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Themenwoche

„Herausforderung Grundschule“ als Chance

Es gibt gemeinsame Wege für Lehrer, Eltern und Kinder, waren Experten in der MZ-Diskussion einig. Eine Hürde bleibt aber.
Von Martina Hutzler

Regensburg.Die Grundschule ist eine Herausforderung für Kinder, Eltern, Lehrer – aber sie ist auch eine Chance für alle Beteiligten. Vorschläge, wie sich das Pendel wieder mehr in Richtung „Chance“ lenken lässt, ergab die Podiumsdiskussion am Dienstagabend im MZ-Verlagshaus. Vier Fachleute diskutierten vor und mit rund 100 Gästen über Themen wie Lernschwierigkeiten, Übertritt und die Qual der richtigen Schulwahl: Sie stellen häufig die „Herausforderung Schule“ – so das Motto des Abends – dar. Aber keine unüberwindbaren Hürden.

Über die „Herausforderung Schule“ wurde am Dienstagabend im MZ-Verlagsgebäude diskutiert.
Über die „Herausforderung Schule“ wurde am Dienstagabend im MZ-Verlagsgebäude diskutiert. Foto: altrofoto.de

Einig darin waren sich am Podium die Regensburger Schulpsychologin Christine Frey, Elternbeiratsvorsitzende Verena Hinrichs von der Kreuzschule, Konrektorin Mirjam Thurn von der Wolfgangsschule und Diplom-Psychologe Dr. Hermann Scheuerer-Englisch von der Erziehungsberatungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge, die zusammen mit Andrea Fiedler und Thomas Kreissl von der MZ-Lokalredaktion debattierten. Die Diskussion war Teil der Vortragsreihe „Gebt den Kindern Flügel – Abenteuer Schule“, die von der Buchhandlung Dombrowsky, den Regensburger Eltern, Montessori Regensburg, der Erziehungsberatungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge und der Volkshochschule veranstaltet wird und die bis in den März hinein andauert.

„Wir bekommen oft erschreckend negative Selbstbewertungen zu hören von Kindern, die schlechte Noten haben: Sie bezeichnen sich als Versager und ,dümmste Kinder der Welt’“.

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch

Teils sind die Hürden systembedingt: „Wenn ab der dritten, vierten Klasse Noten hinzukommen, wächst der Druck, weil die Kinder dann Vergleichsmöglichkeiten haben“, sagte zum Beispiel Diplompsychologe Scheuerer-Englisch. Er bekomme von Kindern mit schlechten Noten „oft erschreckend negative Selbstbewertungen“ zu hören: Als Versager und „dümmste Kinder der Welt“ qualifizieren sie sich oft selbst ab. Gerade da müssten Eltern gegensteuern, stimmte Mirjam Thurn von der Grundschule St. Wolfgang zu: „Eltern sollten ihren Kindern Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, die Basis zum Wachsen geben“.

„Es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob man in der Grundschule Noten braucht. Man kann auch gut im Beratungsgespräch vermitteln, wie ein Kind steht.“

Mirjam Thurn

Verständlich freilich, wenn Fünfer und Sechser bei Eltern Sorge auslösen: „Eltern wollen natürlich den besten Start ins Leben für ihre Kinder“, und der sei eben mit einer guten Schulbildung verknüpft. Gerade wenn es in der Schule nicht rund läuft, sieht Thurn daher die Lehrkräfte gefordert, „eine gute Kommunikation mit den Eltern aufzubauen“. Auch, um den Eltern darlegen zu können, dass sich ihr Kind in der Schule vielleicht anders präsentiert, „als die Eltern es zu Hause sehen – oder sehen wollen“.

„Für Eltern ist es einfach angenehm, wenn Lehrer klare Ansagen machen – gerne schon am ersten Elternabend“.

Verena Hinrichs

Eine „offene Kommunikation“ ist den Eltern schon auch wichtig, betonte Verena Hinrichs. Die Elternbeiratsvorsitzende empfindet es als „angenehm, wenn Lehrer klare Ansagen machen – gerne schon am ersten Elternabend“. Es müssen gar nicht immer die großen Schulprobleme sein, die Stress zu Hause erzeugen, weiß sie aus eigener Erfahrung: Das schafft auch schon die halbstündige Diskussion darüber, mit welchem Stift nun die Hausaufgabe zu erledigen ist.

