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Flüchtlinge

Kriegstraumata in Kinderköpfen auflösen

Das Uniklinikum will Helfer im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen schulen. Ein Infoabend gibt Einblicke in die Therapie.
Von Heinz Klein, MZ

Erlebter Schrecken hinterlässt biologische Spuren im Kopf. Prof. Loew will Laien schulen, um traumatisierten Flüchlingskindern zu helfen.
Erlebter Schrecken hinterlässt biologische Spuren im Kopf. Prof. Loew will Laien schulen, um traumatisierten Flüchlingskindern zu helfen. Foto: dpa

Regensburg.2600 Flüchtlinge sind derzeit in Regensburg untergebracht, darunter Jugendliche und Kinder, die nach monatelanger Flucht ein Bündel an traumatischen Erfahrungen mit sich tragen. Es stehe außer Zweifel, sagt Professor Dr. Thomas Loew, dass anhaltende Bedrohungslagen Spuren im Gehirn hinterlassen, Konzentrationsfähigkeit und Merkfähigkeit reduzieren, Schlafstörungen und Alpträume verursachen. „Ein nicht verarbeitetes Trauma beeinflusst das ganze weitere Leben“, sagt der Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Regensburg.

Ein Informationsabend am 8. Oktober wird interessierte Laien in die „Medizin der Misshandlung und die biologischen Folgen von Bedrohung, Folter, Flucht oder Vertreibung“ einführen. Helfer, die sich danach zutrauen, betroffene Flüchtlingskinder zu betreuen, werden in einem Anschlusstermin Anfang November durch Experten entsprechend geschult.

Das Erlebte wie auf einem Bildschirm sehen

Um den „Kriegsschauplatz Gehirn“ zu befrieden, setzt Prof. Loew auf ein von Psychologen entwickeltes Verfahren, das in vielen Krisengebieten zum Einsatz kam und Opfern helfen kann, ihr Erleben von Krieg oder auch Naturkatastrophen zu verarbeiten. Die therapeutische Idee, die dahinter steht, ist zum einen das Prinzip der Zeugenschaft. Traumatisierte Menschen müssen mitteilen können, was ihnen widerfahren ist. Und Helfer müssen lernen, Beziehungen zu den jungen Flüchtlingen aufzubauen, Fragetechniken zu entwickeln, zuzuhören. Es geht darum, das Erlebte in verschiedene Elemente aufzulösen, es wie einen Film zu sehen – auf einem Bildschirm, den man dann auch ein Stück weit von sich wegschieben kann, erklärt Prof. Loew das Verfahren.

Natürlich gibt es Kommunikationsschwierigkeiten und Sprachbarrieren, aber die Kommunikation muss nicht unbedingt verbal sein, meint der Chefarzt. Man kann sich mit Gesten mitteilen, man kann Erlebtes nachspielen und natürlich auch in gemalten Bildern mitteilen. „Eigentlich müssten sich jetzt alle, die gekommen sind, hinsetzen und ihre Geschichte aufschreiben“, sagt der Wissenschaftler.

Das ist die eine Schiene, auf der Prof. Loew arbeiten will. Die andere besteht in der Vermittlung von Möglichkeiten zur Selbstregulierung. Dazu will Loew Laien eine trance-basierte Entspannungsmethode vorstellen, die der Sufi-Meditation entlehnt ist, sich auch weitgehend nonverbal vermitteln lässt und sich beim Einsatz über kulturelle Grenzen hinweg und bei Sprachverständigungsproblemen sehr bewährt hat.

Zur Entlastung Spaziergehen

SURE (Somatic Universal Regulative Exercise) heißt das Verfahren, das Helfer leicht erlernen, für sich selbst nutzen und an die Menschen, die sie betreuen, weitergeben können. Es gehört zu den Techniken der Notfallpsychologie, in der auch Rettungskräfte geschult werden, um traumatisierende Erlebnisse besser verarbeiten zu können. Daneben helfen auch ganz banale Techniken, sagt Prof. Loew: entschleunigtes Atmen beispielsweise oder schlichtweg Spazierengehen, das entlastend wirkt.

Zu den grundlegenden Aufgaben gehört es Loew zufolge nun, im Kontakt mit Flüchtlingen, zu erkennen, welche von ihnen traumatisiert sind. Hinweise darauf geben Beobachtungen von Menschen, die gar nicht richtig da seien, in Gedanken oft ganz woanders seien, zu Dissoziation neigen.

Schulung in der Traumatherapie

  • Einführung am Donnerstag

    Helfer und Interessierte, die erfahren wollen, was es bedeutet, ein Trauma zu erleiden, sind zu einem Vortrag von Prof. Dr. Thomas Loew am Donnerstag, 8. Oktober, um 20.15 Uhr im Uniklinikum (großer Hörsaal) eingeladen.

  • Schulung im November

    Diejenigen, die sich nach dem Informationsabend die Arbeit mit betroffenen Flüchtlingskindern zutrauen, werden Anfang November von Experten der Abteilung Psychosomatik in Traumatherapie geschult.

Weitere Informationen zu den Flüchtlingen, die in Regensburg ankommen, finden Sie hier.

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