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Justiz

Kleptomanin: „Ich verlor den Überblick“

Eine Regensburger Studentin (25) gestand vor Gericht Diebstähle und Betrug. Das Diebesgut könnte eine ganze Turnhalle füllen.
Von Marion von Boeselager und Bastian Winter, MZ

Eine Studentin muss sich in Regensburg vor Gericht verantworten. Sie soll Kleptomanin sein und eine Vielzahl von Diebstählen begangen haben. Foto: dpa
Eine Studentin muss sich in Regensburg vor Gericht verantworten. Sie soll Kleptomanin sein und eine Vielzahl von Diebstählen begangen haben. Foto: dpa

Regensburg.Am Schluss war die Wohnung einer 25-jährigen Studentin der OTH Regensburg so voll mit gestohlenen Waren, dass das Öffnen der Tür nicht mehr möglich war. Das bei der Durchsuchung ihrer Bude beschlagnahmte Diebesgut – Textilien, Bettwäsche, Drogerieartikel und Kleinmöbel im Gesamtwert von rund 60 000 Euro – füllte, auf dem Boden ausgebreitet, eine Turnhalle. Seit Montag steht die junge Frau, die seit Jahren an Kleptomanie und einer Zwangsstörung leiden soll, wegen Diebstahls in 89 Fällen vor dem Landgericht. Jeder Anklagepunkt beinhaltet eine Vielzahl von Unterpunkten.

Weiter wird der psychisch kranken Studentin Betrug, Hausfriedensbruch und Unterschlagung zur Last gelegt.

Ganze Regale leergeräumt

Die Angeklagte vor Gericht; Foto: Boeselager
Die Angeklagte vor Gericht; Foto: Boeselager

Die 25-Jährige soll in den letzten zwei Jahren 19 Uni-Studenten ihre Rucksäcke und Taschen samt wertvollem Inhalt geklaut haben. Außerdem zog sie immer wieder zu großen Fischzügen in Regensburger Discounter, Bekleidungsgeschäften, Drogerien, Buchläden und Betten-Anbietern los – auch als die mehrfach ertappte Diebin dort längst Hausverbot hatte, so die Anklage. Teilweise räumte sie ganze Regale leer und stopfte Hunderte von Getränkedosen, Brillen, Hygieneartikel, und Klamotten in ihre Taschen.

Oft war sie danach so schwer bepackt, dass sie unter der Last der gestohlenen Waren fast zusammenbrach. Dennoch gelang es ihr in den meisten der angeklagten Fälle unbehelligt die Geschäftsräume zu verlassen. Weiter soll sie bei „Umtauschaktionen“ von Diebesgut getrickst und auch Päckchen unterschlagen haben.

Bei einigen Taten in Franken und Oberbayern war ihr früherer WG-Mitbewohner aus München dabei. Der Student (24) stellte ihr sein Auto zur Verfügung und chauffierte sie teilweise zu den Geschäften.

Die attraktive junge Dame aus dem Landkreis Kelheim legte ein umfassendes Geständnis ab: „Ich gebe alles zu und will nichts schönreden. Ich habe psychische Probleme und einen Sammelzwang, der sich im Lauf der Jahre gesteigert hat. Ich schäme mich für die Taten und bereue sie. Am Ende hatte ich keinen Überblick mehr.“ Aus Geldnot handelte die Angeklagte offenbar nicht: In ihrer Wohnung wurden auch 140000 Euro Bargeld sichergestellt, die sie aber ehrlich durch Nebenjobs und Unterstützung ihrer Eltern angesammelt haben will.

Kommissar Zufall half bei der Festnahme

Erwischt wurde die Angeklagte vor etwa einem Jahr. Der Polizei kam dabei der Zufall maßgeblich zu Hilfe: Als am 17. Oktober 2015 vor dem Lesesaal der Rechtswissenschaft an der Universität eine Handtasche mit Lernunterlagen verschwand, lobte die Besitzerin, die die Unterlagen dringend brauchte, einen Finderlohn aus. Das besondere daran: Wenige Zeit zuvor hatte ein Freund der Geschädigten das gleiche Problem. Auch seine Tasche war verschwunden, wurde ihm aber gegen Finderlohn von der jetzigen Angeklagten zurückgegeben. Als der Bestohlenen auffiel, dass sich bei ihr die gleiche „Finderin“ meldete, erstattete sie Anzeige bei der Polizei. Diese begleitete sie dann am 27. Oktober 2015 zur Übergabe des Finderlohns. Dort tauchte erwartungsgemäß die Angeklagte auf und wurde zunächst von der Polizei kontrolliert. Dabei händigte sie den Beamten einen Studentenausweis aus, der ihr offensichtlich nicht gehörte. Die Polizisten fielen darauf nicht herein und nahmen die junge Dame in Gewahrsam. Bei der sich daran anschließenden Wohnungsdurchsuchung wurde dann ein erstaunlicher Fund gemacht.

Der Beamte, der bei der Durchsuchung anwesend war, erzählte dem Gericht, dass er schon Schwierigkeiten hatte, das 16-Quadratmeter-Apartment im Regensburger Süden zu betreten. Gerade einmal 30 Zentimeter habe sich die Tür aufstemmen lassen. Der Beamte schaffte es zwar sich in das Innere zu zwängen, kam dort aber auch nicht viel weiter. „Die Wohnung war circa einen Meter hoch mit Sachen gefüllt“, berichtete er. „Das Bett konnten wir nur durch Graben finden.“ Auf Nachfrage der vorsitzenden Richterin gab er außerdem an, dass die Wohnung wohl nicht mehr bewohnbar war. „Die Sachen waren zu 90 Prozent unbenutzt und waren sogar noch etikettiert“, stellte er weiter fest.

Komplize handelte aus Zuneigung

Ihren mit angeklagten Komplizen hatte die Studentin bei einer früheren Therapie kennengelernt. Auch er litt unter Zwangsstörungen. Eine Beziehung hätten sie nicht gehabt, meinte die 25-Jährige, nur Freundschaft, aber „er hätte wohl mehr gewollt“. Auch der 24-Jährige räumte seine Taten ein. Er habe seiner Freundin helfen wollen und gewusst was diese tat. Er entschuldigte sich für sein „Fehlverhalten.“

In einem Rechtsgespräch nannte die Verteidigerin der einschlägig vorbestraften Hauptangeklagten, Stephanie Bauer, eine Bewährungsstrafe mit Therapieauflage als Ziel. Der Verteidiger des Mittäters, Philipp Janson, will für seinen Mandanten eine Geldstrafe erreichen. Dies sei „nicht außerhalb des Möglichen“, meinte der Staatsanwalt. Der Prozess wird fortgesetzt.

Wir sind regelmäßig bei Gerichtsverhandlungen in Regensburg vor Ort. Die Berichte finden Sie hier!

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