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Jüdischer Domspatz sang vor Hitler

Der Diplom-Kapellmeister Hans Huber wird den 13. August 1938 nie vergessen. Damals musste er vor Adolf Hitler auf dem Berghof in Obersalzberg auftreten.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Theobald Schrems stellte sich vor seinen besten Sopranisten Hans Huber (im Kreis). Der Domkapellmeister steht in einer Reihe mit (von links). Reichsleiter Martin Bormann, Reichskanzler Adolf Hitler und Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Sein Mitsänger Karl Frank (Altist) ist in der rechten Bildhälfte zu sehen, als Dritter in der zweiten Reihe (von rechts). Foto: Huber
  • Hans Huber als kleiner Junge. Er wurde von Onkel und Tanten aufgezogen. Foto: Huber
  • Diplom-Kapellmeister Hans Huber heute am Klavier. Foto: altro-Archiv

Regensburg.Wo waren Sie, als sie erfuhren, dass Joseph Ratzinger zum Papst ernannt wurde oder dass die Zwillingstürme einstürzten? Jeder Mensch hat für diese Minute seine spezielle Geschichte zu erzählen, bei jedem läuft da sein besonderer Film ab. Der Regensburger Diplom-Kapellmeister Hans Huber (85) wird nie vergessen, was er am späten Nachmittag des 13. August 1938 getan hat. Er sang vor Adolf Hitler auf dem Berghof in Obersalzberg. Das war für den elfjährigen Sopran der Regensburger Domspatzen das einschneidende Erlebnis, das er nie vergessen wird.

Konzert für den eigenen Mörder

Auch der Altist Karl Frank war damals dabei. Für den pensionierten Gymnasiallehrer aus Kneiting bleibt ewig die Düsternis und Gespensterhaftigkeit des Auftritts in Erinnerung. Für seinen Kameraden Hans Huber jedoch ist es aus heutiger Sicht eine Erinnerung an einen Ritt über einen zugefrorenen See, der ihm erst bewusst wurde, als er schon drüben war.

Huber, unehelicher Sohn eines jüdischen Kapellmeisters, sang vor dem Hauptverantwortlichen der Judenvernichtung. Er wusste damals allerdings noch nicht, dass Ernst Pollini, Generalmusikdirektor des Stadttheaters Regensburg, sein Vater war.

Am 13. August 1938 stiegen die Buben, gekleidet in Uniformen des Jungvolks, in den Bus nach Oberbayern. „Es war sehr trübes Wetter, es war gegen Abend, als wir die Serpentinen zum Berghof hochfuhren“, erinnern sich Frank und Huber. Die Domspatzen standen erst einmal rum und warteten. „Das Konzert verschob sich um eine ganze Stunde.“ Hintergrund: Der Faschist Italo Balbo, Luftmarschall Benito Mussolinis, war „beim Führer“ auf dem Berghof und die Unterredung dauerte. Danach wurden die Sänger in den riesengroßen Empfangsraum gebeten. Sie nahmen mit Blick auf das Panoramafenster Aufstellung wie zu einem Konzert. Ein Foto hält den historischen Auftritt fest. Bei Karl Frank löst der Anblick jedesmal Trauer aus. „Ein Drittel der Knaben sang vor ihren späteren Mördern. Jeder Dritte von uns ist gefallen. Da denke ich oft dran. Da hat man dem vorher noch was gesungen. Da habe ich oft sehr qualvolle Stunden und ich frage mich, warum habe gerade ich überlebt?“

Sechs SS-Männer standen während des Konzerts mit dem Rücken zum Panoramafenster. Sie waren bewaffnet und hatten die Arme auf dem Rücken verschränkt. Frank erinnert sich, dass sie zuvor von Hitler den Befehl bekamen, die hohen Vorhänge zuzuziehen. Durch einen Nebeneingang betraten auch zwei Frauen den Raum. Es waren die Schwester Adolf Hitlers und Eva Braun. Zum handverlesenen Publikum gehörten weiter der österreichische Kanzler Arthur Seyß-Inquart, Martin Bormann, bekannt als Hitlers Vollstrecker und Reichsjugendführer Baldur von Schirach.

Der stechende Blick des „Führers“

Die Domspatzen haben an diesem Samstag ein ganzes Konzert gesungen mit einem Schwerpunkt auf geistige Werke, Madrigale, aber auch Volkslieder. In der Erinnerung sind den beiden Domspatzen „locus iste“ von Anton Bruckner und Mendelssohns 100. Psalm „Denn er hat seinen Engeln“, Werk eines jüdischen Komponisten. Natürlich „Wachet auf! Es nahet gen den Tag“ (aus „Die Meistersinger von Nürnberg“) und „Hohe Nacht der klaren Sterne“ des Amberger Nazi-Dichters Hans Baumann (1914 bis 1988).