Wenn die Hausaufgaben ein Kind offenkundig total überfordern, dann so Hinrichs, sollten Eltern erst recht das Gespräch mit dem Lehrer suchen. Wenig hielt sie von Nachhilfe schon in der Grundschule. Erziehungsberater Dr. Scheuerer-Englisch pflichtete ihr bei: „Wenn es um Nachhilfe geht, geht es meist schon um die Noten – und damit nicht mehr ums Kind“. Aus dessen Sicht aber müsse man das Problem beleuchten: Versteht es nicht, was die Lehrkraft will? Kommt es mit der Methodik nicht klar oder geht es in der Klasse „unter“?, nannte er als Beispiele.

„Es kann temporär die Belastung aus einer Familie herausnehmen, wenn Nachhilfe von außen geholt wird.“

Christine Frey

Nicht generell verteufeln wollte dagegen Christine Frey die Nachhilfe für Grundschüler: „Es kann temporär die Belastung aus einer Familie herausnehmen“, wenn Hilfe von außen geholt wird, beobachtet die schulpsychologische Beratungsrektorin. Ebenso berechtigt sei, wenn Eltern versuchten, Schulproblemen auf den Grund zu gehen und, zum Beispiel bei Teil-Leistungsschwächen, frühzeitig Hilfe suchen. Auseinander driften das vermeintlich und das tatsächlich „Beste fürs Kind“ aus Freys Sicht dann, wenn Eltern die Schullaufbahn auf Gedeih und Verderb an einem vermeintlich „hochwertigen“ Abschluss ausrichten – und nicht an den Interessen und Fähigkeiten des Kindes. Letzteres werde Eltern aber seit einigen Jahren wieder wichtiger als der verbissene „Übertrittskampf“ beobachtet die Schulpsychologin von der Grundschule Burgweinting erfreut.

Kurt Bauer, Gast bei der MZ-Podiumsdiskussion, hielt den starren Übertrittszeitpunkt nach der Vierten  für anachronistisch.
Kurt Bauer, Gast bei der MZ-Podiumsdiskussion, hielt den starren Übertrittszeitpunkt nach der Vierten für anachronistisch. Foto: altrofoto.de

Ließe sich dieser Kampf nicht einfach befrieden, indem die Schulwahl nach der Vierten ganz ins Ermessen der Eltern gestellt würde, wollten die Moderatoren Andrea Fiedler und Thomas Kreissl wissen. Da war Verena Hinrichs skeptisch: „Das nimmt den Druck aus der Vierten weg – aber nicht grundsätzlich von den Kindern. Eine falsche Schulentscheidung bleibt eine falsche Schulentscheidung.“ Sie sprach den Grundschul-Lehrkräften ein gutes Einschätzungsvermögen zu in der Frage, welche Schule für ein Kind geeignet wäre. „Es ist an der Gelassenheit der Eltern, ob sie dem Lehrerrat – und vielleicht auch ihrem eigenen Gespür – vertrauen.“

Leichter gesagt als getan in der konkreten Übertritts-Situation, räumte Schulpsychologin Frey ein. Helfen könne, sich die Durchlässigkeit vor Augen zu führen, die unser Schulsystem hierzulande mittlerweile hat. Die vielen Wege zu Abschlüssen lassen sich zu einer „aufsteigenden Schullaufbahn“ kombinieren, die dem Kind zu Erfolgserlebnissen verhilft, riet sie. Ganz im Sinne von Beratungsstellen-Leiter Scheuerer-Englisch: „Wir wollen Eltern vermitteln: Es gibt keine Umwege, sondern nur Wege“ – und ein praxisnaher Weg, zum Beispiel mit Lehre, Meister und dann vielleicht Studium sei für viele ein guter Weg.

Zuschauerin Dorina Sandner findet es „beruhigend, dass unser Schulsystem so durchlässig geworden ist“. Ein  Umweg auf dem Weg ins Berufsleben sei der Weg über mehrere Schulen aber schon.
Zuschauerin Dorina Sandner findet es „beruhigend, dass unser Schulsystem so durchlässig geworden ist“. Ein Umweg auf dem Weg ins Berufsleben sei der Weg über mehrere Schulen aber schon. Foto: altrofoto.de

