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Gericht

Kaugummi geklaut: 1500 Euro Strafe

Ein 65-jähriger Rentner steckte ein Päckchen Kaugummi ein. Das war gerade mal 1,49 Euro wert. Die Strafe fällt drastisch aus.
Von Marion von Boeselager, MZ

Weil er Kaugummi im Wert von 1,49 Euro geklaut hatte, wurde der Rentner zu 1500 Euro Strafe verurteilt. „Wo soll ich das Geld hernehmen?“, fragt er fassungslos nach der Verurteilung.
Weil er Kaugummi im Wert von 1,49 Euro geklaut hatte, wurde der Rentner zu 1500 Euro Strafe verurteilt. „Wo soll ich das Geld hernehmen?“, fragt er fassungslos nach der Verurteilung. Foto: Kreissl

Regensburg.Ein 65-jähriger, schlaganfallgeschädigter Rentner muss wegen des Diebstahls eines Päckchens Kaugummi im Wert von 1,49 Euro 1500 Euro Geldstrafe zahlen. Das harte Urteil sorgte für Kopfschütteln in den Zuschauerreihen und Fassungslosigkeit beim Angeklagten. Das Gericht nahm dem gesundheitlich schwer angeschlagenen Senior die Erklärung nicht ab, er habe schlichtweg vergessen, die Süßigkeit zu zahlen.

Der Senior hatte bei einem Discounter im Stadtosten den Kaugummi eingeschoben und nicht bezahlt. „Ich hab den Kaugummi in meine Tasche gesteckt und dann einfach vergessen“, erklärte der in Russland geborene Rentner ein wenig hilflos über seine Dolmetscherin. Nach dem Passieren der Kasse wurde er vom Detektiv des Supermarktes aufgehalten. Das Packerl der Marke Orbit befand sich nach Angaben des Zeugen im Ärmel des Seniors. Die Ware wurde unbeschädigt zurückgegeben. Der Supermarkt stellte Strafantrag.

Ein Taschenmesser dabei

Die hinzugerufene Polizei notierte zudem, dass sich in der Hosentasche des Mannes ein Taschenmesser mit neun Zentimetern Klingenlänge befand, das mit einer Kette am Schlüsselbund hing. „Das hab ich seit 15 Jahren da dran“, versicherte der Angeklagte. „Damit schneide ich mir immer mein Obst.“ Außerdem habe er früher mal selbst bei einem Discounter gearbeitet, und mit dem Klappmesser „die Verpackungen aufgeschnitten“.

Dieser Umstand wirkte sich im Prozess besonders verhängnisvoll für den Angeklagten aus. Allein das Mitführen eines Messersmacht bei einem Diebstahl einen gravierenden Unterschied: Es wird vom Gesetzgeber als gleichbedeutend mit der Möglichkeit gesehen, dieses als gefährliche Waffe einzusetzen. Daher lautete der Vorwurf gegen den Senior auf „Diebstahl mit Waffen“, mit einer Mindeststrafe von sechs Monaten Haft.

„Eine gewisse Beeinträchtigung“

Wie die MZ vor dem Prozess von der Tochter des Rentners erfuhr, hatte ihr Vater im März 2014 einen schweren Schlaganfall erlitten und ist seitdem zu 80 Prozent schwerbehindert. „Zunächst hatte mein Vater auch Lähmungserscheinungen am Körper und im Gesicht“, sagte die Tochter. „Auch das Sprachzentrum war gestört. Doch das ist zum Glück wieder zurückgegangen.“ Der Vater habe aber immer noch „Aussetzer“, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen.

Der Angeklagte legte Richterin Dr. Cornelia Blankenhorn eine ärztliche Bescheinigung vor, die diese verlas: „Beeinträchtigung der Gehirnfunktion: 50 Prozent, dazu Seh- und Hörbehinderung...“ Die Richterin zog daraus den Schluss: „Es liegt eine gewisse Beeinträchtigung vor. Aber das heißt nicht, dass Sie sich gar nichts merken können!“

Als deutlich gewichtiger wertete das Gericht die Aufzeichnungen der Videokamera. Darauf ist zu sehen, dass sich der Senior vor dem Einstecken des Kaugummis umschaut. Dies sahen Staatsanwältin und Richterin als klares Indiz für einen bewussten Diebstahl. „Ich nehm ihnen das, was Sie erzählt haben, nicht ab,“ sagte Dr. Blankenhorn. „Sie sind zum Klauen in den Laden gegangen und hatten dummerweise das Messer dabei.“ Es habe zudem bereits 2010 ein Diebstahlsverfahren gegen den Rentner gegeben, so die Richterin. Es wurde damals aber gegen eine Geldauflage von 150 Euro eingestellt. Der Mann war damit nicht vorbestraft.

100 Tagessätze zu je 15 Euro lautete das harte Urteil für den Senior. Richterin Dr Blankenhorn ging wegen des geringen Wertes der Ware, und da es sich bei dem Messer um einen „Alltagsgegenstand“ handele, von einem minderschweren Fall aus. Die Staatsanwältin hatte in ihrem Plädoyer sogar 120 Tagessätze beantragt.

„Und wo soll ich das Geld hernehmen?“, fragte der Mann nach Verkündung des Richterspruches verzweifelt. Einen Anwalt konnte sich der Senior, der nur über eine Minirente von 196,50 Euro und eine Beihilfe durch das Sozialamt verfügt, nicht leisten. Neben der Geldstrafe muss er nun auch noch die Verfahrenskosten berappen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Keine Gnade für einen Rentner aus #Regensburg, der ein Päckchen Kaugummi im Wert von 1,49 Euro eingesteckt hatte: Die Richterin verurteilte ihn zu 1500 Euro Strafe. Der 65-Jährige erhält nur eine Mini-Rente.

Posted by Mittelbayerische on Monday, June 15, 2015

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