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Geschichte

Hinter dem Stacheldraht blühte Kultur

An der Donau in Regensburg und an der französischen Atlantikküste waren im Ersten Weltkrieg Gefangene interniert.
Von Florian Sendtner, MZ

  • Christophe Kunze mit dem Titelbild der Lagerzeitung von Île Longue, der „Insel-Woche“: Es zeigt eine Lithographie von Max Pretzfelder. Foto: Florian Sendtner
  • Monsieur le Capitaine Bernard Jacquet im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft Foto: Florian Sendtner

Regensburg.2014 wurde ein wahres publizistisches und mediales Feuerwerk zur Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs abgebrannt. Ein gigantisches Strohfeuer. Wenn der Krieg vor 100 Jahren auch so schnell ein Ende gefunden hätte, wäre er sicher nicht als Weltkrieg in die Geschichte eingegangen. Doch es gibt Ausnahmen: Die deutsch-französische Gesellschaft Regensburg, der Historische Verein und die Staatliche Bibliothek knüpften jetzt mit einem Abend über das französische Kriegsgefangenenlager Île Longue 1914 bis 1919 an einen Vortrag, der 2015 über das Pendant in Regensburg handelte: Hier gab es ein Kriegsgefangenenlager am Unteren Wöhrd. Mittlerweile hat sich ein reger deutsch-französischer Austausch zur Geschichte des Lagers Île Longue entwickelt. Mit Bernard Jacquet und Christophe Kunze referierten der erste und zweite Vorsitzende des Vereins im Regensburger Runtingersaal.

„Ich spreche nicht deutsch.“ Mit seinem ersten Satz hat Bernard Jacquet den gut gefüllten Saal schon für sich gewonnen. Zumal der französische Marineoffizier – sein Titel capitaine de vaisseau entspricht dem deutschen Dienstgrad Kapitän zur See – in fließendem Deutsch weiterspricht. Von 2008 bis 2011 war Jacquet Kommandeur der Île Longue, der Basis der französischen Atom-U-Boote an der Atlantikküste. In diesen Jahren stieß Jacquet auf die Vorgeschichte der Halbinsel an der Nordwestspitze der Bretagne: Hier bestand von 1914 bis 1919 ein Kriegsgefangenenlager, in dem insgesamt 5000 Männer interniert waren.

Ein Regensburger irrte durch Europa

Die meisten Gefangenen waren Zivilisten aus den „Mittelmächten“, mit denen sich Frankreich im Krieg befand: in erster Linie Deutschland, Österreich-Ungarn und die Türkei. Darunter, wie der Romanist Christophe Kunze referiert, der Regensburger Julius Mitterhuber, von dem sich auch im Regensburger Stadtarchiv Spuren fanden. Denn Mitterhuber, ein Dr. med., der bis Ausbruch des Krieges in Paris mit pharmazeutischen Produkten handelte, schrieb Ende August 1914 an das Regensburger Bezirksamt und wollte seine bayerische Staatsangehörigkeit bestätigt haben. Die hatte er allerdings durch seinen mehrjährigen Aufenthalt in Frankreich vorerst verloren.

Christophe Kunze zeigt den Brief von Julius Mitterhuber an das Kgl. Bezirksamt Regensburg, dem wegen „allzulangen Auslandsaufenthalts“ seine bayerische Staatsangehörigkeit abhanden gekommen war.
Christophe Kunze zeigt den Brief von Julius Mitterhuber an das Kgl. Bezirksamt Regensburg, dem wegen „allzulangen Auslandsaufenthalts“ seine bayerische Staatsangehörigkeit abhanden gekommen war. Foto: mto

Am 2. August 1914 flüchtet Julius Mitterhuber aus Paris, am 19. August 1916 wird er auf Île Longue interniert. Zuvor irrt er kreuz und quer durch Frankreich, Deutschland und England, was Kunze anhand von Pfeilen auf einer an die Wand projizierten Karte eindrucksvoll veranschaulicht: „Wege des Julius Mitterhuber“. Im Vergleich zu den Internierungslagern an der Mittelmeerküste, in die Mitterhuber zuerst gebracht wird, erweist sich Île Longue als relativ erträglich. Das zeigt schon ein Blick auf den Lagerplan, den Bernard Jacquet an die Wand projiziert: Neben den Baracken finden sich großangelegte Sportflächen und Tennisplätze, auf denen regelrechte Olympische Spiele veranstaltet werden.

Die Internierungslager

  • Informationen zur Île Longue:

    Ein Verein betreibt eine eigene Webseite zur Geschichte des Lagers Île Longue: www.ilelongue14-18.eu. Ursula Burkert hat 2015 ein Buch über ihren Vater geschrieben, der auf Île Longue gefangen war: „Fernab des Krieges. Das Leben des Carl Röthemeyer im Internierungslager Île Longue, Norderstedt 2014“.

