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Regensburg
Montag, 16. Juli 2018 29° 8

Maiandacht

Hans Schaidinger wurde zum Phantom der Nacht

Ein intriganter Hartl und die drei Punkte des Joachim Wolbergs. Beim Derblecken bekamen Politiker ihr Fett weg.
Von Jürgen Scharf, MZ

Hans Schaidinger alias Martin Simon haderte als Phantom der Nacht mit der bösen Welt. Foto: Tino Lex

Regensburg. Die Nebelmaschine spuckt Dampf, und dann tritt es auf, das Phantom der Nacht: Hans Schaidinger als Maskenmann. In einem ergreifenden Monolog beklagt sich das Stadtoberhaupt über die Ignoranten, Intriganten und Banausen, die alle seine Klasse und Größe nicht erkennen. Er, der einzig wahre Hans, opfere sich für sein Regensburg auf und erhalte keinen Lohn dafür. Doch er gibt nicht auf: „Das Joch der Pflicht, ich werd’ es tragen bis zuletzt.“

Bis zuletzt harrten auch die 300 Besucher in der Hubertushöhe am Dienstagabend aus: Minuten lang spendeten sie den Akteuren des Singspiels „Die Stuhlprobe“ und auch Wolfgang Krebs alias Dr. Edmund Stoiber, der zuvor die Leviten gelesen hatte, am Ende Applaus. Die Zuschauer waren begeistert vom Engagement der Darsteller und der feinen Beobachtungsgabe, mit welcher der Verfasser der Texte, Peter Kittel, die Stadtpolitik aufs Korn genommen hatte. Am Ende konnten auch die Derbleckten unterm Strich zufrieden sein. Kittel tastete sich bei seinen Gags durchaus an die Gürtellinie ran, radikal-satirische Tiefschläge gab es aber nur vereinzelt.

Wer darf nach Hans Schaidinger auf dem Sessel des Oberbürgermeisters Platz nehmen? Um diese Kernfrage hatte Kittel sein Singspiel aufgebaut. Natürlich waren alle potenziellen Kandidaten versammelt – und präsentierten sich mit all ihren Ticks.

Das „Unter uns g’sagt“ des Rieger Franzä (gespielt von Robert Paul) und die Drei-Punkte-Ansprachen von Joachim Wolbergs (Jason Dillig) dienten als doppelter roter Faden durch den Regensburger Politbetrieb. Unterhaltsam wurde Wolbergs’ Angewohnheit, seine Reden in Punkte zu untergliedern und dabei gerne auch in seine Kindheit zurückzublicken, aufs Korn genommen. Einflüsterter Norbert Hartl (Marcus Klare) hatte seine liebe Müh, seinem Ziehsohn diese Marotte wieder auszutreiben. Ein bisserl Intrigieren, das dürfe aber schon sein, das brauche es sogar, wenn man nach oben will, meinte der Norbert. Und noch wichtiger wäre diesem gewesen, dass sich der Wolli endlich mal auf den OB-Stuhl setzt, um zu sehen, ob er passt. Doch davor hatte Wolbergs genauso viel Skrupel wie Rieger. Ja, soll ich jetzt oder soll ich nicht...

Nur gut, dass es die Raumpflegerin Jessi Schletzbichler (Sabine Beintinger) gibt. Weil sich der Oberbürgermeister in Anlehnung ans Phantom der Oper aus Furcht vor der Verachtung der Menschen ins dunkle Gewölbe zurückgezogen hat und auch sonst alle mit sich selbst beschäftigt sind, nimmt sie die Dinge in die Hand. Bei ihr darf auch Christian Schlegl (Christian Piwonka) sein Herz ausschütten. Der würde gerne auf dem OB-Stuhl Platz nehmen, sieht seine Chancen aber wie ein Eis in der Sonne schmelzen, weil er das Pech hat, ständig von Schaidinger als Nachfolger vorgeschlagen zu werden. Und so sehr er seinen Boss auch vergöttert, in Sachen OB-Wahl kann er dessen schlechtes Karma und internationale Großmannssucht („Global Player Rengschburg“) nun wirklich nicht gebrauchen.

Und so zögern, zaudern und salbadern sich die Riegers, Wolbergs und Schlegls in dem Singspiel bis zum Tag der Vorentscheidung. Die pfiffige Jessi zaubert da eine Glaskugel hervor. In der kann sie die Ergebnisse des MZ-Politbarometers voraussehen. Die versammelte Polit-Familie hängt an ihren Lippen und Jessi verkündet: „Der Wähler sagt ... ihr könnt ihn mal.“

Nur gut, dass es Dr. Edmund Stoiber alias Wolfgang Krebs gibt. In der Schlussszene sind alle gespannt, wen CSU-Kreischef Armin Gugau als seinen OB-Kandidaten präsentiert. Überraschend springt Stoiber auf die vom Regensburger Bauerntheater wunderbar ausgestattete Bühne. Er überrollt alle anderen Möchtegern-OBs kurzum mit einem „Jawohl, ich mach’s“ – und nimmt dann auf dem OB-Stuhl Platz.

Stoiber hatte seine Regensburgern in einer Generalabrechnung zuvor ohnehin kräftig eines über die Mütze gegeben. Vor allem an Norbert Hartl arbeitete sich der gestrenge Landesvater a. D. ab. Besser gesagt: Er äußerte vielmehr sein Mitleid. Hartl habe schließlich völlig zu Recht Interna aus geheimen Sitzungen ausgeplaudert und die Spesenaffäre um drei Stadträte öffentlich gemacht. Schließlich kenne ein selbstloser Politiker wie Hartl das Problem mit den Aufwandsentschädigungen, die ihm quasi von jeder Seite aufgezwungen würden und denen er sich nicht erwehren könne. Hartls ehrenamtliches Wirken, unter anderem als Bezirks- und Aufsichtsrat sowie Stadtratsfraktionschef, werde da „summa summarum mit der geradezu lächerlichen Summe von über 50000 Euro im Jahr beleidigt“.

Aber selbst über solche Tragikkomik könne laut Stoiber einer wie CSU-Kreischef Armin Gugau nicht lachen: „Böswillige Zungen behaupten gar, verglichen mit ihm sei ein Torpfosten eine rheinische Frohnatur.“

Charmant auch Stoibers Zustandsbeschreibung für den Bürgerverein: „Wir alten Affen sind des Schlegls Wunderwaffen.“ Dass Stoiber selbst noch nicht zum altem Eisen gehört, demonstrierte er mit der Dokumentation von Markus Sackmanns Facebook-Seite. Dort setzte der Staatssekretär schließlich bedeutungsschwangere Wasserstandsmeldungen ab wie: „Wieda dahoam, gfrei mi auf mei Bett.“ Sackmann nahm es mit Humor, genauso wie Schlegl oder Rieger, die ebenfalls leibhaftig im Publikum saßen, und danach gegenüber der MZ Respekt zollten. „Ich habe einige Charakter- und Wesenszüge wiedererkannt und mich sehr amüsiert“, sagte Schlegl. Rieger nahm es sportlich: „Das muss man aushalten können.“ Sackmann sah es ähnlich: „Es tut uns gut, wenn einem der Spiegel vorgehalten wird. Ich habe Tränen gelacht.“

Diesen Spiegel nicht vorhalten lassen wollten sich alle drei Bürgermeister wie auch Hartl, die zur Maiandacht nicht gekommen waren. Kittel hatte so eine Ahnung, wo sie stecken könnten: „Im Luftschutzbunker unter dem Rathaus.“

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