Vielleicht trennen sich ja die Wege einfach zu früh, gaben die Moderatoren zu bedenken: Warum nicht die Grundschul-Zeit verlängern? „Könnte ich mir gut vorstellen“, antwortete Konrektorin Mirjam Thurn und plädierte für ein flexibles System: „Für leistungsstärkere Kinder ist der jetzige Übertrittszeitpunkt in Ordnung. Für alle anderen wären ein, zwei Jahre mehr Grundschulzeit sehr gut.“ Das war das Stichwort für einen Gast, um die Diskussion der Experten mit dem Publikum zu eröffnen: Kurt Bauer befand, der strikte Übertritts-Zeitpunkt vierte Klasse sei ein völlig überholtes Fossil, „ein politischer Kompromiss aus der Reichsbildungskonferenz von 1924“. „Es gibt keine wirklich guten entwicklungspsychologischen Gründe dafür“, stimmte Dr. Hermann Scheuerer-Englisch zu. Offenkundig sei es „politisch gewollt, möglichst viele Kinder möglichst früh zu einem möglichst ,hohen’ Bildungsabschluss zu führen, stellte Mirjam Thurn fest – gab aber auch zu bedenken, „dass hier gerade wieder ein Umdenken stattfindet“: Stichwort G9-Rückkehr etwa.

Meinungen der Zuschauer

  • Kurt Bauer

    „Gibt es – außer der Tradition – eigentlich eine Notwendigkeit, dass der Übertritt nach der vierten Klasse erfolgt?“, fragte Kurt Bauer. Freilich rhetorisch, denn die Antwort gab der pensionierte Gymnasiallehrer gleich selbst: Der Zeitpunkt sei „ein politischer Kompromiss – aus dem Jahr 1924“, erinnerte Bauer. Und fragte rhetorisch weiter: „Warum ist uns der Zeitpunkt dann so heilig?!“

  • Margit Wild

    Gleich mehrere kritische Anmerkungen zum Grundschulsystem hatte die Politikerin und gelernte Erzieherin. Sie bezweifelte zum einen den Sinn von Hausaufgaben: Den Unterrichtsinhalt vertiefen gut und schön – „aber müsste das nicht die Schule leisten?!“ Alternativen forderte sie auch zum „Sitzenbleiben“: Es sei eine unnötige Belastung für Schüler. Die zudem Buben benachteilige: Die seien im Reifeprozess langsamer als Mädchen.

  • Dr. Regine Köhler

    Die Pielenhofener Schulleiterin vermisste in der Podiumsdiskussion die „Flügel“. In Anspielung auf das Motto der MZ-Themenwoche forderte sie, (Grund-)Schule müsse bei den Kindern wieder „die Lust auf Bildung, Freuden an Inhalten“ wecken, und bei Lehrern die Motivation, Kinder auf ihrem Bildungsweg zu begleiten. Statt nur auf die Leistung zu schielen, sollte sich Schule „öffnen für eine plurale Gesellschaft“, forderte sie.

  • Dieter Simon

    „Wir erleben, dass Regelschulen immer mehr Methoden von uns übernehmen“, beobachtet Simon, Mitglied der Essinger Montessori-Schulleitung: Da wäre es konsequent, wenn die Reformschulen staatlich anerkannt würden, forderte er. „Die Freude am Lernen zu erhalten ist unsere Kompetenz“, sagte er auf eine Rückfrage von Verena Hinrichs – aber freilich sei auch in Reformschulen nicht jedes Kind von jedem Fach begeistert.

  • Ekaterina Ohrner-Natenadze

    Die Kulturwissenschaftlerin richtete das Augenmerk der Runde auf „Kinder, die sehr gut sind“: Auch solche hochbegabten Kinder stünden n der Schule unter Druck, gab sie zu bedenken. Freilich schlug sie auch vor, den Aspekt „Stress“ in der Schule nicht nur negativ zu sehen: „Vielleicht sollte man lieber davon sprechen, ,sich Mühe zu geben’“ – dann sei das durchaus positiv zu bewerten.

  • Monika Eberl

    Die Lehrerin empfand als positive Botschaft der Podiumsdiskussion, „dass Schule und Eltern grundsätzlich schon das gleiche Interesse haben: dass es dem Kind gut geht in der Schule“. Gerade deshalb sollten manche Eltern aber bei der Schulwahl mehr das Wohlbefinden ihres Kindes zum Maßstab nehmen denn gesellschaftliche Erwägungen, rät sie: Das würde viel Druck aus der Übertritts-Phase nehmen“.

