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Inklusion

Inklusives Miteinander fördert Projekte

Stilles Theater in Gebärdensprache – für Hörende ein Taubheitserlebnis – und ein Rad-Rolli-Rikscha-Bausatz made in Regensburg: Tolle Ideen entstehen.
Von Heinz Klein, MZ

Professor Dr. Ing. Thomas Schratzensteller holt sich von den Rollstuhlfahrerinnen Kirsten Althaus und Marina Siebert Anregungen für seinen Bausatz, mit dem man Rollstühle an Fahrräder anklicken kann. Foto: Klein

Regensburg.In Regensburg tut sich was in Sachen Inklusion. Nachschub an Ideen für ein gutes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung fließt kontinuierlich aus vier Inklusionszirkeln. Das sind Gesprächsrunden, die im Rahmen des Modellprojekts „Regensburg Inklusiv“ der Katholischen Jugendfürsorge eingerichtet wurden. Jüngst tagte der Zirkel für Freizeit/Kultur/Sport und setzte reizvolle Ideen in die Welt.

Einiges davon ist bereits im Anlaufen und zeigt Regensburg als Motor der guten Sache. So ist die Regensburger Universität die erste Hochschule in Deutschland, die angehende Ärzte in einem zweitägigen Praxis-Seminar darauf vorbereitet, mit Menschen mit Lernschwierigkeiten in „leichter Sprache“ sinnvolle Patientengespräche führen zu können. Und Architektur-Studenten bekommen im April in einer verpflichtenden Studienveranstaltung von Menschen mit Behinderung erzählt, wie sich Betroffene wirklich barrierefreies Bauen vorstellen.

Christine Schmidbauer, die Leiterin des Kulturamts, war gekommen, um Vorschläge für Verbesserungen bei Kulturveranstaltungen zu sammeln und den Kulturentwicklungsplan der Stadt vorzustellen. Als Betroffene regte die Rollstuhlfahrerin Marina Siebert an, Behinderten bei Kulturveranstaltungen nicht nur den Weg in den Zuschauerraum, sondern auch den Weg auf die Bühne zu ebnen und ihnen so die Chance zu eröffnen, selbst zu Kulturschaffenden zu werden. Im Hof des Thon-Dittmer-Palais bedürfte es dazu einer 15 Meter langen Rampe, für die aber kein Platz ist. Nun will man sich schlau machen, wie andere Städte solche Probleme lösen.

Reizvolle Ideen brachte Carsten Schenk mit. Der Sportkoordinator von Special Olympics, einer Sportorganisation für Menschen mit Lernschwierigkeiten, plant in Regensburg im nächsten Jahr einen Inklusionssporttag, der zusammen mit Förderschulen und Partnern aus dem Vereins- und Behindertensport im Juli 2015 veranstaltet werden soll. Vor Ideen sprühend zeigte sich Schenk auf kulturellem Gebiet und forderte das Regensburger Theater auf, sich für Inklusion zu öffnen. Pro Saison einen Theaterklassiker in einfacher Sprache zu spielen, würde Theater nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten sondern vielleicht auch ausländischen Mitbewohnern verständlich machen. Blinden Theaterbesuchern könnte das Theater per Audideskription über Infrarotkopfhörer erlebbar gemacht werden, gehörlose Theaterbesucher könnten Dialoge über Textbänder erfahren. Und wäre es nicht reizvoll, die Sache mal umzudrehen und Theaterstücke akustisch stumm in Gebärdensprache aufzuführen? Der Text würde die Gehörlosen erreichen und die Hörenden um eine Erfahrung der Kommunikationslosigkeit reicher machen: „Ein Abend zum Verstehen und Nichtverstehen“, schlug Carsten Schenk vieldeutig als Titel vor. Weitere Anregungen: Könnten die Theaterfreunde Paten von Behinderten werden? Könnte das Theater Behinderten für ein Stück pro Spielzeit kostenfrei die Bühne überlassen und ihre Inszenierung im Spielplan verankern? Könnte man den Preisnachlass bei Theaterbesuchen für Behinderte (25 Prozent Ermäßigung) an das Niveau für Schüler und Studenten (50 Prozent) anpassen?

Der Rolli als Beiwagen am Fahrrad

Begeisterung bei Rollstuhlfahrern löste Professor Dr. Ing. Thomas Schratzensteller von der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) aus. Der Chef des Labors für Medizinprodukte schilderte als niederbayerischer Schnellsprecher in „schwerer Sprache“, was Rollstuhlfahrern das Leben leichter machen könnte. Der Maschinenbauingenieur tüftelt in Zusammenarbeit mit einer Regensburger Maschinenfabrik Baupläne aus, wie sich normale Fahrräder mit einigen speziellen Bauteilen in Dreiräder mit einem Rollstuhl vornedran umbauen lassen oder Rollstühle als Beiwagen ans Fahrrad angeklickt werden können. Die etwa 15 Kilogramm leichten Bausysteme könnten für rund 300 Euro hergestellt werden – am besten in einer Regensburger Behindertenwerkstatt, sagt Thomas Schratzensteller. Bisher seien ähnliche Systeme für einen weitaus höheren Betrag von bis zu 7000 Euro angeboten worden, berichtete der Maschinenbauer. Die OTH Regensburg könne einen Prototyp herstellen, ein Fahrradhändler sei auch schon im Boot und Verhandlungen mit dem TÜV zwecks Abnahme seien bereits angelaufen. Professor Schratzensteller, stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen, zeigte sich im Gespräch mit Rolli-Fahrern für Wünsche und Vorschläge überaus dankbar.

Inklusives Theater am Katholikentag

Dankbar für diese Beiträge war auch Thomas Kammerl, der als Mitarbeiter der Katholischen Jugendfürsorge das Projekt „Regensburg inklusiv“ betreut. Er stellte noch das inklusive Theaterstück „Die Brücke der Begegnung“ vor, das die Rollstuhlfahrerin und Caritas-Mitarbeiterin Elisabeth Fink geschrieben hat. Es soll am Katholikentag seine Premiere erleben und auch beim Ostengassenfest aufgeführt werden.

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