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Menschen

Jurist wurde als Schuster glücklich

Statt der Robe wählte Jürgen Huber den Schurz. Der Regensburger machte in München Schuhe für Promis Jetzt kehrt er zurück.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Jürgen Huber mit einem rahmengenähten Maßschuh. Über ihm hängt u.a. der Leisten Dr. Burdas. Foto: altrofoto.de
  • Zufälliges Treffen in der Werkstatt: Rudolf Kürzinger mit Frau Lene und Uschi Käufl (rechts)Foto: altrofoto.de
  • Die Eheleute arbeiten ab jetzt hier Tür an Tür: Kosmetikladen und Schuhwerkstatt am Minoritenweg 27. Foto: Wanner

Regensburg.Es lohnt sich, auch in Nebenstraßen in Schaufenster zu gucken. In der Werkstatt des Schuhmachers Jürgen Huber hängen am Querbalken an Lärchenbrettern aufgehängt, geschliffen und poliert, Buchenholz-Leisten von der Decke. Mit Filzstift sind Namen drauf geschrieben. „H. v. Bayern“, „Graf von Thun und Hohenstein“ … - „Dr. Burda“. Was tut das Fußmodell des deutschen Pressezaren am Minoritenweg 27?

„100 Paar Schuhe im Schrank – und keine Qualität“

Jürgen Huber

Es ist mit dem Schuhmachermeister Jürgen Huber aus der Landeshauptstadt umgezogen, zusammen mit anderen Fuß- und Fersen-Maßen von Film- und Theater-Schauspielern, Musikern und Wirtschaftskapitänen. Die haben dem angehenden Akademiker, Jurist mit erstem Staatsexamen, damals mit 33 Jahren geholfen, seinen Traum zu verwirklichen: etwas Bodenständiges zu tun und Schuster zu werden.

Die Ehrlichkeit eines Handwerkers

Viele sahen dies als Abstieg, für ihn war es die Rettung. Er hat im Beruf das gefunden, was er im Studium mit seinen unsicheren Berufsaussichten nicht fand: Zufriedenheit. „Wenn ich abends die Werkstatt verlasse, habe ich was abgeschlossen.“ Er braucht keinen Papierkrieg, er braucht Kontakte mit Menschen, seien sie nun prominent oder nicht. Und die Menschen vertrauen ihm das Privateste an, ihre Füße. Beim Abschied sagten die Münchner Kunden, dass sie an ihm am meisten seine Ehrlichkeit geschätzt hätten. Sie brachten Tüten von Schuhen zum Richten vorbei und vertrauten ihm. „Machen Sie damit, was sie für nötig finden.“

Huber ist kein geborener Promischuster. Das kam eher vorübergehend, en passant. Er arbeitete in Bogenhausen, wo diese Menschen mit erhöhtem Bekanntheitsgrad breit gesät sind. Bei jedem zweiten Gesicht fragte man sich, woher kennst du den. Als ein Mann mit Schuhen vorbei kam und sagte, die seien für den Prinz von Bayern, schaute er zweimal hin. „Ich dachte, das ist ein Witz.“ Spätestens, als Uschi Glas sich bei ihm die Absätze richten ließ, folgte er dem Rat seiner Frau und begann die „Bunte“ zu lesen.

Mit Ann-Sophie Mutter im „Q7“

Es kam über die Jahre mit einigen Kunden zu richtigen Freundschaften. Luise Deschauer („Nebel über Schloss Kilrush“, Rosamund Pilcher) brachte ihm selbst gemachte Marmeladen. Die Stargeigerin Ann-Sophie Mutter lud ihn in ihrem neuen Q7 (500 PS) zur Probefahrt ein. Roberto Blanco kaufte bei Huber eine schwarze Schuhcreme und ließ über diesem Witz seine weißen Zähne blitzen. Ein bisschen Spaß muss sein. Samstagmittag war sein Laden ein Treffpunkt. Die Kaffeemaschine war im Dauereinsatz.

Mit dem strapaziösen und glamourösen Leben ist Schluss. Jetzt ist der Schuster heimgekehrt in seine eigene Werkstatt, die von Hisen Bajrami zwischenbelegt war. Der muslimische Schuster, der (wie berichtet) die große Haddsch machte, ist nun in der Unteren Bachgasse näher bei der Laufkundschaft und freut sich. Nach fast 20 Jahren im Arabellahaus, Bogenhausen, Rosenkavalierplatz 5, und fast 20 Jahren täglichen Pendelns kehrte der Regensburger zurück. In die Werkstatt im eigenen Haus, in der er sich bei Schuhmachermeister Rudolf Kürzinger in den Schusterberuf verliebte und das zweite Staatsexamen sausen ließ. Seit März muss Huber keine 3000 Euro mehr zahlen für 39 Quadratmeter Gewerbefläche.

Über Jürgen Huber könnte man viele Geschichten schreiben: Der Mann, der vom Lehrstuhl auf den Schusterhocker umstieg. Der Pendler vom Rosenkavalierplatz. Der Schmalz schnupfende Philosoph an der Doppelmaschine „Frobana“. Aber die schönste ist eine Liebesgeschichte, dass er jetzt nach fast 20 Jahren Pendeln endlich im eigenen Haus mit seiner Frau, der Kosmetikerin Uschi Käufl, arbeiten kann. Und das auch noch in innig verwandten Berufen.

