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Bestseller

Jedes gute Buch verdient, gedruckt zu werden

Christine M. Huber aus Seedorf ist Literaturagentin. Sie entdeckt Autoren, öffnet für sie Verlagstüren und bietet ihnen ein Rundum-Paket an.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Die Szene musste nicht gestellt werden: Tatsächlich sitzt Lektorin Christine M. Huber oft auf diesem Bürosofa – in Gesellschaft von Familien-Liebling Humphrey Foto: altrofoto.de
  • Christine M. Huber an ihrem Arbeitsplatz in Seedorf (Pentling) Foto: altrofoto.de

Pentling. Wer ahnt schon, welche Geheimnisse hinter verschlossenen Türen gehütet werden? Was geschieht in der Nachbarschaft, wo und wann? Nach einem langen Spaziergang über die Feldwege kommt man an einem gelben Bauernhaus vorbei, draußen am Land: Seedorf. Gehört zu Pentling. Zwei Reiterhöfe, ein Gasthof, Maispflanzen, Herbstnebel. Schön hier.

Dass nun gerade auf diesem stillen, grünen Anwesen eine Lektorin und Literaturagentin ihren Sitz hat – ist das nicht eine typische Großstadtangelegenheit? „Stimmt und stimmt auch nicht“, sagt Christine M. Huber. „Ja, wenn ich aus dem Haus trete, bin ich nach einigen Schritten im Wald. Wir haben keine öffentliche Verkehrsanbindung. Aber bei der heutigen Kommunikationstechnik ist es doch wurscht, wo ich sitze.“ Ob in einem 18.Stock oder in einem Dorf.

„Vampir im Schottenrock“

Das Haus ist hübsch. Vor der Tür sitzt ein weißer Hase im Stall. Oben alte Balken, unten moderne Fliesen. Ein schön zerfurchter Esstisch. Zwei 24-teilige Services im Schrank: „Muss sein. Wenn die Verwandtschaft kommt, sind wir mindestens 20.“ Überall Bücher, gestellt, gereiht, gestapelt. Viel Fantasy, historische Romane, Katie MacAlisters „Vampir im Schottenrock“ – „der Lieblingsroman meiner Tochter.“ Oben im Büro gibt’s dann mehr die Sachliteratur.

Absoluter Liebling und ständige One-dog-show ist Humphrey (3), der goldblonde Labradormischling: „Ein echter Familienhund. Sehr gewitzt, sehr verspielt.“ Vor einigen Jahren gab es mal eine Gas-Explosion in diesem Haus. Es war am 1. Weihnachtstag 2006. Irgendwas stimmte mit dem Ofen nicht: „Robert, mein Mann, beugte sich zur Luke runter ... das hat ihn gerettet.“ Es tat einen ungeheuren Schlag, das Haus erzitterte. Risse in den Wänden. „Robert sah schlimm aus“, erzählt Christine Huber, „qualmende Haare, rotes Gesicht. Gottlob ist ihm nichts weiter passiert.“

Mit der ein paar Jahre älteren österreichischen Dichterin und Textgrafikerin Christine Huber hat Christine Huber nichts zu tun, deshalb Christine M. Huber, M. für Maria. In Regensburg ist sie zur Welt gekommen und hat von früh auf viel gelesen, weil ihre Eltern viel gelesen haben; 140 Schneiderbücher hat sie gehabt: „Nur Hanni und Nanni mochte ich nie. Diese ganzen Internatsgeschichten fand ich blöd.“ Über alles geliebt hat sie Michael Endes „Unendliche Geschichte“ – ein ganz wundervolles Buch, dem man aber nachsagt, dass die Lektoren einen stark überdurchschnittlichen Textanteil für sich verbuchen konnten.

Nach dem Abitur erlernte sie den Beruf der Verlagskauffrau, arbeitete in einem Fachverlag und, als die beiden Kinder da waren, von Zuhause aus. 1997 eröffnete sie auf dem Lande ihre Literaturagentur, danach das Lektoratsbüro. Wobei die meisten Menschen wohl romantische Vorstellungen vom Beruf des Lektors haben dürften. Lektoren sitzen nicht zwischen meterhohen Stapeln von packpapierumhüllten, unaufgefordert eingesandten Manuskripten junger Genies: „Die Nebelflöte“ oder „Wilde Zitronen“. Auch hier geht’s heutzutage knallhart zu: Lektoren arbeiten meistens als Freiberufler und mit unverzichtbarem Erfolgsnachweis: 1o bis 15 Prozent der von mir befürworteten Texte wurden Bestseller.

