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Glaube

Keine Osternacht im Hohen Kreuz

„Null Ministranten“: Doch Pfarrer Thomas Kohlhepp glaubt in Mater Dolorosa trotz gewaltiger Probleme an den Umbruch.
Von Helmut Wanner

Lächelnd vor einem Berg von Problemen: Thomas Kohlhepp (35) ist seit vergangenem September Pfarrer von St. Cäcilia und Mater Dolorosa. Foto: Wanner
Lächelnd vor einem Berg von Problemen: Thomas Kohlhepp (35) ist seit vergangenem September Pfarrer von St. Cäcilia und Mater Dolorosa. Foto: Wanner

Regensburg.Die katholische Gemeinde Mater Dolorosa am Hohen Kreuz feiert dieses Jahr keine Osternacht. Sie fällt nicht überraschend aus. Es steckt ein strukturelles Problem dahinter.

„Hier fühl ich mich verloren wie der letzte Mohikaner“.

Pfarrer Thomas Kohlhepp

„Ich könnte ja gar keine Osterliturgie feiern. Mir fehlen die Leute“, sagt Pfarrer Thomas Kohlhepp (35), seit September Administrator der Seelsorgeeinheit St. Cäcilia und Mater Dolorosa.

Dutzende Kommunionkinder folgen der Fronleichnamsprozession 1953 durchs Hohe Kreuz. Heuer sind es zwei Kommunionkinder. Foto: MZ-Archiv
Dutzende Kommunionkinder folgen der Fronleichnamsprozession 1953 durchs Hohe Kreuz. Heuer sind es zwei Kommunionkinder. Foto: MZ-Archiv

Wer Diaspora in Regensburg erleben will, muss einen Blick in den Stadtosten werfen. Um die 50 Gläubige besuchen durchschnittlich den Gemeindegottesdienst am Sonntag. „Die meisten aus Ostheim. Kein Jugendlicher ist darunter, kein Kind.“ Pfarrer Kohlhepp kann weder Kinder- noch Jugendarbeit machen. Deswegen hat er „Null Ministranten“. Aus der Ministranten-Misere helfen ihm zwei katholische Vietnamesinnen. Die sind gerade im Osterurlaub. Die Zahl der Christgläubigen fällt und fällt. Im Dezember 2017 bekannten sich noch 26,28 Prozent der Bewohner am Hohen Kreuz zur katholischen Kirche. 2016 waren es 28,64 Prozent. Die Zahl der evangelischen Christen fiel auf 9,07 Prozent. Die Sonstigen verbuchen 64,65 Prozent. Der größte Teil sind Muslime. Sie verfügen im Stadtosten über sieben kleinere Moscheen oder Gebetsräume.

Die Kreuzkirche wird abgegeben

Beim Schulfest im Hohen Kreuz spielt Erich Tahedl Kindern aus aller Welt bayerische Tänze vor. Foto: Schule
Beim Schulfest im Hohen Kreuz spielt Erich Tahedl Kindern aus aller Welt bayerische Tänze vor. Foto: Schule

Im Stadtosten stellt der evangelische Pfarrer Thomas Koschnitzke eine ökumenische Gemeinschaft bei den Problemen fest. „Es gab große Hoffnung auf Gemeindewachstum durch die neuen Wohnquartiere Candis und Marina Quartier. Die haben sich nicht erfüllt. Taufen und Hochzeiten gehen gegen Null pro Jahr.“ Die beiden Pfarrer machen auch beim gemeinsamen Religionsunterricht an der Grundschule Hohes Kreuz ernüchternde Erfahrungen. Pfarrer Koschnitzke sagt: „Der islamische Religionsunterricht hat inzwischen die meisten Schüler.“ Er stellt klar: „Wir sind dafür, dass es einen islamischen Unterricht gibt. Wir verstehen uns gut mit dem Religionslehrer.“

Die evangelische Kirchengemeinde hat aus der veränderten Gesamtsituation schweren Herzens die Konsequenzen gezogen: Ab den Sommerferien wird es keine Gottesdienste mehr in der Kreuzkirche geben. „Die Kirche wird den Altkatholiken überlassen“, bestätigt Dekan Eckhard Herrmann. Der Stadtosten wird zwar weiter zur 2000 Seelen zählenden Gemeinde Neupfarrkirche gehören. Aber die Angebote werden auf die Innenstadt konzentriert. Für die Entscheidung waren finanzielle Gründe ausschlaggebend.

Pfarrer Thomas Kohlhepp kommt aus Riedenheim, Ochsenfurth, wo jeder jeden kennt. „Hier fühl ich mich verloren wie der letzte Mohikaner. Ich frage mich, wie krieg ich wieder Leute in meine Kirche.“ „Mit Gottes Hilfe“ will er den Neuanfang wagen. „Es wird ein Umbruch kommen“, sagt er. Er hat die Gemeindeberatung ins Boot geholt. Neben den Katholiken fehlen die passenden Räume am Hohen-Kreuz-Weg 9. Das alte Pfarrhaus steht leer. Der Pfarrsaal liegt weitab von der Kirche. „Wie soll ich da einen Kirchen-Kaffee anbieten?“, fragt Pfarrer Kohlhepp. Die Außenrenovierung von Mater Dolorosa, 1953 benediziert, ist abgeschlossen. Doch im Inneren der Kirche von Mater Dolorosa senken sich die Altarstufen. Die Wände sind verrußt, die Sicherungen sind aus Porzellan. „Wie soll ich Menschen aus einem ästhetischen Wohngebiet wie dem Candis in eine Kirche bringen, die mufflig ist und grabelt? Menschen leben heutzutage auch von Schönheit.“ Wenn er zu Taufgesprächen in die Wohnungen im Candis-Viertel geht, lachen ihn die Leute aus, wenn er sie nach Mater Dolorosa einlädt. Mater Dolorosa überlebt durch die Präsenz ausländischer katholischer Gemeinden. Die polnische Gemeinde ist mittlerweile der größte Nutzer des Gotteshauses. Ukrainer und Griechen folgen.

Bangen um Mater Dolorosa

Es gibt schon fertige Pläne für die Innensanierung. Doch die ruhen momentan, bestätigt Pfarrer Kohlhepp. Angesichts der statistischen Zahlen wurden Bedenken artikuliert, ob es sinnvoll sei, eine Kirche zu renovieren, die, nach der statistischen Erwartung in fünf bis zehn Jahren leer sein wird.

Der Stadtosten damals und heute

  • Tradition:

    Der katholische Pfarrer Kordick führt in den 50er-Jahren eine Fronleichnamsprozession durch das Hohe Kreuz. In den Straßen und Plätzen sind alle Fenster geschmückt. Zahlreiche Kommunionkinder gehen im Zug mit. Heute kommt es vor, dass Mater Dolorosa gar kein Kommunionkind hat. Dieses Jahr werden zwei Kinder auf die Heilige Erstkommunion vorbereitet. Die Zahl der Katholiken sank auf 26, 28 Prozent.

  • Integration:

    Der Trachtler Erich Tahedl spielt in der Grundschule Hohes Kreuz zur Polonaise auf. Erich Tahedl leitet seit 1983 die Jugendarbeit beim Trachtenverein Regensburg „Stamm“. Dabei vermittelt er nicht nur den Kindern des Vereins die Werte der Heimat und des Brauchtums. Bei zahlreichen Kindergärten und Schulen war er mit seinem Akkordeon zu Gast, wie hier bei den Grundschulkindern aus aller Welt.

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