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Musik

„Ich kann auch furchtbar faul sein!“

Matthias Schlier leitet die Cantemus-Chöre. Im MZ-Interview spricht er über Stress, Ausgleich und Ziele.
Von Angelika Lukesch, MZ

Matthias Schlier leitet den Cantemus-Chor. Foto: Lukesch
Matthias Schlier leitet den Cantemus-Chor. Foto: Lukesch

Regensburg.Die MZ-Reporterin sprach mit Matthias Schlier im Haus der Musik am Bismarckplatz. Am heutigen Samstag feiert sein Cantemus-Chor mit einer Neufassung des Dschungelbuch-Musicals Premiere im Velodrom.

Herr Schlier, empfinden Sie Ihr Leben mit all den Anforderungen und Verpflichtungen als Stress?

Nein, weil es sonst gar nicht ginge. Es ist für mich eine Normalität, in die ich hineingewachsen bin, weil ich es ja selber aufgebaut hat. Ich hab 1994 angefangen und den Plan hatte ich schon immer. So, wie es jetzt ist, wollte ich es immer haben. Was ich aber im Laufe der Jahre gelernt habe, ist, dass es nicht nach Plan abläuft. Man visiert ein Ziel an und plötzlich schaut alles ganz anders aus. Aus jedem Projekt, das wir machen, entsteht wieder etwas ganz anderes, was so nicht vorhersehbar war.

Aber wird es nicht irgendwann mal doch zum Stress?

Nein, denn ich hatte bisher nie Wiederholungen. Es ist keine Routine entstanden, die Langeweile aufkommen lässt. Langeweile ist mühsam, immer wieder das gleiche. Dies ist sehr wichtig. Ich muss nicht immer wieder ganz von vorne anfangen, denn bei mir bleiben immer wieder welche da. Ich kann mit diesen immer weiterkommen. In meinem Chor Cantemus Neo sind die ältesten Sänger 30, 32 Jahre alt und schon immer bei Cantemus. Alles muss sich entwickeln.

Wohin wollen Sie sich denn entwickeln?

Das Ziel war immer, in verschiedenen Altersgruppen, auch im Erwachsenenalter, Konzerte und Musicals zu machen. Diese zwei Pole, die sich ständig abwechseln, das ist das Spannende auch für mich. Auch dass ich jetzt Musik mache, von der ich früher keine Ahnung hatte. Ich bin klassisch ausgebildet und dachte früher nie daran, so etwas wie Musicals zu machen oder ein Rockkonzert. Ich hole mir zwar die Profis rein, aber ich lerne immer mit. Das ist spannend für mich.

Auch wenn die Chorarbeit für Sie kein Stress ist, bleibt doch wenig Zeit für Sie als Privatperson, auch für die Familie.

Ja, das stimmt, wobei meine Kinder schon groß sind. Als die Kinder klein waren, war es noch nicht so viel Zeitaufwand für mich mit den Proben. Aber als Künstler ist man immer in einer Sondersituation. Man kann schlecht rausgehen und alles vergessen. Das gilt auch für Schauspieler und Sänger. Die Arbeit begleitet einen, sie ist mit dem Leben eigentlich verwoben. Es ist einfach das Leben!

Wie entspannen Sie sich?

Ich entspanne mich mehrmals am Tag ganz bewusst. Das geht morgens los mit einem halbstündigen Waldspaziergang mit unseren drei Hunden. Ich stehe meistens so um 5 Uhr auf. Ich bin ein Frühaufsteher und keine Nachteule. Ich fahre aus Sinzing mit dem Fahrrad zur Arbeit und ich habe mir antrainiert, beim Fahrradfahren vollkommen abzuschalten. Sobald ich auf dem Fahrrad sitze, bin ich weg. Ich habe eine Art Meditation für mich selbst entwickelt, bei der ich vollkommen in mich hineinfalle. So wie andere Yoga machen, fahre ich Fahrrad. Auch zwischen den Schulen fahre ich mit dem Fahrrad und so komme ich im Schnitt auf ein bis zwei Stunden Fahrradfahren. Das sind für mich Stunden absoluter Entspannung.

