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Pilotprojekt

Kriegstrümmer von Kinderseelen räumen

150 000 traumatisierte Kinder: das können Therapeuten nie bewältigen. Nun schult ein Regensburger Laien als Traumahelfer.
Von Heinz Klein, MZ

  • Fachleute gehen davon, dass im vergangenen Jahr rund 150 000 traumatisierte Flüchtlingskinder nach Deutschland gekommen sind. Foto: dpa-Archiv
  • Prof. Dr. Thomas Loew und Beate Leinberger schulen die Traumahelfer. Foto: Klein
  • Petra Schnabl absolvierte die Ausbildung zur Traumahelferin, um etwas gut zu machen. Ihre Eltern kamen als heimatvertriebene Flüchtlinge aus Schlesien hier her. „Sie waren sicher auch traumatisiert, aber es fiel ihnen schwer, darüber zu reden“, sagt die Nittendorferin, die jetzt anderen Traumaopfern helfen will. Foto: Klein
  • Abeer Hammoudeh kam vor 13 Jahren aus Syrien. Jetzt betreut sie als Mitarbeiterin der Familienhilfe Morgenstern junge Flüchtlinge im Michlstift. Sie leistet wertvolle Übersetzerarbeit und hört so viele traurige Schicksale. „Da tut mein Herz weh“, sagt Abeer Hammoudeh, die noch mehr helfen will. Foto: Klein
  • Esther Münch ist Ökotrophologin und arbeitet in der beratenden Seelsorge. Die engagierte Frau aus Köfering und Mutter dreier Töchter betreute ein Jahr in Uganda unterernährte Kinder und will nun auch als Traumahelferin Flüchtlingskindern helfen. „Das ist eine Investition in die Zukunft, die nachhaltig ist“, sagt sie. Foto: Klein

Regensburg.In einer kleinen Sandkiste in Regensburg wiederholt sich, was Kinder auf ihrer langen Flucht an schrecklichen Szenen aus dem syrischen Krieg in ihren Köpfen mitgebracht haben: Kleine Hände bauen Sandwälle auf, verstecken dahinter bewaffnete Männchen, bringen Plastikpanzer in Stellung, ahmen Schüsse nach, erzählen, schreien. Manchmal spritzt Sand, fliegt Kriegsgerät durch die Luft. Neben den Kindern sitzen Traumahelfer, die nur da sein müssen, um stumme Zeugenschaft abzulegen. Denn es braucht Zeugen, es braucht ein Erzählen, damit schwer belastete Kinderseelen wieder leichter werden. Posttraumatische Belastungsstörungen nennt man diese Brocken, die auf der Seele lasten und immer schwerer werden können. Sie verändern Menschen, machen sie schlaflos, schreckhaft, jähzornig, aggressiv, ängstlich, sie machen Chaos im Kopf und, wenn es schlimm kommt, machen sie Depressionen und Gedächtnisstörungen.

Damit das nicht passiert, braucht es Hilfe. Doch die 3000 Kinderpsychotherapeuten in Deutschland haben keine Chance, die etwa 150 000 traumatisierten Kinder, die als Flüchtlinge gekommen sind, zu therapieren. Also braucht es Helfer – Laien, die lernen, wie man helfen kann. Bei einem 16-stündigen Curriculum wurden am Wochenende am Regensburger Universitätsklinikum zum zweiten Mal 50 Traumhelfer ausgebildet – im Rahmen eines bundesweit einmaligen Projekts, das Schule machen wird. Professor Dr. Thomas Loew, Leiter der Abteilung für Psychosomatik am Regensburger Uniklinikum, hat dieses Pilotprojekt auf die Beine gestellt und schulte nun zusammen mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Beate Leinberger die ersten 100 Traumahelfer.

Das Regensburger Modell macht Schule

Eine Traumahelferin beim nonverbalen Erzählen im kleinen Sandkasten. Die Kinder- und Jugendlichentherapeutin Beate Leinberger schaut zu.
Eine Traumahelferin beim nonverbalen Erzählen im kleinen Sandkasten. Die Kinder- und Jugendlichentherapeutin Beate Leinberger schaut zu. Foto. Klein

Es sind Lehrer, Kindergärtnerinnen, Ärzte, Therapeuten, Heilpraktiker oder einfach engagierte Menschen aus ganz anderen Berufen, die zwei Tage Zeit und 100 Euro investieren, um später als ehrenamtliche Traumahelfer arbeiten zu können. Jeweils zehn Laienhelfer werden mit zehn Kindern unter der Regie eines Profis in zwölf Sitzungen arbeiten, um Druck von den Kinderseelen zu nehmen. Schwere Fälle von posttraumatischen Verhaltensstörungen, die dabei erkannt werden, wandern anschließend in die Einzeltherapie von Psychotherapeuten.

