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Gesundheit

Hunderte Patienten brauchen neue Betten

Das Krankenhaus Barmherzige Brüder muss komplett evakuiert werden – eine bislang ungekannte logistische Herausforderung.
von Christine Strasser, MZ

Das Krankenhaus Barmherzige Brüder muss evakuiert werden.
Das Krankenhaus Barmherzige Brüder muss evakuiert werden. Foto: ct

Regensburg.Von einer Stelle, die ein bisschen dämlich ist, sprach der Regensburger Oberbürgermeister Joachim Wolbergs. Damit meinte er den Fundort der Fliegerbombe im Regensburger Westen. Dr. Andreas Kestler, Geschäftsführer des Krankenhauses Barmherzige Brüder, drückte es bei der Pressekonferenz des Krisenstabes am Dienstag im Alten Rathaus noch deutlicher aus: „Die schlechte Nachricht lautet: Wir haben eine Bombe hinter dem Haus.“ Damit steht in Regensburg eine Evakuierungsaktion an, die hier in diesem Umfang wohl noch niemand miterlebt hat. Denn während die Stadt fast schon geübt darin ist, wenn es darum geht, Wohnungen für den Zeitraum einer Bombenentschärfung zu räumen, muss diesmal eine ganz neue logistische Herausforderung gemeistert werden: Ein großes Krankenhaus muss bis Sonntag komplett evakuiert werden. Darin steckt Kestler zufolge aber auch schon die gute Nachricht, die es ebenfalls gibt: „Wir haben Zeit.“

Regensburg, 27.10.15: Regensburg steht nach dem Fund einer Fliegerbombe die größte Evakuierung der Stadtgeschichte bevor. Unser Videoteam war am Fundort der Bombe und bei der Pressekonferenz der Stadt. Video: Ratisbona Media

Klinik mit 733 Betten

Bereits seit Montagabend laufen die Vorbereitungen für Patientenverlegungen. Wichtigster Punkt dabei zum Zeitpunkt am Dienstag: eine Bestandsaufnahme. Das Krankenhaus Barmherzige Brüder verfügt über 733 Betten. Kestler zufolge sind davon durchschnittlich 85 Prozent belegt, am Wochenende sind es immerhin 75 Prozent. Der erste Schritt am Dienstagmorgen war es, sich von der Patientenaufnahme die Daten zu allen Patienten zu besorgen, die derzeit im Krankenhaus sind. Die Ärzte müssen folgende Fragen klären: Wer kann bis Samstag entlassen werden? Welche Patienten können für den Sonntag beurlaubt werden? Wer muss verlegt werden? Wie Kestler schilderte, hat das Krankenhaus eine 22-köpfige Arbeitsgruppe gebildet. Eine eigene Untergruppen beschäftigt sich dabei mit Fragen der Patientenversorgung während der Zeit der Evakuierung, eine andere geht speziell die logistischen Herausforderungen an. Ein Technikertrupp klärt ab, was bei der Versorgung des dann leer geräumten Krankenhauses mit Strom, Wasser und Gasen zu beachten ist. Auf dem Klinikgelände lagern zudem rund 20 000 Liter flüssiger Sauerstoff, der für die Versorgung der Intensivpatienten benötigt wird. Die Tanks müssen vor der Entschärfung entfernt werden.

Eine weitere Gruppe wiederum kümmert sich um die Informationen für die Öffentlichkeit. Die wichtigste Botschaft lautet hier laut Kestler: „Wir sorgen dafür, dass unsere Patienten genauso gut über das Wochenende kommen, wie sie es sonst auch tun würden.“ Das Krankenhaus wird die Patientenzahl bis zum Wochenende so weit wie möglich minimieren. Das bedeutet, dass bei anstehenden Operationen berücksichtigt wird, wie lange die Patienten danach voraussichtlich noch in stationärer Behandlung sein müssen. Von sieben Patienten, die am Dienstag für ein neues Hüft- oder Kniegelenk auf dem Plan standen, wurden beispielsweise sechs tatsächlich operiert, denn es war nicht damit zu rechnen, dass sie über das Wochenende in der Klinik bleiben müssen. Der Operationstermin für den siebten Patienten musste allerdings verschoben werden, da in seinem Fall mit einer längeren stationären Behandlung zu rechnen war.

Intensivmobil ist vor Ort stationiert

Alle Krankenhäuser in der Umgebung sind darauf vorbereitet, Patienten aufzunehmen. Wenn die Zahl der verfügbaren Plätze in Regensburg nicht ausreicht, werden auch Patienten nach Schwandorf oder Donaustauf gebracht.Akut Kranke oder Leichtverletzte können aber auf jeden Fall auch noch in den nächsten Tagen im Krankenhaus Barmherzige Brüder behandelt werden. Ab wann das Krankenhaus dann komplett schließt, wird frühestens an diesem Mittwoch entschieden und bekanntgegeben. Eine Rolle wird dabei auch spielen, ob überregionale Rettungsdienste für die Verlegung der Patienten nach Regensburg beordert werden können. Ein besonderer Schwerpunkt wird die Versorgung der Intensivpatienten sein. Kestler sprach von 70 bis 74 Intensivpatienten, die am Dienstag in der Klinik betreut wurden. 20 bis 25 dieser Intensivpatienten müssen beatmet werden. Es sei davon auszugehen, dass sich der Gesundheitszustand von mehreren Patienten bis zum Wochenende bessern werde, sagte Kestler. Zumindest einige werden aber auch verlegt werden müssen. Eine Erleichterung ist hierbei, dass ein Intensivtransportwagen direkt am Haus stationiert ist. Wie lange die Verlegung aller und insbesondere der Intensivpatienten dauern wird, ließ sich am Dienstag noch nicht sagen. Dazu muss noch geklärt werden, wie viele hundert Patienten letztlich betroffen sein werden, in welche Krankenhäuser sie kommen und wie viele Rettungswagen zur Verfügung stehen.

Fest steht, dass auch das Notfallzentrum am Krankenhaus Barmherzige Brüder am Sonntag für einen gewissen Zeitraum geschlossen wird. Die Notfallversorgung übernehmen in dieser Zeit andere Kliniken, allen voran die Uniklinik. Normalerweise werden, wie Kestler ausführte, täglich rund 110 Patienten bei den Barmherzigen Brüdern aufgenommen. Davon werden wiederum zwischen 50 und 60 Patienten auch stationär aufgenommen. Die Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) am Krankenhaus Barmherzige Brüder wird am Wochenende im übrigen in die Praxen der Ärzte verlegt.

Mit einem 80-köpfigen Krisenstab bereitet sich Regensburg auf Sonntag vor. Die Details lesen Sie hier.

Alle aktuellen Bilder in unserer Fotostrecke:

Bauarbeiter stoßen auf Bombe

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