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Kinder sind körperlich neugierig

Claudia Alkofer ist Sozialpädagogin bei Pro Familia in Regensburg. Offenheit gegenüber den Fragen der Kinder ist ihr wichtig.
Von Gustav Wabra

Claudia Alkofer informiert Schüler zu Liebe, Sexualität und Verhütung. Fotos: Knobloch/DPA
Claudia Alkofer informiert Schüler zu Liebe, Sexualität und Verhütung. Fotos: Knobloch/DPA

Regensburg.Ab wann ist es angebracht, mit der Aufklärung anzufangen?

Die kindliche körperliche und psychosexuelle Entwicklung ist ein ganzheitlicher Prozess, der im Säuglingsalter beginnt. Zum Beispiel durch erste Erfahrungen beim Stillen und Getragenwerden erfährt das Kind Geborgenheit und das Gefühl von Liebe und Sicherheit. Kinder sind körperlich neugierig, sie fangen früh an, sich selbst zu erkunden und Fragen zu stellen. Das hängt mit den verschiedenen Entwicklungsphasen zusammen. Mit circa drei, vier Jahren erkunden die Kinder ihren Körper. Sie sehen das eigene Geschlecht und wollen wissen, ob das bei anderen auch so ist. Sie entwickeln eine Identität zum Beispiel als Mann oder als Frau.

Geschieht das nicht ganz automatisch?

Nein, hier brauchen Kinder Erklärungen und Unterstützung. Das erklären dann meistens die Eltern ihren Kindern. Weil das nicht für alle so einfach ist, stehen wir als Pro Familia Eltern beratend zur Seite und bieten Elternabende an. Das gehört auch zur Prävention von sexueller Gewalt. In unseren Workshops in Schulen und Einrichtungen arbeiten wir mit speziell ausgebildeten Sozial- und Sexualpädagogen und -pädagoginnen. Dabei ist es uns wichtig, die Grenzen des Einzelnen zu respektieren, auch in Bezug auf Teilnahme und Beteiligung.

Wie wird dabei vorgegangen?

Unsere Methoden und Materialien sind alters- und zielgruppenangepasst und dienen der kreativen und spielerischen Informationsvermittlung. Die pädagogischen Mitarbeiter vermitteln ausschließlich gesichertes, wissenschaftlich fundiertes Wissen und gehen sensibel mit den Anliegen der Jugendlichen um.

Sie übernehmen an Schulen oft auch Teile des Sexualkundeunterrichts. Warum macht das nicht der Lehrer?

Ein großer Pluspunkt von uns Externen ist, wir haben viel Anschauungsmaterial zum Beispiel in Form von Kissen, die verschiedene Körperteile abbilden. Das Thema Sexualaufklärung kann peinlich und schambesetzt sein, lustig und verwirrend. Kinder und Jugendliche in der 6. bis 8. Klasse möchten dem Lehrer nicht peinliche Fragen stellen. Der Lehrer gibt ja auch Noten und somit wird immer eine Grenze zwischen den Kindern und dem Lehrer sein. Für sexuelle Aufklärung ist aber ein offener Dialog wichtig.

Unterrichten sie Mädchen und Jungs gleichzeitig? Und wie begegnen sie Kritik?

Wir trennen die Klassen in Mädchen und Jungs. Wir machen keinen Sexunterricht, es geht um Aufklärung über körperliche Vorgänge und zum Beispiel auch Verhütung. Und wenn explizite Fragen kommen, beantworten wir die auch. Kinder haben heute früh Zugriff auf sexualisierte Bilder im Internet und Pornos. Es entsteht ein verwirrendes Bild von Sexualität, das wir dann versuchen zu entwirren. Wir gehen offen auf alle Fragen ein und unterstützen Kinder und Jugendlichen eigene Haltungen und Werte zu entwickeln. Wir fördern die Selbstkompetenz und einen verantwortungsvollen Umgang mit sich und anderen. Das Wissen um den eigenen Körper und die Möglichkeit, Gefühle und Unsicherheiten wahrzunehmen und diese verbal auszudrücken, tragen zur Identitätsbildung bei. Eltern, die aber glauben, ihre Kinder würden zu früh mit dem Thema Sexualität konfrontiert, denen kann man nur sagen: Die körperliche Entwicklung hat sich heute nach vorne verschoben. Mädchen und Jungen bekommen manchmal schon mit acht, neun Jahren die erste Behaarung, der Körper verändert sich. Kleine Kinder sind Menschen, auch sie fühlen sich selbst, sie verspüren keine sexuelle Lust wie erwachsene Menschen, dennoch haben sie einen Körper, der ihnen nicht fremd sein sollte.

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