mz_logo

Regensburg
Samstag, 21. April 2018 28° 2

Notfall

Langes Warten auf den Rettungsdienst

Bootfahrer zogen eine Ertrinkende aus der Naab. Auf den Notarzt wartete sie 30 Minuten, auf den Rettungswagen eine Stunde.
Von Heinz Klein, MZ

  • „Da ging die Frau unter!“ Christian Seidl (links) und Johannes Helmberger zeigen von der Mariaorter Fußgängerbrücke aus auf die Unglücksstelle an der Einmündung der Naab in die Donau. Die beiden rasten mit ihrem Wassersportboot zur Stelle und retteten die Ertrinkende aus der Naab. Foto: Klein
  • Der kleine Hafen des Motorboot- und Wasserskiclubs bei Sinzing. Foto: Klein
  • Mit dem schnellen Wasserskiboot waren Johannes Helmberge und Christian Seidl schnell zur Stelle. Ein Brett am Heck, das für die Wasserskisportler vorgesehen ist, erleichtert die Bergung der leblosen Frau. Foto: Klein

Regensburg.Wo bleibt bloß der Notarzt? Wo bleibt Hilfe? Neben einem Menschen zu sitzen, der vielleicht sterben könnte und die vielen Minuten, die so zäh verrinnen, warten zu müssen, ist die Hölle. Diese Hölle erlebten drei Regensburger am Abend des 19. Juni. Der mögliche Grund: In den Notarzt-Dienstplänen für den Landkreis klaffen nach Recherchen unseres Medienhauses Lücken.

War das ein Hilfeschrei oder einfach nur so ein Ruf? Christian Seidl, Johannes Helmberger und Hans-Peter Schleicher, die mit ihrem Boot am Naabspitz lagen, da wo die Naab in die Donau mündet, hoben die Köpfe. Der Schrei kam von einer Schwimmerin, die einige hundert Meter entfernt in der Naab mit einem Arm winkte. Badegäste am Ufer hielten das für unverfänglich. Die drei Motorbootfahrer nicht. Sofort starteten sie den Motor des Wasserskiboots und schossen die Naab hinauf. „Es waren vielleicht 30 Sekunden, dann waren wir da“, erzählt Johannes Helmberger.

Am Haarschopf festgehalten

Die Seniorin hatte ihre untergehende Freundin mit letzten Kräften am Haarschopf festgehalten. Die Ertrinkende war aber bereits unter Wasser getaucht, erinnert sich Johannes Helmberger, der sofort ins Wasser sprang. „Im dunklen Wasser der Naab siehst du fast nichts“, erzählt er. Er schob die leblose Frau zum Bootsheck, wo Christian Seidl und Hans-Peter Schleicher zupackten. Gemeinsam hievten sie den leblosen Körper an Bord. Zur gleichen Zeit griff Dr. Stefanie Meyer, die in einem zweiten Boot gefolgt war, zu ihrem I-Phone und wählte die 112.

„Wir fahren hinüber zur Prüfeninger Fähranlegestelle“, schlugen die Bootfahrer vor und rasten auch schon los. Binnen zwei, drei Minuten waren sie dort – und nun begann das Warten. Nach etwa 20 Minuten, so erzählen die beiden Diplomingenieure, fragten sie verzweifelt nach, wo denn der Notarzt bliebe. Sie hatten die bewusstlose Frau, die röchelnd atmete und deren Herz schwach schlug, in die stabile Seitenlage gebracht und in Handtücher gewickelt. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, erzählen die Retter, bis ein Notarzt der Wasserwacht eintraf, mit aufs Boot kam, der Patientin eine Sauerstoffmaske und später eine Infusion anlegte und bestätigte, dass Lebensgefahr bestehe. Um die Patientin besser aus dem Boot heben zu können, wurde beschlossen, den Sinzinger Hafen des Motorboot- und Wasserskiclubs anzusteuern. Die Fahrt dorthin dauerte in dem schnellen Boot nur wenige Minuten, das Warten auf den Rettungswagen nach Schilderung der beiden Retter nochmals fast eine halbe Stunde.

Das Einsatzfahrzeug kam mit Blaulicht aus Regenstauf. „Es war etwa 22 Uhr, als die Patientin endlich im Rettungswagen lag und intubiert war“, erzählt Christian Seidl. „Es war schockierend, dass das so lange gedauert hat“, bestätigt die Privatdozentin Dr. Stefanie Meyer, eine Dermatologin, die sich in einem zweiten Boot befand und dann zu der leblosen Frau umstieg.

Warum hat das so lange gedauert? Nach den planerischen Vorgaben muss die Einhaltung einer Hilfsfrist gegeben sein. Demnach sind die Rettungswachsen so zu verteilen, dass jeder Ort in zwölf Minuten zu erreichen ist, bestätigt Martin Hartl, Leiter der Integrierten Leitstelle. Natürlich könne es aber Verspätung durch höhere Gewalt geben. Insgesamt sind laut Hartl in Regensburg tagsüber zwei bis drei Notärzte, zusätzlich Hintergrundnotärzte und etwa sechs Rettungswägen verfügbar. Diese Einsatzmittel seien meistens gut frequentiert.

Es klaffen Lücken im Notarztdienst.

Nach ersten Recherchen unseres Medienhauses liegt das Problem eher im Landkreis. Die Bezahlung der Notärzte im Landkreis sei inzwischen so niedrig und veränderte Rahmenbedingungen so unattraktiv, dass für Ärzte nur noch wenig Motivation bestehe, sich zur Verfügung zu stellen. Die Folge seien immer größere Lücken in den Notfall-Dienstplänen, berichtete ein Notarzt mit langjähriger Erfahrung. Es gebe viele freie Notarztdienste, die nicht nicht besetzt würden. Notfalls müssten dann auch Stadt-Notärzte aufs Land ausrücken. Zu exakten Einsatzzeiten bei dem geschilderten Notfall machte die Integrierte Leitstelle am Freitag keine Angaben mehr.

Unterdessen haben sich Johannes Helmberger und Christian Seidl weiter Gedanken gemacht. Gerade jetzt im Sommer gehen viele Schwimmer in die Naab und die Donau. Und am Naabspitz treffen sich vor allem Jugendliche gerne, feiern und baden dort. „Natürlich wird dabei auch Alkohol getrunken“, sagt Christian Seidl und zweifelt nicht daran, dass am und im Wasser gefährliche Situationen entstehen können. „Dort müsste ein Rettungsring, ein Rettungsbrett oder sogar eine Notrufsäule platziert werden“, schlägt er vor. Auch privat haben die Bootsfahrer Konsequenzen gezogen. „Wir werden uns mit einem Erste-Hilfe-Kurs wieder fit machen, um im Notfall reanimieren zu können.“

Der aus der Naab geretteten Seniorin geht es nach MZ-Informationen wieder gut. Sie wurde am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht