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Theater

Im Magnetfeld der Liebesgöttin Venus

„Shakespeares Schädel in Fausts Faust“, eine Auftragsarbeit des Oberpfälzers Werner Fritsch, feiert Premiere in Regensburg.
Von Peter Geiger, MZ

Faust (Jacob Kellner) hält Shakespeares Schädel in Händen, während er die frohe Botschaft vom Zettel liest, dass Oberon und Titania (Thomas Birnstiel und Silke Heise) zum Liebespaar verschmolzen sind.
Faust (Jacob Kellner) hält Shakespeares Schädel in Händen, während er die frohe Botschaft vom Zettel liest, dass Oberon und Titania (Thomas Birnstiel und Silke Heise) zum Liebespaar verschmolzen sind. Foto: Quast

Regensburg.„Kunst aufräumen“, so heißt eine Serie von Büchern, in der der Schweizer Graphiker Urs Wehrli berühmte Werke der Malerei zerschneidet und anschließend wieder neu zusammensetzt. Das ist für uns Betrachter ein großes ironisches Vergnügen, wenn er zum Beispiel aus Van Goghs kunterbunt eingerichtetem „Schlafzimmer in Arles“ eine besenreine Stube erschafft, in der alles, was vorher irgendwie in der Gegend herumstand, fein säuberlich unterm Bett und auch darin verstaut. Bei Werner Fritsch, dem einzigen Dramatiker aus der Oberpfalz, der beim ruhmreichen Suhrkamp-Verlag unter Vertrag ist, läuft das auf einer ernsthaft gewendeten Ebene recht ähnlich: Sein künstlerisches Schaffen ist ebenfalls davon getrieben, dass er der Literaturgeschichte eine neue Ordnung verleihen möchte.

Nach seiner Wahrnehmung leben wir, die Menschheit, im Zeitalter des Mars. Und die Schriftsteller, sie sind Posaunen dieses blutgetränkten Kriegsgotts. Dabei wären wir – wer wollte das bezweifeln? – viel besser aufgehoben im Schoße der Liebesgöttin Venus. Weshalb Werner Fritsch, der 1960 in Waldsassen geborene Sohn der Postmoderne, an die Archive vorangegangener Künstlergenerationen herantritt und deren Hinterlassenschaften neu ordnet. Oder sie „überschreibt“.

Liebesspiel auf offener Bühne

Das heißt im konkreten Fall: Er, der Autor, schlüpft ins Kleid des Goethe’schen Doktor Faust und legt ihm dann traumwandlerisch sicher das Gesamtwerk William Shakespeares auf den Seziertisch. Zückt sodann das Skalpell und schneidet sich streifenweise jene Aspekte heraus, um aus intriganten und hasserfüllten Figuren Agenten der Liebe zu formen. Das klingt vielleicht recht eigensinnig, singulär und auch aus der Zeit gefallen. Denn welcher Dichter zückt heute schon noch den Finger, wenn die Gretchenfrage gestellt wird: „Wie hältst Du’s mit der Utopie?“ Aber Pragmatismus ist ja auch keine alleinseligmachende Lösung.

Autor und Stück sind also das eine. Das andere aber ist die Sprachkunst des Werner Fritsch! Und die kommt in dieser rund 90-minütigen Premieren-Inszenierung von Regisseur Bernd Liepold-Mosser aufs Wunderbarste zur Geltung. Das liegt auch daran, weil sich das neunköpfige Schauspieler-Ensemble drauf einlässt, auf dieses fein gesponnene Wortgewebe, das tief in Originalzitaten wurzelt, aber daraus stets hydrenhaft Neues erwachsen lässt. Die Schauspieler sind’s, die aus dieser alchemistischen Utopie das Sprachgold herausschmelzen, die witzig-verspielten Assonanzen („Tranket Ihr doch schon sechs Bier!“ „Shakespeare?! Der Text ist von mir!“ Thomas Birnstiel offenbart komödiantische Könnerschaft!) ebenso wie die zauberhaften Analogien zwischen Mikro- und Makrokosmen (da wird das Blut im eigenen Körper zum Ozean, Augen und Schädel mutieren aufgrund ihrer Kugelgestalt flugs zu Planeten).

Vom Liebesspiel zum Liebesdienst

Gleichzeitig aber erweist dieses Shakespeare’sche Figurenensemble, das dem Faust (kraftvoll: Jacob Keller!) als mephistophelischer Widerpart gegenüber steht, aufgrund seiner Kraft, mit der es Grundtugenden des Theaters wie Spielfreude, Passion und Hingabe feiert, einen Liebesdienst. Das Intrigenspiel verwandelt sich in lustvolles Liebesspiel, Antonio, der Kaufmann von Venedig (ein fabelhafter, auch als Tänzer souverän agierender Patrick O. Beck), verbrüdert sich mit Shylock, dem Juden (klar, präzise und aus schlecht geklebtem Philosophenbart auch noch Situationskomik schöpfend: Michael Haake) und begräbt die Streitaxt. Und so wird schlussendlich auch ein Schuh draus, eine dionysische Feier zum 400. Todestag Shakespeares, die obendrein so überzeugend instrumentiert ist (Herwig Zamernik ölt mit seinem selbstkomponierten Discofluidum ordentlich die Knochen!), dass man auch über manche Unklarheit wie das stumme Gilmour’sche Gitarrensolo (dabei sehr cool als kosmischer Prospero: Frerk Brockmeyer) hinweggetröstet wird. Und weil wir grade bei Unklarheiten sind: dass die Bühne nass ist, steht so nicht im Stück.

Wie wirkt „Shakespeares Schädel“ auf den Zuschauer und was können Träume über die Realität verraten? Schlafforscher Prof. Zulley erklärt im MZ-Interview seine Sicht auf das Stück.

Ein interstellares Bühnenbild mit Wasserleichen

Trotzdem ist das eine gute Idee, so, wie überhaupt das interstellare Bühnenbild überzeugt. Nicht nur, um das Nautische und die Wasserleichen (Andine Pfrepper, Susanne Berckhemer, Franziska Sörensen und Silke Heise verkörpern das Ewigweibliche leidenschaftlich und hexenhaft!) zu illustrieren. Sondern es dient auch dazu, zu zeigen, wo dieser Werner Fritsch herkommt: Von der Hendlmühle bei Tirschenreuth nämlich. Dort, wo er als ganz junger Mann schon am Bach gesessen hat, dem Plätschern lauschte und seine Inspirationen bezog. „Schreiben ist Reden mit Gott“, sagte er in seiner, 2009 an der Frankfurter Goethe-Universität gehaltenen Poetik-Vorlesung. Diese Inszenierung, die einer Fußwaschung gleichkommt, sie suggeriert Hoffnung. Dass noch nicht alles zu spät ist, auf dieser unserer Welt. Und dass Befreiung möglich ist, aus der Stellung zwischen Mars und Venus. Der letzte Satz? „Der Rest ist Anfang.“ Das Publikum antwortet mit ehrlichem und seelenvollem Applaus.

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