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Feiern

Junggesellenabschiede: Wirte sagen nein

Regensburg ist wegen seiner Kneipendichte beliebtes Ziel der feiernden Trupps. Doch 15 Wirte sagen nun: „Bei mir nicht mehr!“
Von Heinz Klein, MZ

Wüstes Feiern vertreibt die anderen Gäste und macht mehr Ärger als Umsatz, sagen Regensburger Altstadtwirte. Foto: dpa
Wüstes Feiern vertreibt die anderen Gäste und macht mehr Ärger als Umsatz, sagen Regensburger Altstadtwirte. Foto: dpa

Regensburg.Der Mann mittleren Alters, der die Kumpfmühler Straße entlangging, lehnte erstaunt ab: Nein, er wolle jetzt keine Kondome kaufen und auch keinen Schnaps in Plastikspritzen. Die junge und offensichtlich schwer angeheiterte Frau mit Bauchladen, umringt von Freundinnen in gleichfarbigen T-Shirts, reagierte gar nicht heiter, sondern quittierte die Kaufverweigerung mit wüsten Schimpfwörtern, von denen „alter Spießer“ noch das freundlichste war.

Der Trend: „Saufen im Laufen“

Ähnliche Begegnungen – hoffentlich netterer Art – gibt es demnächst wieder viele, denn die Saison der öffentlichen Junggesellen- und Junggesellinnenabschiede beginnt. Regensburg ist dafür eine äußerst beliebte Kulisse und wird sogar von kommerziellen Dienstleistern, die sich die Gestaltung außerordentlicher Events zur Aufgabe machen, in höchsten Tönen gepriesen. Die Altstadt hat bekanntlich eine sensationelle Kneipendichte und zudem sind dort alle Kneipen, Bars und Discos fußläufig erreichbar. Auch gibt es genug autofreie Gassen und Plätze, wo es sich prima feiern und torkeln lässt.

Über die Jahre hinweg ist aus einem letzten Aufbäumen vor der Ehe eine Olympiade der Peinlichkeiten, der Aggression und der Zerstörungswut geworden.“

Auszug aus dem Manifest

Die Regensburger Wirte sind von dieser Art von Kundschaft überwiegend nicht begeistert. „Saufen im Laufen“ nennen sie den Trend. Wenn Gruppen von johlenden, grölenden und pöbelnden „Abschiedlern“ hereindrängen, werden sie künftig zumindest in 15 Bars, Cafés und Kneipen abgewiesen werden.

Martin Stein, Wirt der Wunderbar, hat die Aktion gegen Junggesellenabschiede auf den Weg gebracht. Foto: Lex
Martin Stein, Wirt der Wunderbar, hat die Aktion gegen Junggesellenabschiede auf den Weg gebracht. Foto: Lex

Martin Stein, Wirt der Wunderbar in der Keplerstraße, hat die Sache in die Hand genommen und noch 14 Altstadtwirte mobilisiert. „Wir wollen keine Junggesellenabschiede mehr bei uns haben, weder in männlicher noch in weiblicher Form – wobei natürlich die Männer in der Regel für die übleren Auswüchse verantwortlich zeichnen“, schreibt er in dem gemeinsamen Manifest. Dort heißt es weiter: „Über die Jahre hinweg ist aus einem letzten Aufbäumen vor der Ehe eine Olympiade der Peinlichkeiten, der Aggression und der Zerstörungswut geworden.“

Die Wirte haben von dieser Klientel, die meist schon bei der Anfahrt in Zug und Bahn heftig vorgeglüht hat und am Abend bereits hinreichend abgefüllt ist, wenig Umsatz, aber dafür viel Ärger zu erwarten. „Jeder Euro Umsatz scheint drei Euro zerstörtem Mobiliar zu entsprechen“, klagt der Wunderbar-Wirt. Das Benehmen der Abschiedler vertreibe zudem jeden anderen Gast und verärgere mit ihrem Krakeele die lärmgeplagten Anwohner, die wiederum die Gastronomen für den akustischen Vandalismus verantwortlich machten. Karl von Jena, Sprecher der Altstadt-Gastronomen und Inhaber des Café Anna, erinnert sich an einen besonders üblen Fall im vergangenen Jahr. Da sei eine Gruppe von Junggesellenabschiedlern mit einem Laster einfach am Bismarckplatz vorgefahren, habe ein 50-Liter Fass angezapft und dann mit großem Getöse und entsprechenden Nebenwirkungen geleert.