Uschi Käufl freut sich: „Eine Kundin war bei der Fußpflege und ganz entzückt: Schön, dass Ihr Mann jetzt neben Ihnen arbeitet.“ Das alles passiert ihr jetzt. Jürgen Huber fährt nicht mehr rauf auf München, sondern geht in die Schuster-Werkstatt runter und Uschi Käufl in ihr Kosmetikstudio. Wie in alten Zeiten können beide im eigenen Haus wohnen und arbeiten. Nur ein Gang trennt sie tagsüber. Er liegt hinter einer Spiegeltür. Jürgen Huber spricht von einem neuen Lebensabschnitt. Und dass er mit seiner Frau endlich gemeinsam durchs Leben gehen kann. Die beiden genießen es jeden Tag, in der Pause gemeinsam in der Werkstatt zu essen. Und wenn einer schnell weg muss, kann ihn der andere vertreten.

In Schuhen aus Juchtenleder

Jürgen Huber ist 52. Er hat einen guten Stand, er steht in handgemachten, rahmengenähten Schweizer Schuhen aus vier Millimeter dickem Juchtenleder im Leben. „Damit war ich letzte Woche auf einem 3000er“, sagt er. 40 Stunden mindestens arbeitet da ein Schuster hin. Allein die Materialkosten belaufen sich auf 500 Euro. Der Spezialist für Schuh-Maßanfertigungen und Reparaturen setzt auf gutes Schuhwerk. „100 Paar Schuhe im Schrank – und keine Qualität. Die Füße sind bei den Menschen sehr weit weg vom Kopf. Dabei tragen sie ihn.“ Es müsse ja kein handgemachter sein. Mit rahmengenähten Konfektionsmaßschuhen hat sich Huber ein großes Publikum erschlossen.

Auf seiner blauen Schusterschürze prangt der rote Adler Südtirols im Andenken an seinen verehrten Meister Klaus. Seine Uschi kommt rüber vom Kosmetikstudio und geht einmal mit dem schwarzen Federwisch über eine Stelle an der frisch getünchten Wand. Die Werkstatt ist von Grund auf neu gestaltet worden. Den Dank an die Handwerker haben sie wie eine These an die Ladentüre geschlagen. Jeder einzelne Handwerker ist namentlich erwähnt. Am Minoritenweg 27 herrscht ein anderer, ein menschlicher Ton. Den bringen Uschi und Jürgen rein. Sie strahlen von innen Liebe aus. Die beiden sind zusammen, seit sie 18 sind. Seit ihrer Hochzeit leben sie am Minoritenweg.

Dort, gleich gegenüber dem früheren „Opatja“, saß früher Rudolf Kürzinger an der Schusterbank. Der Jurastudent schaute öfter in der Werkstatt vorbei. Dabei hat er am Beruf Feuer gefangen. Der stellvertretende Obermeister Kürzinger wollte es erst nicht glauben, als ihm Huber mit 33 Jahren seinen Berufswunsch offenbarte. „Hast du einen Patscher? In ganz Regensburg haben wir keinen einzigen Lehrling!“ Huber blieb hartnäckig. In München lernte er bei Friedl das Handwerk von Grund auf. Als der Lehrmeister überraschend starb, setzte sich sein Berufsschullehrer aus Südtirol für ihn ein. Huber übernahm die Werkstatt Friedl. Ein Theologiestudent und eine Sozialpädagogin gingen zeitweise den Weg mit und halfen ihm.

Das Netzwerk der Lederexperten

Die Lage hat sich gründlich gewandelt. Junge Kreative haben den Handwerksberuf entdeckt. Sie bilden jetzt auch in Regensburg ein kleines Netzwerk. Der studierte Architekt Jonas Mumm hat „Leder Lärm“ am Georgenplatz übernommen. Der Bartträger verkauft dort seit kurzem nicht nur Leder, er ist ein gelernter Fein-Täschner. Da sitzen die beiden Ledermänner manchmal um den Tisch, trinken Kaffee und führen Fachgespräche. Auch der berühmte Schuh-Bertl ist schon beim ihm aufgekreuzt. Alt-Gerber Martin aus Tuttlingen hat ihm einen Besuch abgestattet. Und dann schneit auch wieder der 74-jährige Rudolf Kürzinger mit seiner Lene rein. Beide standen 33 Jahre gemeinsam im Laden. Kürzinger freut sich, dass es weitergeht im Viertel. Bei ihm haben Leute angerufen und gefragt: Hat jetzt Ihr Sohn übernommen? Amazon und Zalando haben am Minoritenweg eine kleine Niederlage erlitten. Der Rückschlag des Pendels wurde bereits bemerkt. „Ein Kunde kam rein und freute sich, dass man hier wieder bayerisch spricht.“ Jürgen Huber hat ja verfolgt, wie sich am Minoritenweg die Lage schleichend verändert hat. Zwei Zeitungsläden gab es mal in der Straße. „Wie Edeka Gahr zugesperrt hat, hat das richtig wehgetan.“

Jürgen Huber arbeitet mit seiner Werkstatt gegen den Zeitgeist und schon entsteht ein kleiner Trend. Er benennt sein Motto mit zwei Worten: „Heimattreue und gegenseitige Hilfe, nur so geht’s.“

Tür an Tür am Minoritenweg

  • Die grüne Tür markiert eine romantische Geschäftsadresse in Regensburg: Neben dem Kosmetikgeschäft von Uschi Käufl (links) hat nun ihr Mann Jürgen Huber seine Schuhmacherwerkstatt eröffnet. Nach fast 20 Jahren München ist er heimgekehrt.

  • Wechsel:

    Er leitet seine Werkstatt für Schuh-Maßanfertigungen und Reparaturen am Minoritenweg 27. Bis vor kurzem war Jürgen Huber täglich gependelt. Die hauseigene Werkstatt hatte er an den Schuster Bajrami vermietet. http://schuhmacher-huber.de/

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