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Kommentar

Grundschule ist pralles Leben

Ein Kommentar von Thomas Kreissl, MZ

Mirjam Thurn hat Recht. Die Grundschule ist das Leben. Das hat die Regensburger Konrektorin in einem Interview zum Auftakt unserer Themenwoche „Abenteuer Grundschule“ gesagt. Und auf den sechs Doppelseiten, die seitdem im Regensburger Lokalteil erschienen sind, hat sich dieser Satz bestätigt. In der Grundschule tobt das pralle Leben in seiner ganzen Vielfalt. Hier vereinigen sich nicht nur unterschiedlichste Erfahrungen, Kompetenzen und Interessen, sondern auch ein breiter kultureller und sprachlicher Hintergrund.

Das ist eine enorme Herausforderung für die Schüler, für die Lehrer und auch für die Eltern. Nicht zuletzt stellt das alles aber auch immense Anforderungen an das Schulsystem. Das scheint auf einem guten Weg. Es hat sich viel getan in der Grundschule, zuletzt mit dem neuen Lehrplan Plus, der sich in nie gekannter Weise an den Kompetenzen der Kinder orientiert, den Unterricht oft von Grund auf verändert und auf Gespräche statt auf Zeugnisse setzt. Dabei haben die staatlichen Lehrplan-Macher sicher auch den ein oder anderen Blick auf Reformschulen riskiert und so in manchen Bereichen die Unterschiede verkleinert.

In den Grundschulen sollen die vielen kleinen Persönlichkeiten mit ihren ganz individuellen Fähigkeiten im Mittelpunkt stehen. Nichts weniger haben sich Schulbehörden, vor allem aber die Lehrer vorgenommen. Dass viele von ihnen daran mit großem Enthusiasmus arbeiten, klingt aus Gesprächen und Diskussionen immer wieder heraus. Der Zeitpunkt dafür ist nicht schlecht. Denn viele junge frisch ausgebildete Pädagogen drängen derzeit an die Grundschulen. Dort sind sie sehr gefragt, weil es viel zu wenige Grundschullehrer gibt für die enorme Zahl von Aufgaben, die dort warten – seien es nun Übergangsklassen, Ganztagsangebote, inklusive Schulen, flexible oder Kombiklassen.

All das rückt oft – vielleicht auch zu oft – in den Hintergrund, wenn sich Debatten um die Grundschule auf die 4. Klasse verdichten. Denn so vielfältig, so kreativ und so voller Rücksicht auf das einzelne Kind die ersten drei Jahre in der Grundschule sind, so radikal ist der Bruch in der 4. Klasse. Denn dann, wenn es um den Übertritt geht, zählen oft genug nur noch Noten und Notenschnitte. Die mögen für viele Grundschüler kein großes Problem sein, für nicht wenige aber eben schon. Wenn sie oder ihre Eltern trotzdem die Realschule oder das Gymnasium im Fokus haben, schafft das Druck – zu viel Druck.

Da hilft dann eben auch der Hinweis auf die hohe Durchlässigkeit des bayerischen Schulsystem nicht wirklich. Die ist zwar da und bietet auf dem Bildungsweg vielerlei Optionen. Doch es ist nicht von der Hand zu weisen, dass viele Eltern in der Mittelschule trotzdem eine Restschule sehen. Das mag am gesellschaftlichen Umfeld, an der eigenen Biografie oder daran liegen, dass sie nur das Beste für ihre Kinder wollen. Fakt ist aber, dass hier auch die starke Ausprägung des dreigliedrigen Schulsystems in Bayern eine Rolle spielt. Wer die Schularten so früh und so deutlich voneinander trennt, braucht sich nicht wundern, wenn das letzte Glied in der Kette darunter leidet.

Der Übertritt kommt in Bayern zu früh. Denn die Grundschule ist eben nicht dazu da, Zehnjährige für weiterführende Schulen zu selektieren. Sie trägt vielmehr einen wichtigen Teil dazu bei, dass sich aus jungen Menschen Persönlichkeiten entwickeln.

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