Sehen Sie in unserer Videoumfrage, was Regensburg dazu sagen:

Keine Junggesellenabschiede: Das sagen Regensburge

Im Rahmen der Aktion „Fair Feiern“ wurden Plakate in Gaststätten aufgehängt. Plakat: Stadt Regensburg, Pressestelle
Im Rahmen der Aktion „Fair Feiern“ wurden Plakate in Gaststätten aufgehängt. Plakat: Stadt Regensburg, Pressestelle

Im Rahmen der Aktion „fair feiern“ hatten sich Wirte und Oberbürgermeister Joachim Wolbergs zusammengesetzt, um die unwillkommenen Abschiedsrituale einzudämmen. Wegen der Suspendierung des OB sei die Sache aber mehr oder weniger eingeschlafen, bedauert Stein. Zwar seien Plakate produziert worden, die zum stilvollen Feiern in geschlossenen Räumen aufrufen. Aber die hält der Wirt für wenig überzeugend. Von Seiten der Stadt sei derzeit nichts geplant, teilt die städtische Pressestelle mit. Selbstverständlich würden Ordnungswidrigkeiten geahndet und Beschwerden von Anwohnern werde nachgegangen. Der Trend sei in letzter Zeit aber auch etwas zurückgegangen.

Dieser Aufkleber soll an den Türen von 15 Kneipen, Cafes und Bars in der Regensburger Altstadt signalisieren: „Wir wollen keine Junggesellenabschiede mehr.“
Dieser Aufkleber soll an den Türen von 15 Kneipen, Cafes und Bars in der Regensburger Altstadt signalisieren: „Wir wollen keine Junggesellenabschiede mehr.“

Deutlicher als das fair-feiern-Plakat ist der Aufkleber, der nun an den Türen von 15 Bars, Cafés und Kneipen prangt. Wie sehr er befolgt wird, muss sich erst noch erweisen. Die Wirte werden bald erste Erfahrungen damit machen. Rein rechtlich beruft sich Martin Stein auf das Hausrecht eines Wirtes. Wer des Raumes verwiesen werde und sich nicht daran halte, begehe Hausfriedensbruch. Notfalls müsse man eben die Polizei rufen, sagt Stein und verweist auf einen größeren Polizeieinsatz aus diesem Grunde unlängst in Nürnberg.

Das Schreiben der Wirte endet mit einem sehr hintersinnigen Satz: „Darüber hinaus wünschen wir jedem Junggesellen von Herzen, dass sein Abschied in jedem Detail eine Prophezeiung der ihm bevorstehenden Ehe darstellt“, schreibt Martin Stein.

In folgenden Gastronomie-Betrieben sind Junggesellen(innen)-Abschiede nun nicht mehr erwünscht: Alte Filmbühne, Apotheke, Bar 13, Café Lila, Degginger, DNA, Franky’s American Sportsbar, Hinterhaus, Ka5per, Legato, Olle Gaffel, Palletti, Segafredo, Tiki Beat, Wunderbar.

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Der Brauch und was daraus wurde

  • Früher hieß es mal Polterabend

    . Man traf sich vor dem Haus der Braut, knallte vor der Tür altes Porzellan aufs Steinpflaster und sorgte für Scherben, die Glück bringen sollen. Anschließend wurde drinnen mit dem angehenden Brautpaar feste gefeiert.

  • Inzwischen braucht man die Öffentlichkeit

    . Für Junggesellen(innen)-Abschiede werden Plätze okkupiert und Passanten in Spielchen mit einbezogen, die oftmals geschmacklos sind. Der Brauch kommt aus Großbritannien und den USA und hat seit den 1980er Jahren den Trend zur Alkoholexzess und der Sexualisierung.

  • Längst hat sich die Industrie der Sache angenommen

    . Das speziell für den Event bedruckte T-Shirt ist ein Muss, ebenso der Bauchladen. Die Füllung dafür mit Kondomen, Penistrillerpfeifen, Mini-Schnäpsen und ähnlichem gibt es ab 17,99 Euro, Handschellen (zum Anketten des Brautigams auf Damen-WCs) ab 27,90 Euro. Es warten Stretch-Limousinen, Stripper, Tabledance, Hubschrauberflüge oder Blitzreisen nach Prag, Budapest, Bangkok oder Las Vegas – und sehr gerne nach Regensburg.

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