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Prozesse

Haft, weil er eine Sterbende erlöste?

Im Prozess um den Heroin-Tod von Nancy K. aus Etterzhausen trennen Anklage und Verteidigung Welten. Urteil fällt am 26. Juli.
Von Wolfgang Ziegler

Freiheitsstrafe oder Freispruch? Alex O. wird erst am Freitag Klarheit haben. Foto: Ziegler
Freiheitsstrafe oder Freispruch? Alex O. wird erst am Freitag Klarheit haben. Foto: Ziegler

Regensburg.In dem Totschlags-Prozess gegen den berufslosen und heroinabhängigen Alex O. gehen die Meinungen zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung weit auseinander. Der 40-Jährige aus Etterzhausen soll laut Anklage seine 27-jährige, ebenfalls drogensüchtige Lebensgefährtin Nancy K., die an Gebärmutterhalskrebs im Endstadium litt, im Mai vergangenen Jahres in seiner Wohnung in Etterzhausen mit einer Überdosis Heroin getötet haben. Während Staatsanwältin Alexandra Landsmann dafür am Freitag in ihrem Plädoyer zwei Jahre und drei Monate Freiheitsentzug beantragte, gab es für Verteidiger Helmut Mörtl nur ein mögliches Urteil: Freispruch. Wenn sein Mandant der 27-Jährigen überhaupt eine Überdosis Heroin gespritzt habe, was nicht erwiesen sei, dann habe er damit Leid während des Sterbevorgangs gelindert, aber das Leben nicht verkürzt, sagte er.

Die Anklageschrift der Staatsanwältin hatte sich am ersten Verhandlungstag zunächst ganz anders gelesen. Sie war davon ausgegangen, dass Alex O. seiner unheilbaren und zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ansprechbaren Freundin über den bei ihr gelegten Infusionsschlauch mit einer Injektionsspritze eine hohe Dosis Heroin verabreicht hatte. Durch die damit verbundene Morphin-Vergiftung habe die Frau einen Atemstillstand erlitten und sei verstorben. Im Oberschenkelvenenblut war nach den Worten der Anklagevertreterin eine Konzentration an freiem Morphin von 5500 Nanogramm pro Milliliter festgestellt worden, was eine Überschreitung einer ohnehin tödlichen Dosis um das 55-Fache bedeutet.

Ein minder schwerer Fall

Während der Hauptverhandlung war das Eis, auf dem sich die Staatsanwältin bewegte, zunehmend dünner geworden. Zunächst hatte ihr vermeintlicher „Kronzeuge“ vor Gericht anders ausgesagt als noch bei der polizeilichen Vernehmung. Dann hatte sich der erfahrene Regensburger Substitutionsarzt Dr. Eduard Boniakowski, der sowohl Nancy K. als auch Alex O. über Jahre hinweg behandelte, demonstrativ vor den Angeklagten gestellt.

Der 40-Jährige, so Dr. Boniakowski, sei in der Leidenszeit seiner Patientin der Einzige gewesen, der sich um sie gekümmert habe. Er habe alles für sie getan – die Windeln gewechselt, sie mit Essen versorgt, gewaschen und geputzt. Und er habe „unter der Situation gelitten wie ein Hund“, sagte der Mediziner. Als er am Mittag des 8. Mai 2018, dem Todestag von Nancy K., noch einmal zu einem Hausbesuch vorbeigekommen war, hatte sich der Zustand der 27-Jährigen massiv verschlechtert. Sie habe geschlafen und phantasiert, erinnerte sich der Drogen-Arzt vor Gericht. Ihre Haut sei pergamentartig, die Adern hervorgetreten gewesen. Dr. Boniakowski notierte damals in seinen Aufzeichnungen „moribund“ – im Sterben begriffen.

In ihrem Plädoyer meinte Staatsanwältin Landsmann dennoch, dass die Hauptverhandlung den angeklagten Sachverhalt bestätigt habe – wenngleich der „Kronzeuge“ nicht bei der Stange geblieben war, wie sie einräumen musste. Sie gestand auch ein, dass das Opfer unheilbar krank und mit seinem Ableben zu rechnen gewesen sei. Dennoch: „Ohne die Gabe des Heroins über den Infusionsschlauch hätte Nancy K. ein wenig länger gelebt und wäre nicht zu diesem Zeitpunkt verstorben.“

Die Staatsanwältin ging zudem davon aus, dass Alex O. vorsätzlich gehandelt hatte. Er habe den Tod seiner Lebensgefährtin billigend in Kauf genommen, sagte sie – und wertete die Tat rechtlich als Totschlag, wenngleich als minder schweren Fall. Auch wenn der Tod für Nancy K. letztlich „eine Erlösung gewesen“ sei und der Leidensprozess der 27-Jährigen „den Angeklagten schwer mitgenommen“ habe, so hielt sie eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten für angemessen.

Mörtl fordert Freispruch

Der Verteidiger von Alex O., Rechtsanwalt Helmut Mörtl, begann seinen Schlussvortrag philosophisch: Man müsse das Einfache als einfach begreifen, sagte er und wollte die Blicke auf die tatsächlich gegebene Faktenlage gerichtet wissen. Der bereits laufende und von Dr. Boniakowski bestätigte Sterbeprozess von Nancy K. sei nicht unterbrochen worden. Und die Obduktion ihres Leichnams habe als Todesursache die Krebserkrankung ergeben. Wenn sein Mandant überhaupt eine Dosis Heroin verabreicht habe, was nach seinen Worten nicht habe bewiesen werden können, dann um Leid im Sterbevorgang zu lindern und nicht um Leben zu verkürzen. „Alex O. habe möglicherweise dafür gesorgt, dass seine Freundin den Tod, der gerade zur Türe hereinkam, in Ruhe erleben konnte“, so Mörtl.

Der Anwalt sah nicht einmal den Tatbestand des versuchten Totschlags als gegeben an, „weil ein Versuch einen Vorsatz voraussetzt“ – und der sei keinesfalls gegeben. Mörtl plädierte deshalb auf Freispruch und Entschädigung für die zehnmonatige Untersuchungshaft, die sein Mandant habe absitzen müssen, ehe das Landgericht Regensburg den Haftbefehl am 21. Januar dieses Jahres außer Vollzug setzte.

Ihr Urteil will die Schwurgerichtskammer am 26. Juli verkünden.

Hier können Sie nachlesen, was dem Angeklagten vorgeworfen wird und wie der Prozessauftakt abgelaufen ist:

Sterbehilfe

Todkranker Freundin Heroin gespritzt?

Im Etterzhausener Totschlagsprozess wackelt die Anklage. Der „Kronzeuge“ hat die Tat nämlich „nicht richtig gesehen“.

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