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Leere Stühle, leere Kassen, leere Stadt

Gastronomen kämpfen um ihre Existenz. Am Haidplatz zeigen sie Zusammenhalt und machen sich für Hilfspakete stark.
Von Marianne Sperb

160 leere Stühle auf dem Haidplatz: Schilder fassen in Schlagworte, wofür Regensburgs Lokale stehen. Die Vielfalt der Gastronomie und Hotelerie ist in Gefahr. Foto: altrofoto.de
160 leere Stühle auf dem Haidplatz: Schilder fassen in Schlagworte, wofür Regensburgs Lokale stehen. Die Vielfalt der Gastronomie und Hotelerie ist in Gefahr. Foto: altrofoto.de

Regensburg. Florian Mascarello ist in vierter Generation Gastronom. Seit 99 Jahren bewirtschaftet die Familie den Dechbettener Hof; ob der Betrieb das 100. Jahr noch schafft, ist nicht gewiss. Der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands ist am Freitag einer der Wirte, die die Lage der Branche schildern: dramatisch, kämpferisch, bittend, bitter, tapfer, sachlich, wütend, in allen Gefühlslagen, die Kneipen-, Café-, Restaurant-, Hotel- und Lokalbetreiber derzeit halt so durchleben.

160 leere Stühle: ein starkes Bild

Das Bild auf dem Haidplatz prägt sich ein: 160 Stühle haben Gastronomen aufgestellt, jeder einzelne ohne Gast, dafür viele mit Schildern, die in Schlagworte fassen, wofür Lokale stehen: Heimat, reden, Musik, wohlfühlen, Kultur, genießen, Kaffeeklatsch. 50 Vertreter von rund 500 Betrieben – so viele sind erlaubt – und Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer stehen um die Stuhl-Arena, mit Mundschutz, im Abstand. Eine Polizeistreife schaut, ob alle Auflagen erfüllt sind, und zieht am Ende ab mit dem Kommentar: keinerlei Beanstandung.

Unsere Kollegen waren live dabei am Haidplatz:

Karl von Jena („Anna“ Schnupftabakfabrik und Arcaden) lobt den großartigen Zusammenhalt über jedes Konkurrenzdenken hinweg und betont neben der Solidarität auch die Kreativität, mit der die Branche am Überleben und am Comeback arbeitet. 98 Prozent der Mitarbeiter bundesweit sind in Kurzarbeit, bekommen nur ein Teilgehalt und kein Trinkgeld mehr. Der Shutdown schlägt auf Zulieferer, Partner, Servicebetriebe durch, auf Wäschereien, Gemüsebauern, Künstler, auf Einzelhandel, Tourismus und das ganze Flair der Stadt. „Wir sitzen alle in einem Boot“, macht Karl von Jena klar.

Coronakrise

Verzweiflung bei den Regensburger Wirten

Unter Gastronomen sorgt der Lockdown für Existenzängste. Einige klagen jetzt gegen die Versicherungen, weil die nicht zahlen.

Viele Hausbesitzer böten Mietverzicht an, die meisten pochten aber auf Zahlungen, auch Versicherer ließen die Branche hängen, erzählen die Redner. Sie schauen mit Vorfreude und Sorge auf die Lockerungen, weil viele Details noch offen sind, die am Ende den Ausschlag geben. Karl von Jena: „Mit 30 Prozent Umsatz kann keiner 100 Prozent Kosten tragen.“

„Wir sitzen alle in einem Boot“; Gastronom Karl von Jena Foto: altrofoto.de
„Wir sitzen alle in einem Boot“; Gastronom Karl von Jena Foto: altrofoto.de

Karin Griesbeck („Alte Filmbühne“) unterstreicht auch die Notlage der Künstler. „Wir machen seit Jahrzehnten Kulturförderung“, sagt sie. „Wir beleben die Stadt“, betont Kathrin Fuchshuber („Münchner Hof“), und: „Wir sind so viel mehr als Ess- und Trinkstätten.“ Eine baldige Öffnung mit sicheren Hygienestandards sei überlebenswichtig, appelliert sie an Achtsamkeit und Verständnis auch der Gäste. „Denn einen zweiten Shutdown überlebt keiner.“

Kommentar

Die Kraft der Graswurzel

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Die Forderungen der Redner richten sich an Bund, Land und Stadt. Vor allem sei Hilfe, die nicht zurückbezahlt werden muss, wichtig. Sieben Prozent Mehrwertsteuer brauche es auch für Getränke, nicht nur für Speisen, und nicht nur für ein Jahr, weil in Bars und Diskos sonst die Lichter auf Dauer ausgingen. Die Stadt könne helfen durch niedrigere Gebühren und weniger Bürokratie, sagt Florian Mascarello, und: Es sei jetzt nicht der Zeitpunkt, Geld für eine Stadtbahn auszugeben.

OB Gertrud Maltz-Schwwarzfischer versichert der Branche ihre Solidarität. Foto: altrofoto.de
OB Gertrud Maltz-Schwwarzfischer versichert der Branche ihre Solidarität. Foto: altrofoto.de

Die OB zeigt Solidarität. Gastronomie sei systemrelevant, der Puls der Stadt, und mache eine Stadtgesellschaft im Kern aus. Regensburgs Möglichkeiten zu helfen, seien aber begrenzt. Der Plan zum Beispiel, mit einer hohen Summe zu helfen, scheiterte an der Rechtsaufsichtsbehörde: Zuschüsse ohne Rückzahlung an Gewerbebetriebe sind Kommunen nicht gestattet. Regensburg biete aber Gewerbesteuerstundungen und kulante Regelungen an. „Wenn es kreative Ideen gibt, bitte kommen Sie“, fordert Maltz-Schwarzfischer die Gastronomen auf. „Schon im eigenen Interesse. Ich will selbst ja auch wieder ausgehen, Freunde treffen, essen gehen.“

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