„Business-Spielregeln für Frauen“

Christine M. Huber ist hauptsächlich (aber nicht nur) auf Sachbücher spezialisiert. Gleich ihr erster Titel „Auffallend gut: Außergewöhnliche Bewerbungen, von Personalchefs empfohlen“ von Claudia Nuber lief ausgezeichnet. Die „Business-Spielregeln für Frauen“ derselben Autorin auch.

Längst bietet Christine M. Huber ein Rundum-Gesamtpaket an: von der Umsetzung einer Buchidee, dem Überarbeiten und Vermarkten von Manuskripten und – sehr wichtig! – dem Führen von Vertragsverhandlungen.

So brillant ein Autor sein mag, so naiv könnte er einen Standardvertrag unterzeichnen, in dem dann beispielshalber drinstehen mag: Im Erfolgsfalle sind ein zweites und ein drittes Manuskript innerhalb von zwei Jahren nachzureichen. Das Recht am mündlichen Vortrag auch durch Dritte wird an den Verlag abgetreten. Womit der Autor an seinen eigenen Vorträgen nichts mehr verdient.

Was natürlich nicht heißt, dass die meisten Verlage in Deutschland tückisch und raffgierig sind. Aber aufpassen sollte man schon und vor allem sachkundigen Rat einholen. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen. Sie wollen ja nicht schreibpädagogisch wirken, sie wollen Geld verdienen.

Um die Reibungsverluste auf dem Weg zum Buch zu mindern, berät Christine M. Huber, wie man ein Exposé und ein Probekapitel schreibt oder in welcher Form man das Manuskript verschickt: „Niemals unaufgefordert als E-Mail“, wehrt sie ab, „das ist die Todsünde. Kein Verlag will was ausdrucken.“ Welcher Verlag überhaupt infrage kommt? Auf der Frankfurter Buchmesse gibt es eine eigene Halle mit 300 Arbeitsplätzen, in der nur Lizenzen gehandelt werden. Allein wäre man in diesem Business verloren. Die Literaturagentin kann auf ihr Netzwerk zurückgreifen, sie begleitet und betreut ihre Klienten.

Und sie vermittelt nicht nur Autoren an die richtigen Verlage, sie besorgt Verlagen auch Autoren: „Wer könnte uns dieses Thema schreiben?“ So herum läuft das Geschäft nämlich auch. Oder es gibt Experten mit exquisitem Wissen, die man aber erst dazu bringen muss, ein Buch zu schreiben, etwa Ratgeber. Dazu gehören „gut gesettelte“ Geschäftsleute, „die ihr Apfelbäumchen schon gepflanzt haben.“

Aber oft genug wenden sich wiederholt abgelehnte Autoren „an die sogenannten Bezahl- oder Zuschussverlage“, sagt Christine M. Huber. „Die mit den Inseraten ,Autoren gesucht‘“. Ein teurer Spaß. Manuskripte werden selten oder nie redigiert. Die Ausstattung ist oft genug provinziell. Es sind Verlage, die an der Eitelkeit der Menschen verdienen, an Leuten, die glauben, nach einem langen Arbeitsleben der Nachwelt ihre Memoiren hinterlassen zu müssen. Im Zeitalter der Internet-Blogs und von Books on demand ist es nicht mehr verständlich, warum einer 8000 Euro für eine lieblose Standard-Vervielfältigung hinlegen soll.

„Die hecken wieder irgendwas aus“

Christine M. Huber bietet wundervolle Kiachln von ihrer Mama an. Humphrey wünscht, dass die Terrassentür geöffnet wird, weil er seinen Freund Snoopy, einen Jack Russell, treffen will: „Die beiden hecken wieder irgendwas aus“, weiß die Lektorin.

„Um es klar zu sagen: Jedes gute Buch verdient auch, gedruckt zu werden.“ Dabei kann manche Hürde genommen werden. Und es gibt immer wieder grandiose Neuerscheinungen und Entdeckungen: Vielleicht wird eine gerade jetzt von Christine M. Huber lektoriert? Wer weiß schon, was hinter verschlossenen Türen vorgeht.

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