Nie vergessen werden Frank und Huber den stechenden Blick Adolf Hitlers. „Mit diesem Blick konnte er anfällige Leute verzaubern“, sagt Karl Frank. Hans Huber versucht eine Erklärung für die magische Wirkung der Augen: „Adolf Hitler war im Krieg verschüttet und eine Zeit lang erblindet. Deswegen hatte er einen, in gewissem Sinne nach innen gerichteten Blick, der bei jedem den Eindruck erweckte, der Führer würde ihn und nur ihn allein anschauen.“

Dieser Chor muss ins Radio

Adolf Hitler erwies sich in der Erinnerung von Karl Frank als musikverständiger Mensch. „Während des langen Konzerts stand Hitler vor dem Panoramafenster, mit der rechten Hand die Linke umfassend, und rührte sich nicht.“ Nachdem der letzte Ton verhallt war, ging Hitler nach vorne zum Domkapellmeister und sagte die Worte: „Diesen Chor müsste man öfter im Radio hören.“ Der Satz sollte Folgen haben, Hans Huber: „Danach verging keine Woche, in der die Domspatzen nicht im Radio zu hören waren.“

Hitler zeigte sich angetan vom Chorklang. Die Domspatzen unter Schrems waren zwar weniger an der Zahl, aber fast alle Sänger waren Solisten und ausgesprochen intonationssicher. Die Soprane waren glockenklar, vielleicht dem Zeitgeschmack entsprechend mit etwas viel Koloratur.

Es gab ein kurzes Gespräch zwischen Domkapellmeister und Reichskanzler über das Volkslied als Quelle der klassischen Musik, dem die Buben begierig lauschten. Beim Thema Volksgesang passierte Theobald Schrems ein folgenloser Ausrutscher. „Das Lied müsste aus der Seele kommen – wie bei den Zigeunern.“

Hernach wurden die Domspatzen in einen langen Gang geführt, wo an einer Seite Tische aufgestellt waren mit Getränken und Kuchen. Hans Huber, eigentlich Pollini, trank eine Tasse heißen Kakao und aß Kuchen. Adolf Hitler redete mit jedem einzelnen Sänger und stellte auch Hans Huber die Frage: „Was willst du werden, Bub?“ – „Die Antwort hatten wir vorher einstudiert. Ich sagte: Ein strammer HJ-Pimpfe, Herr Führer!“

Ein gutes Jahr später, am 27. Oktober 1939, wurde Hans Hubers Vater in Wien in einem Leiterwagen zum Bahnhof gefahren. 14 Tage stand der Viehwaggon auf den Gleisen, erzählte ihm später seine Mutter, ehe der Zug nach Nisko rollte. Die letzte Karte schrieb Pollini 1941 aus dem Konzentrationslager Tarnopol. Was er von seinem Vater erbte, ist ein Foto und seine ungeheure Musikalität.

Die Künstlerfamilie Pollini hieß eigentlich Pollitzer und stammte aus der Stadt Joseph Roths, Czernowitz in Galizien. Max Pollini wurde als Operetten-Kapellmeister im Theater an der Wien berühmt. Sein Sohn Ernst Pollini war von 1925 an musikalischer Leiter am Regensburger Stadttheater. „Ich war wohl ein Kapellmeisterszimmer-Kind“, sagt Hans Huber. Pollini hatte Hans Huber 1926 mit seiner Mutter Maria, einer Chorsängerin, gezeugt. Mutter und Vater gingen nach Wien, Hans Huber wurde von seinem Onkel Alois Huber und den Tanten aufgezogen. Seine wahre Identität erfuhr er erst nach dem Krieg.

Domkapellmeister Theobald Schrems allerdings war stets im Bilde. „Der Domkapellmeister war von meiner Mutter eingeweiht worden. Das hat sie mir später erzählt“, sagt Huber. Schrems hielt die Hand schützend über den Sohn Pollinis, was ihm nicht schwer fiel. Hans Huber war für Schrems „die absolute Stütze“. Das wird von Karl Frank bestätigt. „Hans hat das absolute Gehör. Er hat alles sofort singen können und ging auf den Domkapellmeister sofort ein.“

Durch die schlimme Zeit gebracht

Wenn im Sopran Not am Mann war, rief Schrems: „Huber rette!“ Mit 13 Jahren ließ ihn Schrems im hohen Dom zu Regensburg die Choralschola dirigieren. Hans Huber verehrt Theobald Schrems dafür noch heute. „Alle 100 Jahre wird so ein Mensch geboren. Er war ein ungeheurer Chordirigent, aber noch stärker wiegt, dass er den Chor durch diese schlimme Nazi-Zeit gebracht hat.“ Niemals später, heißt es, habe es bei den Domspatzen einen Chorklang gegeben wie in diesen Jahren, als die beiden Buben Hans Huber und Karl Frank sangen.

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