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Ausstellung

Jürgen Huber: In der Kunst ist er frei

Die Regensburger Galerie Knyrim zeigt Malerei von einem widerständigen Künstler, der auch Bürgermeister ist.
von Gabriele Mayer, MZ

Jürgen Huber in der Galerie Knyrim: Die Ausstellung „Blick zurück“ zeigt Arbeiten aus verschiedenen Zyklen.
Jürgen Huber in der Galerie Knyrim: Die Ausstellung „Blick zurück“ zeigt Arbeiten aus verschiedenen Zyklen. Foto: Tino Lex

Regensburg.„Blick zurück“ heißt die Schau, die wichtige Zyklen des künstlerischen Werks von Jürgen Huber vorstellt. Nach seiner Schaffenspause als Regensburger Bürgermeister wird er malerisch und kunstvermittelnd sicher weiterwerken. Doch für die Galerie Knyrim ist es die vorletzte Ausstellung, bevor sich das Ehepaar im Januar zur Ruhe setzt. Immer wieder hat die Galerie Jürgen Hubers Malerei präsentiert, auch auf der Art Vienna, der Art Dresden und der Art Karlsruhe.

Huber, ein Autodidakt? „Ich war immer ein Selbstermächtiger“, sagt er. Ja, auch wenn er unverkennbar auf dem Boden der für Ostbayern so bedeutenden und politisch sich verstehenden Künstlergruppe SPUR fußt. Aber in allen Malphasen ist er trotzdem er selbst, denn im Konkreten hat er keine Vorbilder, die er dann nur umsetzen würde. Das bestätigt zum Beispiel die Serie „Rettungsversuche“: Aus dem eigenen Untergründigen, Unbewussten und Autobiographischen wachsen Geschöpfe, Köpfe und Gliedmaßen auf schmutzig monochromem Hintergrund ins Krude, Freche, Ungenierte und Ungehemmte hinein.

Die Texte im Bild, die bei aller Plakativität vor allem gegendenkerisches Potential entfalten, kommentieren die Malerei: „Kann Dreck Kunst sein“, fragt ein Kopf sprechblasenartig sich selbst bzw. den Betrachter. Als formale Ähnlichkeiten zu den frühen, konstruktivistischen Bildern der Ausstellung fallen übrigens die von Huber immer wieder bevorzugten Rundformen und monochromen Flächen auf.

Grob, unangepasst und vielfältig

Die Arbeit im Feld der Kunst hat bei Jürgen Huber immer mit Handeln zu tun: „Kulturanreger“ nennt ihn Knyrim in seiner Einführung vor den zahlreichen Besuchern. Huber, der Kurator, Kunstverein-Mitbegründer, Mitinitiator einer in Regensburg einzigartigen Vortragsreihe, die namhafte Kunsttheoretiker in die Stadt holte, oder der Künstler als Fernreisender oder Herausgeber von Bild-Texten zur Kunst: Das Profil hebt sich deutlich ab vom mainstream nicht nur in der Kunst der Region, wo vieles geschmackvoll-beliebig ist, und die Freiheit, die man sich nimmt, darin zu bestehen scheint, ob man nun seinen pinkfarbenen Fleck rechts oder links hinsetzt. OB Joachim Wolbergs bedauerte in der Eröffnungsrede, dass Künstler sich nicht mehr einmischen. Politische und kritische Kunst, das heißt freilich nicht, das sowieso gerade (kritisch) Angesagte nochmals nur zu illustrieren. Kunst dagegen kann und sollte für sich selbst „sprechen“, das Feld der Kunst ist Komplexität, das Schöne und das Un-Schöne, sind die visuellen Zeichen und Nicht-Zeichen, diese Pole lotet sie aus.

Kunst ist hierzulande in der glücklichen Lage frei zu sein, soll sie sich dann aber im Dekor und Lückenfüllen hinter der Wohnzimmercouch erschöpfen? Das kann man Jürgen Hubers Kunst nicht nachsagen. Widerständig ist sie in ihrer unfügsamen Ästhetik, in ihrer Grobheit, Unangepasstheit und Vehemenz allemal. Die Serie „Orte der Liebe“, das sind spiegelbildlich, wie eine Spielkarte, aufgebaute Bilder. Bild-Architekturen: zwei Positionen, die einander gegenüberliegen und dabei über die Grenze zwischen Oben und Unten hinweg miteinander korrespondieren. Im Detail steht vieles quer und unleserliche Vielfalt kringelt sich. Herausforderungs- und Aufforderungscharakter haben die meisten Bilder, in denen übrigens wie ein Leitmotiv immer wieder geöffnete Augen erscheinen.

Anstößig statt korrekt

„Blick zurück“

  • Die Ausstellung

    „Blick zurück“ ist bis 28. November in der Galerie Knyrim (Hinter der Pfannenschmiede 3) zu sehen: Mittwoch bis Freitag, 15 bis 20 Uhr, Samstag, 11 bis 14 Uhr.

  • Die Werke

    Die Ausstellung zeigt Einzelwerke und Ausschnitte aus Werk-Zyklen von Jürgen Huber, darunter aus „Orte der Liebe“, „Schöne Bilder“, „Liminationen“, „Rettungsversuche“, „Fotoübermalung“ und „Zappa“,

Jürgen Huber setzt den aktiven und innerlich unabhängigen Betrachter voraus. Darin liegt vielleicht die eigentliche Qualität seiner buntscheckigen Kunst. Kunst, das ist eben gerade nicht Korrektheit, deren Kehrseite doch ängstliche Anpassung statt Aufklärung, ist. Und Aufklärung hat immer etwas Anstößiges, eben indem sie aufklärt. Kunst ist für Jürgen Huber gewaltiger als die Stadtpolitik, sie kann eine ganze Welt gestalten – wenn auch nur auf der Leinwand. In der Kunst sei er frei, sagt er. Doch diese unglaubliche Chance, die umfassende Freiheit der Kunst zu nutzen, darauf verstehen sich in der Region nicht viele Künstler, so dass man vielleicht bald keine Vorstellung mehr von dieser Freiheit hat. Wagt man die Freiheit noch, die doch scheinbar allgegenwärtig ist, und traut man sich wirklichen Widerspruch überhaupt noch auszuhalten ?

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