  • Kolloquium zu den Lagern:

    Die deutsch-französische Gesellschaft Regensburg, der Historische Verein für Oberpfalz und Regensburg und die Staatliche Bibliothek Regensburg veranstalten vom 16. bis 18. Juni 2016 in Regensburg ein internationales Kolloquium zum Thema Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg, zu dem auch Theater- und Musikaufführungen aus dem Lagerleben und ein deutsch-französisches Rugbyspiel geplant sind.

Vor allem aber blüht die Kultur auf Île Longue. Viele Gefangene sind Künstler und Intellektuelle, die ihre Fähigkeiten nutzen, indem sie auf eigene Faust ein lagereigenes Unterrichtswesen auf die Beine stellen. Eine erhaltene Broschüre listet Lehrveranstaltungen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen auf, von der Vorlesung eines Ingenieurs über Schiffsdieselmotore über Erdgeschichte bis zu juristischen Spezialgebieten. Von den Sprachkursen zu schweigen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Türkisch – nicht wenige Internierte dürften hier die Bildung genossen haben, die ihnen zuvor im normalen Leben verwehrt geblieben war.

714 Männer werden in „Schutzhaft“ genommen

Und es gibt, genau wie im Kriegsgefangenenlager in Regensburg, eine Lagerzeitung, die zwischendurch schon mal wegen eines „antifranzösischen“ Artikels über ein Jahr lang verboten wird: „Die Insel-Woche“, illustriert von Künstlern wie Leo Primavesi und Max Pretzfelder. Letzterer zeichnet als Allegorie auf das Lager Île Longue und seinen umfangreichen Bildungsbetrieb die Lithographie einer Schleiereule. Allerdings schaut das Symbol der Wissenschaft und der Weisheit demonstrativ traurig drein.

Christophe Kunze vor der Lithographie von Max Pretzfelder: die traurige Eule der Weisheit von Île Longue
Christophe Kunze vor der Lithographie von Max Pretzfelder: die traurige Eule der Weisheit von Île Longue Foto: Florian Sendtner

Bei manchen Gefangenen hatten die Depressionen besondere Gründe: ihnen machte die Scham, ihre patriotische Pflicht nicht erfüllen zu können, zu schaffen. Statt untätig herumzusitzen, wären sie lieber den Heldentod fürs Vaterland gestorben. Im umfangreichen Tagebuch von Hellmut Felle („Fünf Jahre hinter Stacheldraht“, auf der Internetseite des Vereins veröffentlicht) kann man das nachlesen.

Den Grundstock der Gefangenen auf Île Longue bilden 714 Männer, die Anfang September 1914 mit der „Nieuw Amsterdam“ von New York nach Rotterdam unterwegs sind – um sich in Deutschland für den Kriegsdienst zu melden. Doch so weit kommt es nicht, da das Schiff von der französischen Marine aufgebracht wird und die 714 Männer im wehrdienstfähigen Alter auf der Île Longue interniert werden, bis über das Ende des Krieges hinaus. Das veranlasst Stadtheimatpfleger Werner Chrobak zu der Frage, nach welchem Recht diese deutschen Zivilisten festgehalten worden seien. Bernard Jacquet, der neben ihm sitzt, antwortet, ohne eine Sekunde zu überlegen, diesmal auf französisch: „Mit keinem Recht. Es gab kein Recht.“

Doch die Nachkommen der illegal Internierten sehen das naturgemäß anders. Kunze zitiert Ursula Burkert, die 2015 ein Buch über ihren Vater geschrieben hat, der auf Île Longue gefangen war. Da heißt es auf den letzten Seiten: „Wenn unsere Väter auf der Île Longue von den Franzosen nicht in ‚Schutzhaft‘ genommen worden wären, dann wären sie wohl in den Kampf gezogen, und wir hätten möglicherweise das Licht der Welt nicht erblickt.“

„Europa ist in den Kriegsgefangenenlagern entstanden.“

Jean-Marie Savay-Guerraz

Generell, da sind sich Jacquet und Kunze einig, zeige sich im Kriegsgefangenenlager Île Longue eine bemerkenswert freundliche Haltung der Gefangenen gegenüber der französischen Kultur. Vom glühenden Hass auf den welschen Erz- und Erbfeind, wie er in Deutschland zur gleichen Zeit patriotische Pflicht ist, ist bei den Internierten wenig zu spüren. Bernard Jacquet zitiert seinen Großonkel Jean-Marie Savay-Guerraz, der 2010 mit über neunzig starb: „Europa ist in den Kriegsgefangenenlagern entstanden.“

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