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Kinder als Viren-Überträger?

Prof. Michael Kabesch von St. Hedwig spricht über Erfolge der Quarantäne. Erwachsene tragen wohl stärker zur Ansteckung bei.
Von Peter Schröder und Katharina Kellner

Kinder stecken laut ersten Studien weniger häufig Erwachsene mit dem Coronavirus an als bislang angenommen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Kinder stecken laut ersten Studien weniger häufig Erwachsene mit dem Coronavirus an als bislang angenommen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Regensburg.Haben Kinder ein höheres Potenzial, das Corona-Virus zu übertragen als Erwachsene? Diese Annahme war bislang verbreitet. Auf ihr beruhen die vergleichsweise frühen Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten. Doch es gibt zunehmend Zweifel an dieser These. Prof. Michael Kabesch, Ärztlicher Direktor der KUNO Klinik St. Hedwig, sagte dazu im Interview mit der Mittelbayerischen: „Die Vermutung, dass Kleinkinder für die Verbreitung des Virus ganz entscheidend sind, kommt von der Beobachtung, dass bei saisonalen Grippewellen tatsächlich Kinder eine entscheidende Rolle bei der Übertragung spielen.“

Der Ärztliche Direktor der Hedwigsklinik, Prof. Dr. Michael Kabesch. Foto: Clemens Mayer
Der Ärztliche Direktor der Hedwigsklinik, Prof. Dr. Michael Kabesch. Foto: Clemens Mayer

Da das Grippe-Virus jedes Jahr mutiert, bestehe weder bei Erwachsenen noch bei Kindern Immunität. Kinder hätten bei Grippe oft „sogar einen milderen Verlauf, der von den bei Kindern üblichen Infekten nur schwer zu unterscheiden“ sei. An Grippe erkrankte Kinder seien in der Regel nicht schwer krank, sagt Kabesch. Sie liegen also nicht zuhause im Bett und sind damit isoliert. Damit haben sie mehr Gelegenheit, andere anzustecken – auch Erwachsene.

In Island sind die Kindergärten offen

Doch lassen sich diese Erkenntnisse mit der Grippe ohne weiteres auf die Situation mit Corona übertragen? Dazu meint Kabesch, bei Corona seien bisher vor allem Infektionen von Erwachsenen zu Erwachsenen und von Erwachsenen auf Kinder bekannt. Die Übertragung von Kindern auf Erwachsene, wie sie bei der Grippe häufig vorkomme, sei „bei SARS-CoV-2 erstaunlich selten. Ob das wirklich so ist, oder ob wir das nur noch nicht gut genug erfassen, ist noch nicht klar“.

So sicher sind Kinder in der Pandemie

Erste Studien gibt es bereits, zum Beispiel aus Island. Kabesch sagt, hierbei seien viele Kinder untersucht worden, auch kleinere. Dabei habe sich gezeigt, dass Kinder nach aktuellen Erkenntnissen vom Infektionsgeschehen deutlich weniger betroffen seien als Erwachsene. Anders gesagt: „Erwachsene tragen deutlich mehr zur Übertragung bei als Kinder.“ In Island seien Kindergärten und -krippen wegen Corona nicht geschlossen worden. Doch Kabesch verweist auch auf die Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur, weswegen die isländische Studie nicht ohne weiteres auf die Situation in Deutschland übertragbar sei.

Quarantäne half, eine Riesen-Influenzawelle abzuwenden

In Hinblick auf das Corona-Virus wird immer wieder über unterschiedlich schwere Verläufe der Erkrankung diskutiert. Medien haben über einzelne Fälle berichtet, in denen vergleichsweise junge Menschen ohne bekannte Vorerkrankung schwer krank geworden waren. Es wird vermutet, dass die Anzahl der Coronaviren bei der Ansteckung eine Rolle spielt: Je mehr Erreger, umso größer könne das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf sein. Prof. Kabesch sagte dazu: „Ja, es ist eine „gute“ Hypothese, aber noch keine gesicherte Erkenntnis.“ Belastbare Daten zur Viruslast bei Ansteckung und Krankheitsschwere gebe es bei SARS-CoV-2 noch nicht. Erste Studien dazu könnten aber so interpretiert werden. Aussagekräftiger seien die Daten in Hinsicht auf die Grippe. Hier zeige sich, dass Mundschutz wohl über eine Reduktion der Viruslast vor schweren Infektionen schützen könne.

Pandemie

Gähnende Leere in Regensburgs Kliniken

Auf Corona sind die Krankenhäuser vorbereitet. Alle anderen Behandlungen wurden, wenn möglich, verschoben. Das hat Folgen.

Eine erfreuliche Erkenntnis hat Kabesch in seiner täglichen Arbeit gewonnen: Die Ausgangsbeschränkungen hatten zur Folge, dass die Rate der Patienten, die an Influenza oder an RSV (Humane Respiratorische Synzytial-Virus) erkrankten, „dramatisch“ abfiel. Normalerweise hätte eine Kinderklinik wie St. Hedwig sehr viele solcher Patienten stationär aufnehmen müssen: „Das war ein wunderbarer Beweis, dass solche Infektionsketten unterbrechbar sind.“ Dabei hatten Experten für die Wintersaison 2019/2020 mit einer der größten Influenzawellen seit 25 Jahren gerechnet, wie Kabesch bestätigt: „So ist es auf der Südhalbkugel im Winter abgelaufen.“ Er nimmt an, dass die durch Corona verursachte Quarantäne „uns vor dieser Riesen-Influenzawelle in gewisser Weise gerettet“ hat.

Pandemie

So besiegte eine Klinik Corona-Ausbruch

In Hedwig erkrankten 30 Mitarbeiter. Wer von den 800 Mitarbeitern ist jetzt immun? Die Studie stößt auf weltweites Interesse.

Anfang März hatte es in der Hedwigsklinik einen Corona-Ausbruch gegeben: Von 800 Mitarbeitern waren 30 positiv getestet worden. Unter Kabeschs Federführung ist aktuell eine Studie veröffentlicht worden, die beschreibt, wie eine erfolgreiche Eindämmung des Covid-19-Ausbruchs bei laufendem Krankenhausbetrieb gelingen konnte. St. Hedwig betreut schwerpunktmäßig Schwangere und Neugeborene mit Corona-Infektion.

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