach den Weihnachtsfeiertagen die Treppe des jüdischen Gemeindehauses hinunter und kam direkt vor der Tür des alten Bethauses zu liegen. Die Rettungskräfte lieferten ihn mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus der Barmherzigen Brüdern ein, wo er am frühen Sonntagmorgen verstarb, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben.

Der 1923 in Braunschweig Geborene trug die Häftlingsnummer von Auschwitz-Birkenau am linken Unterarm und nie verheilende Wunden in seiner Seele. Als 22-Jähriger war er aus Theresienstadt befreit worden. Nach dem Krieg holte er in Weiden sein Abitur nach, studierte zwei Semester an der Theologisch-Philosophischen Hochschule in Regensburg. Ab 1948 kämpfte er in der Armee für die Unabhängigkeit des Staates Israel. Dort heiratete er 1949 seine Frau Gela, die ihm drei Kinder schenkte. 1954 kehrte er nach Regensburg zurück, wo er im Geschäft seines Vaters arbeitete. Mit seinem Vorstandskollegen Hans Rosengold prägte Schwerdt jahrzehntelang das Bild der jüdischen Gemeinde. Als Landesausschussvorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und Rundfunkrat verschaffte sich Schwerdt in ganz Bayern Anerkennung. Landtags-Präsident Alois Glück zählte zu seinen persönlichen Freunden. Wie sehr er nach der Zuwanderung von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion um Integration bemüht war, zeigt die Tatsache, dass er im hohen Alter noch Russisch lernte.

Seine Tochter Mascha Schwerdt-Schneller half ihm, seine traumatischen Jugend-Erlebnisse in einem Buch zu verarbeiten. Das war sein großer seelischer Befreiungsakt und eine beispielhafte Tat der Versöhnung und des Erinnerns an die Toten. So wurde er am Ende seines Lebens bei Tausenden von Schülern in ganz Deutschland bekannt und beliebt, in dem er in unnachahmlicher Art aus „Als Gott und die Welt schliefen“ vortrug (über 40000 verkaufte Exemplare). Die Kinder waren tief berührt und schickten ihm persönliche Briefe und Geschenke nach Hause. „Bei Ihnen findet man kein Anzeichen des Hasses. Bewundernswert!“, so eine Stimme von hunderten. Schwerdt ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und des Bayerischen Verdienstordens. Pax Christi zeichnete ihn im Juli 2001 mit dem Preis für Zivilcourage aus.

Am 3. Januar wäre Otto Schwerdt 85 geworden. Nun wird er am 2. Januar, dem Tag vor seinem Geburtstag, um 14 Uhr im alten jüdischen Friedhof an der Schillerstraße in Regensburg beerdigt.

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