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Politik

Großes Theater, nicht nur auf der Bühne

Nach nerviger Wackelpartie: Kräftiger Applaus für Steinbeißers Drama „Lehrerin Elly“ und die Aufführung des ue-Theaters.
Von Susanne Wiedamann, MZ

  • „Du siehst es selbst, wie man mir den Boden unter den Füßen wegzieht und mich mit Gewalt in die Arme der Revolution treibt!“, sagt Lena Ghio als Elly Maldaque, mit Felix Reinelt als Volkmann. Foto: Tino Lex
  • Wolfgang Hagen zeigt das Orginal der ersten Fassung des Stücks. Foto: sw
  • Der Vater Wilhelm Maldaque (Joachim Lösel) monologisiert vor Ellys Mutter (Sara Rettig) über die „rechte Art“. Foto: Lex
  • Elly Maldaque (Lena Ghio) beruft sich auf ihr demokratisches Recht – und soll als vermeintlich Gestörte in die Nervenheilanstalt. Foto: Lex

Regensburg.Diese Premiere wird vielen lange in Erinnerung bleiben. Nicht nur weil das politische Stück „Lehrerin Elly“ quasi erst mit über 80 Jahren Verspätung auf die Bühne kam. Sondern gleich aus einer Vielzahl von Gründen: wegen der erstklassigen Inszenierung durch das ueTheater und die Güte dieses vernachlässigten Stücks. Wegen der Wiederentdeckung eines Regensburger Autors, der es verdient hat, dass sich die Theater seiner Dramen wieder annehmen. Und schließlich, weil es überhaupt zu dieser Aufführung kam, obwohl dem Unterfangen erst letzte Woche noch der Wind entgegenblies.

Groß sind die Erwartungen im Premierenpublikums vor der Vorstellung im Theater der Universität am Mittwochabend. Zwei ältere Damen können sich noch gut an eine szenische Lesung 1970 erinnern, in der der damalige Präsident der Regensburger Schriftstellergruppe International (RSGI), Erich Ludwig Biberger, die vergessene Tragödie der „Lehrerin Elly“ von Josef Wolfgang Steinbeißer erstmals vor Publikum präsentieren ließ. Biberger hatte auch eine Aufführung im Stadttheater im Sinn, die aber nicht zustande kam. „Zu der Zeit war es verpönt, dass man etwas darüber bringt“, weiß eine der Damen und freut sich auf die jetzige Uraufführung.

Das erste Regensburger Nazi-Opfer

Auch Annette Halm, vor einem Jahr zugezogene Regensburgerin, ist gespannt. Als Mitglied der Falken weiß sie um das große Interesse der Regensburger Lehrerin Elly Maldaque an Sozialismus und Kommunismus – und dass ihr dies zum Verhängnis wurde, dass sie zum ersten Opfer der Nationalsozialisten in Regensburg wurde, eingesperrt im Irrenhaus und am 20. Juli 1930 aus ungeklärter Ursache verstorben. „Ich will mehr über sie erfahren“, sagt die Sozialpädagogin.

Auch Wolfgang Hagen, Schwiegersohn der jüngsten Tochter des Autors Steinbeißer, freut sich auf die Premiere. Bereits seit mehr als drei Jahren ist er mit Regisseur Kurt Raster in Verbindung, hat die Vorbereitungen mitverfolgt und unterstützt. „Das war bis zuletzt spannend, weil vergangene Woche plötzlich Stefan Rimek von der RSGI angerufen und gesagt hat, die Rechte an dem Stück lägen bei der RSGI. Es täte ihm leid, aber es könne sein, dass er die Uraufführung verbieten muss.“ Hagen macht aus seinem Groll kein Hehl, auch wenn Rimek einen Tag später zurückgerudert sei.

Ansonsten habe ihn selbst Rimeks Einlassung ziemlich kalt gelassen. Die Familie habe die Rechte an allen Steinbeißer-Stücken. Es gebe kein Testament, das etwas anderes festlege, habe ihm seine Schwiegermutter Charlotte Stojko versichert, erzählt Hagen und zeigt das Orginalmanuskript der ersten Fassung, die damals noch „Die Kommunistin“ hieß. Steinbeißer, ein enger Freund der Elly Maldaque, hatte sich noch am Tag ihres Todes hingesetzt und diese erste Version geschrieben: „Dem Andenken der Lehrerin Elly Maldaque gewidmet. Regensburg am 20. Juli 1930“, steht da zu Beginn.

Aus allen Wolken gefallen

Trotzdem hatte Rimeks Ankündigung wenige Tage vor der Premiere wie eine Bombe gewirkt: „Das war schon ein Schock! Ich bin aus allen Wolken gefallen!“, sagt Regisseur Raster. Doch das Ensemble war sich seiner Sache sicher. „Steinbeißer hatte keinen Verlag. Und von der Familie hatten wir das Einverständnis.“

Natürlich hätte er die Premiere nicht platzen lassen, betont RSGI-Präsident Stefan Rimek, der sich die Uraufführung nicht entgehen lässt. Er habe sich geärgert, weil er erst zehn Tage vor der Premiere von der Inszenierung durch das ue-Theater erfahren habe. Dabei habe er doch Kurt Raster bei der Recherche geholfen (was dieser auch im Programmheft würdigt). Und die RSGI hätte doch selbst die Uraufführung angestrebt, und er den Intendanten des Theaters Regensburg schon darauf angesprochen gehabt. Er sei davon ausgegangen, dass die Schriftstellergruppe die Rechte besitzt, da Biberger ja die Lesung gemacht habe. Dass er gesagt hatte, dass er die Premiere vielleicht „verbieten“ müsse, bestreitet Rimek nicht. „Hätten meine beiden Vize-Präsidenten das verlangt, hätte ich nicht anders gekonnt,“ sagt er.

Dass das Ensemble dann eine herausragende Inszenierung mit starken schauspielerischen Leistungen zeigt – allen voran Lena Ghio in der Rolle der Elly Maldaque –, grenzt angesichts dieses Vorgeplänkels an ein Wunder. Das Publikum klatscht und trampelt donnernden Applaus. Selbst Rimek lobt: „Das haben die sehr gut gemacht!“ Und auch Premieren-Gast Ernst Seler, der einst gegen Kruzifixe in Klassenzimmern klagte, ist wegen der Parallelen des Stücks mit der Gegenwart beeindruckt. „Das ist große Aufklärung!“

Sonja Hagen, die mit viel Familie zur Uraufführung des Stücks ihres Großvaters gekommen ist, ist sehr zufrieden: „Ich bin ganz begeistert!“ „Es hat mir sehr gut gefallen,“ sagt auch Robert Steinbeißer. Und Wolfgang Hagen ist noch ganz ergriffen: „Ich fand’s gut, teilweise mit Gänsehautgefühl, wenn man an die Aktualität denkt.“

Service

Das Stück ist im Theater der Universität Regensburg noch am Freitag (17. Januar) um 19.30 Uhr zu sehen. Es spielen (teils mehrere Rollen) Marion Forster, Lena Ghio, Florian Schmid, Thomas Jahnke, Felix Reinelt, Sara Rettig und Joachim Lösel.

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