MyMz
Anzeige

Umwelt

Heute nicht auf Kosten von morgen leben

Wer engagiert sich in Regensburg für Nachhaltigkeit? Initiativen stellen sich vor und erklären, wie sie neue Wege finden.

Zwischen Kürbisstauden und Gemüsebeet haben die Mitglieder von Transition Town in Stadtamhof ein Plätzchen zum Sitzen und Verweilen geschaffen. Interessierte sind gern gesehen.
Zwischen Kürbisstauden und Gemüsebeet haben die Mitglieder von Transition Town in Stadtamhof ein Plätzchen zum Sitzen und Verweilen geschaffen. Interessierte sind gern gesehen. Foto: MZ-Archiv/Scheffer

Kathrin Düser, Walderlebniszentrum Regensburg:

„Heute nicht auf Kosten von morgen und hier nicht auf Kosten von anderswo leben.“

Nachhaltigkeit hat zwei Aspekte. Als Försterin sehe ich zuerst die forstliche Nachhaltigkeit. Es bedeutet, dass man nicht mehr Holz aus dem Wald ernten sollte, als in der gleichen Zeit nachwächst. Mit dieser engen Auslegung des Begriffs fing es an. Vor 300 Jahre waren die Wälder ausgeplündert und stark übernutzt. Es gab auch noch keine Kohle zum Heizen. Damals kam der Gedanke der Nachhaltigkeit durch den Forstmann Hans Carl von Carlowitz auf. Diese enge Begriffsauslegung hat sich später erweitert. Dabei geht es nicht nur um Holz, sondern um alles, was im Wald und in der Natur vorhanden ist, auch Lebensräume wie Spechthöhlen oder Böden.

Den erweiterten Begriff würde ich so formulieren: Heute nicht auf Kosten von morgen und hier nicht auf Kosten von anderswo leben. Das klingt einfach, aber die Umsetzung ist sehr schwierig. In unserer Gesellschaft haben wir schon vieles auf Kosten von morgen und von anderswo getan, was wir als einzelne Personen nicht beeinflussen können. Trotzdem ist das Engagement im Kleinen sehr wichtig. Es gibt viele Initiativen und Einzelpersonen, die großartige Arbeit leisten. Wir haben auch keine andere Chance, als im Kleinen anzufangen. Es ist wichtig, dass wir uns aktiv für ein nachhaltiges Leben einsetzen. Wir müssen an die Veränderungen glauben – wie soll es sonst gehen? Ich habe ein positives Zukunftsbild, das heißt aber nicht das sofort alles schön ist. Es gehört schon Arbeit dazu, das ist auch anstrengend.

Michelle Platt, Transition Regensburg:

„Transition möchte alle dazu bewegen, etwas für sich und ihre Umwelt zu tun.“

Transition Regensburg richtet sich nach der Peak Oil- und Peak Every-thing-Theorie. Diese Ansätze gehen davon aus, dass nicht nur Öl, sondern alle nicht-erneuerbaren Rohstoffe ihrem Fördermaxium entgegensteuern und bald verbraucht sind. Da sich die natürlichen Ressourcen nach und nach erschöpfen, wird nachhaltiges Handeln notwendig. Transition hat sich zum Ziel gesetzt, nicht-erneuerbare Rohstoffe zu schonen und die erneuerbaren zu fördern. Transition handelt jetzt und versucht dabei alle miteinzubinden. Die Mitglieder setzen sich im Privaten und im öffentlichen Leben aktiv mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander.

Die Transition Bewegung umfasst deutschlandweit circa 140 Initiativen, die alle einen anderen Schwerpunkt setzen. Die Regensburger Initiative ist sehr groß und besteht aus vielen Teilgruppen. Wir betreiben drei Stadtgärten und die Food Coop – eine Kooperative, die Lebensmittel aus saisonalem und regionalem Anbau bezieht und damit Transportwege verkürzt. Im Transition Umsonstladen können ausrangierte Dinge abgeben und kostenlos mitgenommen werden. Wir wollen damit einen bewussten Umgang mit Konsumgütern fördern. Das Repair Café ist eine kostenlose Reparaturwerkstatt, in der jeder zusammen mit Aktiven alte Gegenstände in Schuss bringen kann und vor dem Wegwerfen bewahrt. Jeder soll darüber nachdenken, was er wirklich braucht und nachhaltig mit dem eigenen Lebensraum umgehen.

Phoebe Ploedt, Slow Food Regensburg:

„Wir wollen neue Wege finden, um gute, saubere und faire Lebensmittel zu beschaffen.“

Nachhaltigkeit hat mit einer persönlichen Lebensweise und mit Konsumverhalten zu tun. Als Verbraucher ist jeder davon betroffen, und jeder beeinflusst durch sein Verhalten die Welt. Dieses Verständnis ist die Grundlage für Nachhaltigkeit. Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass die Umwelt, also die Natur, die Mitmenschen und der gesamte Globus, durch das eigene Verhalten beeinflusst werden. Wir müssen das, was erhaltenswert ist, für die nächsten Generationen bewahren.