  • Dorina Sandner

    Die Diplom-Pädagogin hat die Diskussion auch aus mütterlichem Interesse verfolgt. An ihren Zwillingen erlebt sie schon in der ersten Klasse, wie unterschiedlich Kinder in Lernbereitschaft und Selbständigkeit sein können. „Da sorgt mich schon, wie es wird, wenn eines dann zum Beispiel aufs Gymnasium gehen kann und das andere nicht“, gesteht sie. Immerhin sei, wie heute gehört, die Durchlässigkeit des Systems beruhigend. (hu)

Geändert hat sich auch die einst starre Abgrenzung zwischen staatlichen Regel- und so genannten „Reformschulen“. In der Tat seien ja beide dazu geeignet, „unseren Kindern Flügel wachsen zu lassen“, betonte Konrektorin Mirjam Thun auf einen Beitrag von Montessori-Schulleiter Dieter Simon. Christine Frey plädierte für ein Miteinander beider Schulphilosophien. Egal welche Schulart: Empathische Lehrkräfte, die strukturiert und „durch die Brille des Kindes“ unterrichten, seien entscheidend dafür, „dass Kinder gerne in die Schule gehen“, sagte Dr. Hermann Englisch-Scheuerer zu Dr. Regine Köhlers Mahnung, „mehr Lust am Lernen“ zu wecken.

„Mehr Flügel verleihen: mehr Lust auf Bildung vermitteln!“, forderte in einem Publikumsbeitrag Dr. Regine Köhler, Leiterin der privaten, staatlich genehmigten Realschule Pielenhofen.
„Mehr Flügel verleihen: mehr Lust auf Bildung vermitteln!“, forderte in einem Publikumsbeitrag Dr. Regine Köhler, Leiterin der privaten, staatlich genehmigten Realschule Pielenhofen. Foto: altrofoto.de

Zur Frage von Ekaterina Ohrner-Natenadze nach dem Miteinander von starken und schwachen Schülern in der Grundschule nahm Christine Frey Stellung: „Der Schlüssel liegt in der Individualisierung: Zeiten, in denen man jedes Kind nach seinen eigenen Voraussetzungen und Möglichkeiten arbeiten lässt. Auf Margit Wilds Kritik am „Sitzenbleiben“ gab sie zu bedenken: „Wir sprechen vom Wiederholen einer Jahrgangsstufe: Das kann für Grundschüler eine Chance und deshalb sinnvoll sein.“

Margit Wild kritisierte in einem Redebeitrag das „Sitzenbleiben“ als belastend für Kinder.
Margit Wild kritisierte in einem Redebeitrag das „Sitzenbleiben“ als belastend für Kinder. Foto: altrofoto.de

Einer kniffligen Aufgabe mussten sich die vier Experten zum Schluss der Diskussion stellen: „Welche Note würden Sie dem aktuellen Grundschul-System geben“, wollte Moderatorin Andrea Fiedler wissen. „Am liebsten würde ich Noten jetzt sofort abschaffen“, antwortete Christine Frey lachend. Vergab aber dann doch ein „sehr gut“ dafür, dass die Vielfalt unserer Gesellschaft sich in den Grundschulen nicht nur abbildet, sondern „jeden Tag sehr, sehr gut bewältigt wird“. Diesen Aspekt betonte auch Dr. Scheuerer-Englisch, der eine „Zwei“ zückte. „Die Grundschulen sind sehr offen für alle Schüler, und die Lehrkräfte haben eine sehr persönliche Beziehung zu den Kindern.“ Das Hauptproblem liegt für ihn „im Übertrittsthema“.

Eine „Drei plus“ gab es von Verena Hinrichs: Aus eigener Mutter-Erfahrung findet sie: „Jungs haben es in der Grundschule sehr schwierig“; technische Fähigkeiten etwa seien dort kaum gefragt, sehr wohl dagegen Anforderungen wie „schön schreiben oder malen“ – und da seien Mädels einfach im Vorteil.

Mirjam Thurn ersetzte die Benotung elegant durch eine mündliche Bewertung: Mit den Worten von Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig befand sie: „,Sachen klären’ – da sind wir sehr, sehr gut aufgestellt. ,Menschen stärken’: Das können wir auch gut, aber in der vierten Klasse wird das schwierig. Da können wir noch besser werden.“

Die Podiumsdiskussion steht im Zentrum unserer Themenwoche „Abenteuer Grundschule“. Hier geht es zu unserem Spezial.

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