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Strassenexerzitien

„Gottes Antwort ist nicht zu erzwingen“

Jesuit Christian Herwartz schickt die Katholikentagsbesucher ins Getümmel. Sie sollen meditieren und nach ihrem Gott suchen.
Von Bettina Mehltretter, MZ

Regensburg. Christian Herwartz sieht mit seinem alttestamentischen Bart aus wie ein Hirte. Um ihn herum, in einem Klassenzimmer der St.-Marien-Schulen, sitzen beinahe 40 Gläubige. Was Herwartz zu ihnen sagt, klingt wie eine Drohung: „Ich sende euch wie Lämmer unter die Wölfe. Nehmt kein Futter mit!“

Aber die Gläubigen sind freiwillig da. Bei den Straßenexerzitien wollen sie in sich hineinhorchen. Sie wollen Ausschau halten nach dem Ort, an dem Gott auf sie wartet. Im lauten Regensburg, das zum Katholikentag noch lauter ist, ist das eine Herausforderung. Doch Herwartz, ein Jesuit aus Berlin, will verhindern, dass die Gläubigen gleich „angebaggert“ werden von den bunten Ständen und der Vielfalt des Angebots. „Lasst euer Portmonee da und den Rucksack“, sagt er. „Ihr kauft euch sonst ein Überlebenspaket.“ Skepsis macht sich breit.

Viele der Gläubigen werden später trotzdem ihr Gepäck in die Mitte des Stuhlkreises legen. Sie vertrauen „dem Christian“, den sie duzen dürfen. Dabei kennt kaum einer seine Geschichte: In Berlin ist der frühere Arbeiterpriester ein Engel der Hilflosen. In einer der Kreuzberger Straßen, in die sich selten ein Tourist verirrt, lebt er mit Obdachlosen, Menschen ohne Ausweis und Abhängigen in einer Kommune. Vorvergangenen Freitag erst stand ein Mann vor seiner Tür, der am selben Tag aus der Abschiebehaft entlassen worden war. Am Montag darauf sollte er sich bei den Behörden melden. Ein andermal klingelte ein junger Vater, an der Hand sein dreieinhalbjähriges Kind. Er hatte es vor dem Lebensgefährten seiner Ex-Frau retten wollen, der schon wegen Kindesmisshandlung in Haft saß.

Barfuß, bei zwölf Grad Celsius

Herwartz legt den Teilnehmern der Straßenexerzitien eine dritte Regel auf: „Zieht eure Schuhe aus.“ Das aber geht allen zu weit. Sie protestieren kopfschüttelnd. Zwölf Grad kühl ist es, und die vergangenen Regentage stecken ihnen noch in den Knochen. Der Jesuit schmunzelt: „Wie ihr den Satz mit den Schuhen übersetzt, ist natürlich euch überlassen.“ Es gehe nicht darum, frieren zu müssen für Gott, sondern darum, jegliche Distanz abzulegen. Barfuß stünde der Mensch verletzlich und gewaltlos vor anderen. Horwartz’ vierte Regel: „Grüßt nicht unterwegs.“ Niemand soll sich zu etwas gezwungen fühlen. Sonst spüre er nicht, wo der Auferstandene wirkt, der ein Versteckspiel mit den Gläubigen spielt. Als Gärtner trat der einst den Frauen am Grab gegenüber, als Fremder den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. „Hey Leute, hier bin ich!“, schrie er nie.

Das Modell der Straßenexerzitien ist Ende der 1990er-Jahre in Herwartz’ Wohngemeinschaft entstanden. Menschen hatten um Exerzitienbegleitung gebeten. Wie die biblische Figur Mose waren sie in die Fremde gezogen und hatten brennende und nicht brennende Dornbüsche gefunden. Wie Mose hatten sie ihre Schuhe ausgezogen und an diesem Ort auf eine Botschaft gewartet.

Schnurstracks ins Getümmel

Aufbruch im Klassenzimmer! Die Gläubigen verlassen den Raum, die Schule. Manche laufen Richtung Dörnbergpark, andere tauchen ins Katholikentagsgetümmel ein. Werden sie bei den Straßenexerzitien überhaupt eine Erfahrung machen, die sich nachher, beim Wiedersehen in der Gruppe, erzählen können? Herwartz kennt diese Frage. Allerdings breche in den Teilnehmern immer etwas auf. Ob ihnen das ausreicht, sei fraglich. „Man kann den lieben Gott nicht zwingen, dass er genau in vier Stunden eine Antwort gibt“, sagt der Jesuit.

Eineinhalb Stunden später. Die Gläubigen treffen sich auf dem Neupfarrplatz wieder, im Trubel des Katholikentags. Auf dem Boden stapeln sich ihre Rucksäcke. Kinder laufend lärmend um die Gruppe, als Herwartz einen Impuls spricht, der helfen soll, in kleinen Gruppen über das Erlebte zu sprechen.

Dann verschwindet der Jesuit mit einer Handvoll Teilnehmern auf der Empore der Neupfarrplatzkirche. Andere Gruppen ziehen sich in andere Winkel der Kirche zurück. Andrea, erfahren in Exerzitien, setzt sich mit fünf Frauen, darunter zwei Ordensschwestern, links neben den Altar. Ein zweiter Helfer kommt hinzu, Klaus. Die beiden Exerzitienbegleiter wollen zuhören, wenn die Frauen von ihren Erlebnissen erzählen.

Eine aus dem Landkreis Schwandorf spricht davon, wie sehr sie ein Mann beeindruckt hat, der sich ohne Scheu auf eine Bank in der Cafeteria der St.-Marien-Schulen schlafen gelegt hat. Wie ihr dessen Verhalten Mut gemacht hat, selbst loszulassen. Und eine der Ordensschwestern, die bald für längere Zeit nach Indonesien aufbricht, rekapituliert ihre Begegnung mit einem Obdachlosen, der wunderbar Flöte spielte. „Wenn jeder nur das tut, was er kann, können wir die Welt retten“, erklärte ihr der Mann.

Die junge Nonne strahlt, als sie von dem Gespräch erzählt. Der Satz des Flötenspielers mache Mut für Indonesien.

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