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Archäologie

Kleine Sensation in der Erde am Dörnberg

Auf dem Regensburger Baugebiet wurden 1500 Gräber entdeckt. Sie bringen Licht in Jahrhunderte, die bisher im Dunkel lagen.
Von Curd Wunderlich, MZ

  • Bajuwarischer Krieger um 600 n. Chr.: Oberkörper und Schädel, daneben zwei Lanzenspitzen und Tascheninhalt, darin eine römische Bronzemünze und Spielsteine sowie eine Gürtelschnalle. Foto: KANT Archäologie GmbH
  • Steve Zeus (rechts) erläuterte die Geschichte dieses SchädelsmcwFoto:

Regensburg.Muss Regensburger Stadtgeschichte neu geschrieben werden? Lange hatten Stadt und Investor Martin Bucher geheimgehalten, was genau für archäologische Funde auf dem Dörnberg-Areal westlich der Kumpfmühler Brücke gemacht wurden. Aus Angst vor ungebetenen Besuchern, die sich an den historischen Gegenständen bedienen könnten. Doch am Mittwochmittag war es soweit: Bei einer Pressekonferenz in der IHK-Geschäftsstelle Regensburg stellten Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, Bucher und Experten die Entdeckungen vor.

„Wir haben keine spektakulären Einzelfunde gemacht“, meint Kulturreferent Klemens Unger im Gespräch mit unserem Medienhaus und klingt dabei gar nicht ernüchtert. „Aber die Funde in ihrer Gesamtheit sind eine kleine Sensation!“ Mehr als 1500 Gräber sind auf dem Areal des Bauvorhabens „Das Dörnberg“ seit 2015 freigelegt worden. Diese stammen zwar in erster Linie aus der Römerzeit des 2. bis 5. Jahrhunderts. Doch auch aus dem nachfolgenden Frühmittelalter, bis ins 7. Jahrhundert hinein, wurden Gräber entdeckt. Und genau darin liegt die „kleine Sensation“.

Querschnitt der Stadtbewohner

„Dadurch haben die Funde Bedeutung für die ganze Regensburger und bayerische Geschichte“, brachte es Wolbergs auf den Punkt. Sie könnten Licht in zwei Jahrhunderte bringen, die bislang weitegehend im Dunkeln lagen. Klemens Unger erklärt das im Gespräch genauer: Die Funde seien ein Bindeglied zwischen der römischen und der frühen bajuwarischen Zeit um das 6. und 7. Jahrhundert. „Mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus den über 1500 Skeletten können wir die Regensburger Geschichte von der Steinzeit über die Römerzeit und die Bajuwaren bis in die Jetztzeit nachvollziehen“, freut sich der Kulturreferent. Dazu müssten natürlich auch Erkenntnisse aus anderen Grabungen, herangezogen werden. Die Bajuwaren bestatteten ihre Toten im Frühmittelalter weiter in dem großen Gräberfeld des alten römischen Legionslagers, das sich in dieser Zeit zur Stadt wandelte. Und so wurden auf dem Areal Fundstücke aus einem viel längeren Zeitraum entdeckt, als man zu Beginn der Grabungen angenommen hätte.

Ein parademäßiger Querschnitt der Stadtbewohner vom 2. bis ins 7. Jahrhundert sei da auf dem Dörnberg-Areal ausgebuddelt worden, meint Unger. Und eins könne man schon heute sagen, lange bevor alle Funde wissenschaftlich genau untersucht sind: „Schon damals pflegten die Menschen, die hier gelebt haben, internationale Beziehungen.“ So habe man Schmuckstücke entdeckt, die aus dem heutigen Italien stammen müssten, oder auch Glas, „das bei uns damals so noch nicht hergestellt werden konnte“.

Unsere Fotostrecke liefert einen Überblick über die Fundstücke:

Dörnberg: Das sind die historischen Funde

Mit den zahlreichen neu entdeckten Grabausstattungen kann man nun auch alte Fragen versuchen neu zu beantworten, zum Beispiel: Wie setzte sich die Bevölkerung während des 5. und 6. Jahrhunderts zusammen, als sich die Stammesbildung der Bajuwaren vollzog, die in Regensburg ihr politisches Zentrum hatten? „Ich wage vorauszusagen, dass wir mit diesen Grabungsschätzen die Bayerische Geschichte neu schreiben könnten“, so Unger. „Denn durch die wirklich sensationellen archäologischen Funde können wir nun endlich die Kontinuität der Regensburger Geschichte und damit auch der Bayerischen Geschichte bis ins frühe Mittelatler neu aufrollen“, ist er begeistert.

Detaillierter vorgestellt wurde am Mittwoch der Schädel eines circa 20-jährigen Römers, der im 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus gelebt haben dürfte. Er stammt laut Anthropologe Steve Zäuner von einem der ganz wenigen Skelette, an denen bislang Gewalteinwirkungen festgestellt werden konnten. Den Schädel konnten die Experten so gut wieder herstellen, dass die letzten dreißig Sekunden im Leben des jungen Mannes ziemlich genau rekonstruiert werden können. Auch könne man genau feststellen, auf welche Art und Weise der Gegner des Römers sein Schwert gehalten haben muss: Mit nur wenigen gezielten Schlägen muss der Mann getötet worden sein, ist sich Zäuner sicher.

Im Gespräch mit der MZ liefert der Anthropologe eine mögliche Erklärung dafür, warum so wenige Skelette mit Gewalteinwirkung gefunden wurden. Während die Germanen in anderen Gegenden in der gleichen Zeit eine „grausame Ausrottung und Abmetzelung“ der dort lebenden römischen Bevölkerung betrieben, seien die hiesigen Germanen wohl erstaunlich friedlich gewesen. Warum es in Regensburg so friedlich blieb, gelte es nun zu untersuchen.

Geduld gefragt bis zur Ausstellung

Bis alle archäologischen Fundstücke im Historischen Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können, wird noch einige Zeit vergehen. „Da ist jetzt erstmal Geduld angesagt“, meint Klemens Unger. Bis jetzt gebe es zehn wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit den Funden der Grabung beschäftigen. Eine Dauerausstellung mit den neuentdeckten uralten Gegenständen werde es erst geben, wenn das Museum nach seinem Um- und teilweisen Neubau wiederöffnet ist. Bis dahin stellt Dr. Andreas Boos von den Museen der Stadt Regensburg zumindest eine Sonderausstellung mit Zwischenergebnissen in Aussicht — aber auch dafür rechnet er nicht vor 2020. Vorher könnten eventuell einzelne Vitrinen in die Römerausstellung integriert werden, überlegt Boos.

Dass am Ende aber möglichst viele Stücke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen, steht für OB Wolbergs fest: „Diese Funde und Erkenntnisse verpflichten die Stadt, eine entsprechende Dokumentation, die wissenschaftliche Bearbeitung sowie die Veröffentlichung voranzubringen.“ Seinen Dank drückte das Stadtoberhaupt Investor Martin Bucher aus. Der Bauherr sei gesetzlich zu den Grabungen verpflichtet gewesen und musste dafür auch bezahlen. Für einen „lächerlichen symbolischen Betrag“ habe Bucher der Stadt nun alle Funde überlassen. Die genaue Höhe dieses Betrags blieb auf Nachfrage allerdings im Dunkeln der neueren Geschichte.

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