Das Beispiel wird Schule machen, denn auch andere Kommunen wollen das Regensburger Traumahelfer-Modell übernehmen. Es sei nicht nur Hilfe für die betroffenen Kinder, sondern auch für unsere Gesellschaft, denn aus traumatisierten Flüchtlingen sollen Menschen werden, die sich hier integrieren können, die arbeiten und ihr Leben in die Hand nehmen können statt unglücklich, dauerkrank und für den deutschen Sozialstaat belastend zu sein, sagt Thomas Loew. In der Stadt und dem Landkreis sollen Traumahelfer ihre Arbeit an Schulen und in Flüchtlingsunterkünften baldmöglichst beginnen. Der Regensburger OB und die Landrätin helfen und unterstützen das Projekt, freut sich Loew. Allerdings müssen noch Kostenfragen mit der Kassenärztlichen Vereinigung und Sozialämtern abgeklärt werden.

14 Prozent der deutschen Schulkinder sind traumatisiert

Das therapeutische Sandkastenspiel ist eine Kommunikationsmethode, die ohne Sprache auskommt. Natürlich gibt es für ältere Jugendliche auch erzählende Therapieformen, in denen die Traumahelfer ebenfalls geschult werden. Sie lernen zudem Techniken, um ihr Gegenüber zu beruhigen und zu entspannen – Techniken, die sie auch für sich selbst nutzen können. Denn es ist keineswegs so einfach, mit der Angst und Verzweiflung eines Gegenübers konfrontiert zu sein. Es sind Techniken, die Prof. Loew gerne an den Schulen allen Kindern zur Verfügung stellen würde, denn der Anteil der traumatisierten Kinder liege auch unter deutschen Schulkindern bei erschreckenden 14 Prozent. Und schließlich würden Entspannungstechniken sowieso allen gut tun, sagt der Mediziner. „Wir haben viele Rituale verloren, deren Praktizierung uns heruntergebeamt hat“, ist Loew überzeugt. Er denkt beispielsweise an viele Elemente aus dem Gottesdienst: den Gesang, das Knien, Sitzen, Stehen, das Still- und Innehalten – was letztlich alles Übungen zur funktionellen Entspannung seien. „Wir brauchen für unsere Psychohygiene in der modernen Gesellschaft Ersatz für diese Rituale“, mahnt Loew an.

„Ich warte nicht – ich warte mich“

Der Professor praktiziert Entspannungstechniken, wo immer es geht. Da tun sich auch in straff strukturierten Tagesabläufen immer wieder Chancen auf. Eine Chance ist das Warten – auf den Bus, den Gesprächspartner, das Drankommen in der Schlange an der Kasse. „Ich warte nicht – ich warte mich“, sagt der Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Entschleunigtes Atmen (vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden ausatmen) bringen Herz und Atem schnell in einen entspannenden Einklang. „SURE“, eine Methode, die Loew für traumatisierte Unfallopfer, aber auch für Katastrophenhelfer, Bundeswehrsoldaten und Rettungsdienstmitarbeiter weiterentwickelt hat, basiert auf ganz einfachen Bewegungen. Es ist das Wippen und Pendeln in sitzender Haltung, von einer Seite zur anderen oder vor und zurück, das der Selbststabilisierung dient. Eltern wiegen Säuglinge so, Menschen suchen Entspannung in Schaukelstühlen oder schunkeln zur Musik miteinander, jüdische Gläube verfallen vor der Klagemauer in ein Vor- und-Zurück. „Wir können ansteckend sein“, sagt Loew seinen Traumahelfern – ansteckend mit Ruhe, Sicherheit, Gelassenheit.

240 Fragen muss ein angehender Traumahelfer beantworten, um seine eigene psychische Stabilität zu beweisen und geeignet für diese ehrenamtliche Tätigkeit zu sein. Auch bei der Ausübung als Traumahelfer passen Profis auf die Ehrenamtlichen und ihr psychisches Wohlergehen auf, bieten Supervisionen an und wollen ein offenes Ohr haben. Das zeitliche Engagement beziffert Loew auf wöchentlich zwei Stunden über drei Monate hinweg. Wenn ein Traumahelfer das dreimal im Jahr leisten könne, dann haben 150 in Regensburg ausgebildete Laienhelfer immerhin 450 traumaisierten Kindern geholfen.

In zwei Wochenendschulungen wurden in Regensburg nun 100 Traumahelfer ausgebildet, ein dritter Kurs läuft noch im Februar. Dann läuft die Schulung in anderen Bundesländern weiter. Eine DVD mit weiterführenden Informationen („Kriegsschauplatz Gehirn“) ist über Amazon zu bestellen. Zudem wird das Bayerische Fernsehen im Sommer über die Ausbildung zum Traumahelfer berichten.

Weitere Infos: www.gewiss-ev.de

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