Lesen Sie auch: Am Samstag hebt sich der Vorhang im Velodrom für „Das Dschungelbuch“. Der Cantemus-Chors orientiert sich stark am Original.

Besitzen Sie ein Handy?

Ich habe kein Handy. Ich lass mich dadurch nicht stören. Hätte ich eines, würde ich ja wie alle anderen auch ständig schauen, ob jemand schreibt. Ich sammle meine E-Mails und abends arbeite ich das Wichtigste ab.

Wie läuft Ihre Arbeit mit den Kindern ab?

Wenn Kinder neu zu mir kommen, schauen alle gleich aus. Alle lachen und strengen sich an. Ich gebe ihnen Freiraum und ziehe mich ganz zurück. Die fragen sich: Meint der das ernst? Und dann zeigen sie sich in ihrer Persönlichkeit und fühlen sich wohl. Sie merken, dass sie so sein dürfen, wie sie sind. Sie werden nicht reglementiert, in Bezug auf mich dürfen Kinder eigentlich alles. Streng werde ich dann, wenn sie untereinander nicht zurechtkommen. Beim sozialen Zusammenleben stelle ich Regeln auf. Die Kinder sollen Sozialkompetenz lernen, aus sich herausgehen und die eigene Emotion mit Lernen verbinden. So habe ich zu jedem der Kinder eine persönliche Beziehung, die sich über Jahre entwickelt.

Video: Lukesch/MZ

Ist das möglich bei den vielen Kindern?

Klar! Wenn sie offen sind und ich bin auch zu ihnen offen, verstehen wir uns. Je älter sie werden, desto mehr Verantwortung vertraue ich ihnen an.

Heißt das, dass Sie Arbeiten delegieren?

Ja, vieles von dem, was ich früher selbst gemacht habe, machen jetzt diese Kinder und Jugendlichen. Das Delegieren mindert meinen eigenen Stress.

Dennoch bleibt die Gesamtverantwortung bei Ihnen. Wie sehr belastet Sie das?

Ich empfinde das nicht als Belastung. Es ist ein Unterschied, ob man mit neutralen Personen arbeitet oder mit Menschen, bei denen man das Gefühl hat, man steht sich in gewisser Weise nahe. Das Vertrauen wird Schritt für Schritt aufgebaut. Wenn man sich mit etwas vertraut gemacht hat, ist man dafür verantwortlich, und zwar immer. Die Verantwortung bezieht sich also nicht nur auf die Stimme, sondern auch darauf, wie es dem ganzen Menschen geht. Ich fühle mich verantwortlich für jedes Kind.

Machen Sie Urlaub?

Ja, ich kann wunderbar abschalten und angenehm faul sein. Blaise Pascal hat gesagt: „Das Unglück der Menschen besteht darin, dass sie nicht allein in einem Zimmer bleiben können.“ Das kann mir nicht passieren. Ich kann wunderbar abschalten.

Woher nehmen Sie Ihre Kraft?

Die Kinder geben mir das zurück, was ich ihnen gebe. Das ist das Schöne. Es ist ein Geben und Nehmen. Nach einer intensiven Chorprobe komme ich meistens ausgeglichen wieder raus.

Gibt es Dinge, die Sie belasten?

Ja, es belastet mich, wenn mir unterstellt wird, dass ich das, was ich mache, für mein Ego mache, als würde ich die Kinder für meine Selbstdarstellung benutzen. Solche Unterstellungen belasten mich sehr, denn ich kann das Gegenteil nicht beweisen.

Ihre Leidenschaften außer Musik?

Ich habe angefangen zu imkern.

Fahren Sie im Urlaub weg?

Nein meine Frau und ich haben keine so großen Ziele. Wir legen die Füße hoch und genießen die Ruhe. Einfach mal leben, Dolce Vita eben!

Haben Sie für die Zukunft ein Ziel?

Eigentlich nur das eine: Dass sich das ganze Cantemus-Haus so stabilisiert, dass man es irgendwann in der Zukunft auch ganz gelassen ohne mich weiterführen kann.

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