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Erinnern

Langer Weg zur Gedenkkultur

Seit 2014 will die Stadt Regensburg die NS-Zeit umfassend aufarbeiten. Jetzt ist das Konzept fertig – aber unter Verschluss.
Von Julia Ried

Vertreter von Stadt, Kirche, jüdischer Gemeinde und verschiedener Initiativen beim Gedenken an das Kriegsende Foto: Haala
Vertreter von Stadt, Kirche, jüdischer Gemeinde und verschiedener Initiativen beim Gedenken an das Kriegsende Foto: Haala

Regensburg.Unzulänglich, zum Teil „fast grotesk“ nannten Experten schon im Februar 2013 die Bodenplatte, die an die Häftlinge des Außenlagers des Konzentrationslagers Flossenbürg in Stadtamhof erinnerte. Dennoch vergingen drei Jahre, bis die Stadt sie entfernte, und weitere eineinhalb, bis sie sie eine neue Tafel anbrachte.

Diese Episode zeigt: Was die Kultur des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus betrifft, geht es in Regensburg zum Teil immer noch in ganz kleinen Schritten vorwärts. Dies wird jetzt erneut deutlich. So liegt der Stadt seit Oktober ein Experten-Konzept für Gedenk- und Erinnerungskultur vor – doch was darin steht, sollen Öffentlichkeit und sogar der Runde Tisch „Gedenk- und Erinnerungskultur zur NS-Zeit“ erst im Juli erfahren.

Drei Historiker waren tätig

Verfasst haben es die Historiker Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Dr. Mark Spoerer, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Regensburg, und Dr. Heike Wolter, Akademische Rätin an der Uni. Bildungsreferent Dr. Hermann Hage hatte sie im Mai 2016 damit beauftragt. Der derzeit suspendierte OB Joachim Wolbergs hatte dem Thema Gedenkkultur bei seinem Amtsantritt 2014 eine hohe Bedeutung zugemessen, den Vorsitz am Runden Tisch übernommen.

Mitglieder dieses Gremiums, das nach Angaben der Stadt offen ist für alle an der inhaltlichen Arbeit zum Thema interessierten Gruppen und Institutionen, fühlen sich nun von den Zuständigen im Rathaus übergangen. Wie mehrere der Mittelbayerischen bestätigten, hatten sie die Erwartung, bei ihrem Treffen in der vergangenen Woche endlich mehr zu erfahren über den Inhalt des Konzepts. Doch vorgelegt worden sei ihnen „nur ein DIN-A-4-Blatt“. Ein Teilnehmer (Name ist der Redaktion bekannt) sagte der Mittelbayerischen: „Ich war düpiert. Da kriegen wir so eine dünne Zusammenfassung.“ Nur inhaltliche Schlagworte seien genannt worden: Dass es um die Opfer des Regimes gehe und die Euthanasie, erfuhren die Teilnehmer etwa. Das habe mit der Beteiligung, mit der der Runde Tisch rechne und die ihm in Aussicht gestellt worden sei, nichts zu tun, sagt das verärgerte Mitglied. „Das verstehe ich nicht unter einem beratenden Gremium.“ Er sei sich vorgekommen wie ein „Bittsteller“. Die Stadt äußert sich nicht zu der Kritik.

Historikerin Sylvia Seifert, die sich für die Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit einsetzt, aber nicht am Runden Tisch sitzt, lobt das Gremium als einen der Fortschritte in der Gedenkkultur der vergangenen Jahre. Die für die Erinnerung an die Opfer Engagierten sind nun besser vernetzt, auch mit der Stadt, heißt es von mehreren Seiten. Das zeigt sich auch darin, dass verschiedene Initiativen und Verbände und die Stadt nun am 23. April gemeinsam dem Kriegsende gedenken, nicht mehr in zwei Veranstaltungen wie bis 2014. Seifert kritisiert: „Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Dinge, die verzögert werden oder die einfach sehr lange dauern.“

In unserer Bildergalerie sehen Sie die sechs Stationen des diesjährigen Gedenkwegs zum Kriegsende am 23. April:

Die Stationen des Gedenkwegs

Streit zwischen den Ressorts

Dem Vernehmen nach sollen auch Verwerfungen im Rathaus die Weiterentwicklung der Gedenkkultur behindern. Zwischen Bildungs- und Kulturreferat soll es Diskussionen über Zuständigkeiten geben, Kulturreferent Klemens Unger soll sich von Teilen des nun vorliegenden Konzepts in seiner Arbeit angegriffen fühlen. Die Pressestelle der Stadt beantwortete die Frage der Mittelbayerischen dazu nicht. Auf die Frage, warum das Werk noch unter Verschluss ist, sagt Sprecherin Dagmar Obermeier-Kundel: „Bei der Stadt Regensburg gibt es eine größere Zahl an Dienststellen, die mit der Thematik befasst sind und an verschiedenen Fragestellungen arbeiten. Hier sind Abstimmungen nötig.“

Die Ausarbeitung der Experten umfasst Historiker Dr. Jörg Skribeleit zufolge mehr als 70 Seiten. Er erläutert: „Wir haben das in historische Themenkomplexe aufgeteilt.“ Die Autoren ordnen die Themen geschichtlich ein, widmen sich den Akteuren in der Gedenkkultur und leiten zehn Empfehlungen aus ihren Erkenntnissen ab. „In diesen zehn Punkten empfehlen wir vor allem auch strukturelle Änderungen“, sagt Skriebeleit. Detailliert möchte er sich nicht zu der Arbeit äußern, um der Stadt nicht vorzugreifen.

Im Juli sollen die politischen Gremien über das Konzept beraten. Dann sollen der Stadt zufolge ein Beirat aufgebaut, Geld bereitgestellt und die Schwerpunkte schrittweise umgesetzt werden, um eine „nachhaltige Sicherung einer städtischen Kultur- und Gedenkarbeit“ zu gewährleisten.

Erinnerungskultur – Vier Beispiele

  • Stolpersteine:

    Seit 2016 unterstützt die im Evangelischen Bildungswerk angesiedelte Arbeitsgruppe Stolpersteine das vom Kölner Künstler Gunter Demnig angestoßene Projekt. 196 hat sie in Regensburg inzwischen verlegt.

  • Städtische Veranstaltungen:

    Eine Stabstelle im Rathaus organisiert jährlich wiederkehrende Veranstaltungen zum Kriegsende, zur Reichspogromnacht am 9. November und zur Befreiung der Konzentrationslager am 27. Januar.

  • Colosseum:

    1982 entdeckt eine Klasse der Berufsfachschule für Wirtschaft ein KZ-Außenlager in Stadtamhof. Der Kampf um ein würdiges Gedenken dauert 35 Jahre. Im November 2017 wurde diese Tafel angebracht.

  • Gedenken an Bücherverbrennung:

    Stadt, Evangelisches Bildungswerk, Staatliche Bibliothek und Schriftstellerverband laden jährlich im Mai zum Gedenken an die Bücherverbrennung am 12. Mai 1933 in die Neupfarrkirche ein.

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