Der Begriff Nachhaltigkeit ist ein Modewort und wird oft missverständlich gebraucht. Deswegen sollten wir auf den Begriff „enkeltauglich“ ausweichen. Denn es geht auch darum, ein Wertgefüge für kommende Generationen weiterzugeben.

Slow Food ist eine weltweite Verbraucherorganisation, die einen Schwerpunkt auf Essen legt. Die Grundidee ist jedoch auch auf andere Bereiche übertragbar. Es geht darum, neue Wege im sozialen Umfeld zu finden, um nachhaltig mit Lebensmitteln umzugehen. Die Frage ist, wie wir diese bekommen. Welche Wege gibt es? Die Idee von Slow Food ist, nicht mit dem Gedanken „So wie es jetzt ist, ist es schlecht“ zu erstarren. Stattdessen wollen wir gemeinsam neue Ideen entwickeln. Wir arbeiten auch mit anderen Regensburger Initiativen zusammen und organisieren Veranstaltungen so wie den „Slow Tisch“. Neben einer Verköstigung gibt es dort einen Vortrag. Genuss nicht nur für den Bauch, sondern auch fürs Hirn.

Franz Heidelsberger, Forever Green:

„Wir können Öl nicht erst ersetzen, wenn es aus ist. Wir müssen jetzt beginnen.“

Echte Nachhaltigkeit bedeutet, dass es egal ist, ob die Menschheit noch 1000, 10 000 oder eine Million Jahre auf diesem Planeten lebt. In unserem Unternehmen betrifft das speziell die Geothermie. Wir erzeugen Energie auf grundlastschonende und ressourcensparende Art und Weise. Dazu nutzen wir heißes Wasser, das im natürlichen Kreislauf der Erde erhitzt wird. Dabei entnehmen wir nichts von der Erde, das genutzte Wasser wird vollständig wieder zurückgepumpt. In jeder Sekunde fließt Wärme vom heißen Erdinneren nach außen. 30 bis 40 Prozent der Hitze stammen noch aus der Zeit der Erdentstehung, 60 bis 70 Prozent entstehen durch den Zerfall radioaktiver Elemente, die im Erdkern oder Erdmantel enthalten sind. Diese Wärme können wir durch Geothermie nutzen, oder sie einfach verpuffen lassen.

In Februar 2013 äußerte sich Peter Altmaier zur Energiewende. Bis 2040 könnten sich „die Kosten der Energiewende und des Umbaus unserer Energieversorgung auf rund eine Billion Euro summieren“, sagte er in einem Interview. Wenn wir nicht auf alternative Energieversorgung umstellen, dann können sich die Kosten bis 2040 auf 2,5 Billionen Euro belaufen. Die Umstellung auf alternative Energieversorgung ist langfristig gesehen kostensparend. Das belegt auch eine aktuelle Studie der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien. Geothermie und Wind werden dabei als sehr kostengünstige Energiequellen aufgeführt.

Sven Bienert, Zentrum für Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft:

„Es handelt sich nicht um ein Modethema, das bald ad acta gelegt werden kann.“

Nachhaltiges Handeln bedeutet im Kern, Verantwortung in sozialer und ökologischer Hinsicht zu übernehmen. Das impliziert eine Abkehr von kurzfristigen und eigennützigen Entscheidungen. Auf den Punkt gebracht: Der Schutz von Naturgütern und die Berücksichtigung der Bedürfnisse künftiger Generationen lassen sich nicht mit einem spritfressenden SUV oder der kurzfristigen Steigerung des BIP vereinbaren. Bürger und Staat sind gleichermaßen gefordert.

Wir haben es an der Universität Regensburg geschafft, das europaweit größte Zentrum für Immobilienwirtschaft zu etablieren. Unsere Absolventen sind nicht nur in Deutschland, sondern international der Führungsnachwuchs in den Chefetagen großer Immobilienunternehmen. Das bedingt auch eine Verpflichtung. Wir wollen keine uniformen Manager ausbilden, die nur auf die Maximierung ihres Gehalts und der gesammelten Flugmeilen achten. Wir bieten deshalb Vorlesungen und Seminare zum nachhaltigen Wirtschaften an und sehen, dass die jungen Menschen großes Interesse daran haben.

Um Nachhaltigkeit im Alltag umzusetzen, muss sich jeder Einzelne angesprochen fühlen und in seinem Wirkungsbereich handeln. Was ist naheliegend: Verpackungen und Konsum allgemein reduzieren, Mehrwegsysteme fördern, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Flugreisen reduzieren, engagierte Non-profit-Organisationen unterstützten usw. Das ist seit der Agenda 21 bekannt. Wenn wir ehrlich sind, fällt es uns einfach schwer, bei uns selbst anzufangen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht