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Medizin

Leben retten kann kinderleicht sein

Ohne Reanimation enden Kreislaufstillstände fast immer tödlich. Jetzt sollen Regensburger Schüler lernen, Leben zu retten.
Von Curd Wunderlich

Professor Bernhard Graf (links) und Heinz Zwack führen an einer der Puppen vor, wie die Reanimation richtig funktioniert. Fotos: Wunderlich

Regensburg.Er kann jeden aus dem Nichts treffen: ein plötzlicher Herz-Kreislauf-Stillstand. In Deutschland erleiden jedes Jahr rund 80 000 Menschen einen Kreislaufstillstand. Wer als Betroffener nicht innerhalb weniger Minuten wiederbelebt wird, stirbt. Denn wenn das Herz aussetzt, zirkuliert das Blut im Körper nicht mehr; die Folge: Die Organe werden nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Wichtige Zellen, vor allem im Gehirn, sterben dann innerhalb kürzester Zeit ab – die Überlebenschance geht gegen Null.

Die gute Nachricht: Quasi jeder Mensch kann Wiederbelebungsmaßnahmen starten. Auch Kinder. Um praxisnah vermitteln zu können, dass Leben retten kinderleicht ist, hat das Rettungszentrum Regensburg in Kooperation mit der Uniklinik (UKR) sowie Stadt und Landkreis Regensburg das Projekt „Schüler retten Leben“ initiiert. Ziel ist es, möglichst alle Schulen in Stadt und Landkreis mit Reanimationspuppen auszustatten, an denen Schüler ab der siebten Klasse die Herz-Lungen-Massage üben können. Um ausreichend Trainingspuppen anschaffen zu können, benötigt das Rettungszentrum insgesamt 50 000 Euro und ist dabei auf Spenden angewiesen. Bislang konnten knapp 40 000 Euro eingesammelt werden.

Falsch ist nur, nichts zu machen

„Zwischen 60 und 70 Prozent der Herzstillstände werden beobachtet“, macht Professor Bernhard Graf im Gespräch mit der Mittelbayerischen deutlich. Graf ist nicht nur Direktor der Klinik für Anästhesiologie am UKR, sondern auch Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Rettungszentrum Regensburg. Gemeinsam mit dessen Geschäftsführer, Heinz Zwack, nahm er sich Zeit, das Projekt ausführlich vorzustellen – und um weitere Spendengelder zu bitten. Wenn man nämlich bedenke, dass gerade einmal ein bis zwei von zehn Personen Reanimationsmaßnahmen ergreifen, wenn sie einen Herz-Kreislauf-Stillstand bemerken, werde eins deutlich: Man müsse den Menschen die Angst davor nehmen, etwas falsch zu machen. „Etwas falsch macht nämlich nur, wer nichts macht“, so Graf.

Und mit der Schulung bereits bei Zwölf- bis 13-Jährigen anzusetzen, sei genau der richtige Weg, ist der Arzt überzeugt. Um das an Zahlen festzumachen, verweist Graf auf Norwegen. Dort lernen Kinder in der Schule, richtig zu reanimieren. Die Folge: Fast 70 Prozent der Menschen wagen Reanimationsversuche vor Eintreffen des Rettungsdiensts. Anstatt 15 Prozent wie in Deutschland überleben so 25 Prozent der Menschen mit Herz-Kreislauf-Stillstand. Und Graf rechnet weiter vor: Würden diese Zahlen in Deutschland erreicht, könnte jährlich 5000 Menschen zusätzlich das Leben gerettet werden.

Wie wichtig es ist, als Beobachter richtig zu handeln, macht Graf ebenfalls an konkreten Zahlen fest. Wenn ein Notruf abgesetzt werde, dauere es in Regensburg im Schnitt zehn bis zwölf Minuten, bis die Retter am Einsatzort eintreffen. Das Problem: Mit jeder Minute ohne Herz-Kreislauf-Wiederbelebung sinkt die Überlebenschance um sieben Prozent. Und die Zeit bis zum Eintreffen der Rettungskräfte könne nun mal nur durch Laienreanimation überbrückt werden

830 Puppen sind bereits gekauft

Grafs großes Ziel deshalb: Neben dem Lesen und Schreiben soll es für Schüler auch selbstverständlich sein, Wiederbelebungsmaßnahmen ergreifen zu können. 62 Schulen aller Schularten aus Stadt und Landkreis Regensburg haben sich bislang gemeldet, an der Aktion „Schüler retten Leben“ teilnehmen zu wollen. Derzeit läuft die Schulung von Lehrern an diesen Schulen, Notärzte der Uniklinik leiten diese Lehrgänge kostenfrei. Pro Schule lassen sich zwei bis drei Lehrkräfte ausbilden. Sie werden künftig allen Schülern ab der siebten Klasse in zwei Unterrichtsstunden pro Jahr die richtige Reanimation beibringen. Durch die jährliche Wiederholung erhofft Graf sich, dass die Schüler sich die richtige Reaktion merken: prüfen, ob der Patient einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten hat, unter 112 die Rettung informieren und dann selbst Reanimationsmaßnahmen beginnen.

830 Puppen konnte Graf mit den bereits gesammelten Spendengeldern mittlerweile bestellen. Die ersten sollen im Januar an die Schulen übergeben werden. Jede Schule erhält fünf bis 15 Puppen, sodass im Klassenverbund immer zwei Schüler an einer Puppe üben können. An den Puppen können die Schüler vor allem das „Drücken“ trainieren, also die Herz-Lungen-Massage. Eine Beatmung sei nicht zwingend erforderlich, meint Graf. Viele Ersthelfer würden diese ohnehin nicht machen. Und bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte reiche das feste Drücken in der Mitte des Brustkorbs (100 Mal pro Minute) meist aus.

Prüfen, rufen, drücken

  • Lerninhalt:

    Drei Schritte sind es, die alle Schüler lernen sollen: Prüfen, ob ein Herzstillstand vorliegt, unter 112 die Rettung alarmieren und dann Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen. Das Kürzel: „Prüfen, rufen, drücken“.

  • Unterstützung:

    Wer das Projekt „Schüler retten Leben“ unterstützen möchte, kann mit diesem Stichwort spenden. IBAN: DE94 7505 0000 0036 0274 07.

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