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Glaube

Kann man in Auschwitz meditieren?

Karin Seethaler ist mit den Menschen auf dem Weg ins Innere. Sie leitet Meditationskurse – und erstmals einen in Auschwitz.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Eine Frau beim Jesusgebet Foto: dpa
  • Meditationsleiterin und Caritas-Theologin Karin Seethaler

Regensburg.Kann man in Auschwitz meditieren? Die Regensburger Meditationsleiterin, Caritas-Theologin und Buchautorin Karin Seethaler bejaht diese Frage. Vom 11. bis 21. September leitet sie einen Kurs in kontemplativen Exzerzitien im „Saint Maximilian Kolbe Retreat House“. Die Franziskanerinnen, die dieses Haus leiten, haben die Regensburger Meditationsleiterin dazu eingeladen.

„Die Erinnerung an Auschwitz soll uns nicht krank, sondern menschlicher machen. Sie soll unsere Beziehungen zu anderen nicht verunmöglichen, sondern heilen.“ Dies ist die Überzeugung von Pater Manfred Deselaers, der als deutscher Priester seit 22 Jahren in Auschwitz lebt und dort die geistliche Verantwortung im „Zentrum für Dialog und Gebet“ hat. Er ist überzeugt, dass „Auschwitz ein fruchtbares Land ist, weil es ein Land der Verwandlung ist“.

Neuer Kurs in Maria Magdalena

In den kontemplativen Exerzitien will Karin Seethaler sich mit den Teilnehmern, die aus ganz Europa kommen, diesem Geheimnis nähern und sich von der Erde von Auschwitz berühren lassen. Das einzige Mittel auf dem Weg ist das Jesusgebet, das hilft, sich in der Tiefe verwandeln und heilen zu lassen. Karin Seethaler sagt: „Dies geschieht in der Stille und im Schweigen, in der gemeinsamen Meditation und im gemeinsamen Austausch unserer Erfahrungen.“

Wenn das in Auschwitz möglich ist, dann ist es an jedem Ort der Welt und auch in Burgweinting machbar. Die kleine evangelische Kirche, die Maria Magdalena geweiht ist, steht zwischen Bahnhof und Burgweintinger Einkaufszentrum wie ein Zelt in der Wüste. Hier findet ab Morgen, Dienstag, 13. Januar, 19 Uhr, ein Einführungskurs in die kontemplative Meditation statt. An den fünf Abenden wird auch die Pfarrerin, Dr. Bärbel Mayer-Schärtel, teilnehmen. Sie ist es, die seit einigen Jahren eine überwiegend katholische Meditationsgruppe ganz unkompliziert in „ihre“ Kirche lässt.

Fünf Jahre bei Franz Jalics in Gries

Karin Seethaler ist seit 1986 auf dem kontemplativen Weg, dessen konkrete Ausprägung von Jesuitenpater Franz Jalics (87) in Gries erfolgte. Neben Emmanuel Jungclaussen (Niederalteich), Sabine Bobert und Peter Dyckhoff ist Jalics der wohl bedeutendste geistliche Begleiter für das sogenannte hesychastische Gebet im deutschsprachigen Raum. Fünf Jahre lebte und arbeitete Karin Seethaler im Exerzitienhaus Gries, davon zwei als Hausleiterin. Seit 1993 leitet sie Meditationskurse in deutscher und französischer Sprache in der Schweiz, in Frankreich, Belgien, Holland und Österreich.

Das Ergebnis ihrer Erfahrungen hat sie in einem Buch zusammengefasst, das 2013 im renommierten Echter-Verlag, Würzburg unter dem Titel „Die Kraft der Kontemplation. In der Stille Heilung finden“ erschien. Eine zweite Auflage ist in Vorbereitung und Seethaler arbeitet bereits an einem Nachfolgebuch, das einen neuen Alltag schildert, der von meditativen Haltungen getragen ist.

Sie schreibt einfach und praxisnah. Ihre Erfahrungen sammelte die Sozialarbeiterin als Regensburger Familienhelferin (drei Jahre) und als Projektleiterin eines Führungskräfte-Entwicklungsprogramms „Charisma“. Seit März vergangenen Jahres ist sie selbstständig.

Nie war das Suchen nach Sinn größer als in dieser gnadenlosen Zeit, stellt Karin Seethaler fest. „Der moderne Mensch ist wie ein Zug ohne Zielbahnhof“, versucht sie ein Bild. Die Gesellschaft bewege sich nur an der Oberfläche. Religion ist für Karin Seethaler, diesen Lebenszug einfach anzuhalten. Die Christin weiß dabei, dass man nicht in östlichen Religionen schöpfen muss, sondern auf einen Schatz zurückgreifen kann, der bis in das dritte christliche Jahrhundert zurückreicht. An Voraussetzungen braucht es nur die Sehnsucht.

Bei der christlichen Kontemplation geht es ihr nicht um kurze Momente, in denen sich der Meditierende eine Art seelische Wellness holt und dann in den alten Trott zurückfällt und um sich selber kreist. Ihr Ansatz und ihr Ziel ist eine schrittweise Änderung des gesamten Lebensstils. „In der Meditation öffnet man sich für neue Haltungen, und das hat Auswirkungen.“

Karin Seethaler nennt hier die Haltung der Zuwendung – zu Gott und zu Nächsten. Das fließt ein in eine achtsame Kommunikation, in der man zuhört und nicht wertet, nicht in der Aufmerksamkeit nachlässt und seine Anliegen mitteilt. Ein mediativer Mensch wird auch Leidvollem begegnen und es ertragen. Und schließlich wird er eine Haltung der Vergebung entwickeln. Dann ist Versöhnung möglich, in Auschwitz und anderswo.

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