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Rock-Revue

Let’s go crazy: So macht Apokalypse Spaß

Der durchgeknallte „Sommernachtsalbtraum auf St. Emmeram“ wird im ausverkauften Regensburger Velodrom stürmisch gefeiert.
Von Claudia Bockholt, MZ

  • Der fabelhafte Markus Engelstädter ist der geschmeidige Prinz, den die Prinzessin liebt. Foto: Jochen Quast
  • Eine tolle Show liefern Linda Förster als Fürstin Viktoria und Steffi Denk zunächst als Antonella Sardini, später als Pilgerschwester Maria Hinterseher. Foto: Jochen Quast
  • „Who Wants To Live Forever“ - Wer will schon ewig leben, fragen sich die zombifizierten Regensburger am Ende des „Sommernachtsalbtraums“. Foto: Jochen Quast
  • Bertl und der Bischof im Clinch: Der eine will als Supermann die Welt retten, der andere will sie als Papst mitregieren. Foto: Jochen Quast

Regensburg. Ganz Regensburg ist von Zombies gebissen. Ganz Regensburg? Nein, im Velodrom haben sich 600 noch virusfreie Einheimische verschanzt, die eigentlich der Premiere von „Durchlaucht TV“ beiwohnen wollen. Schließlich wird die neue Unterhaltungsshow mit güldener Krone auf blau-weißen Rauten von Viktoria, der Fürstin selbst, moderiert. Doch statt plätscherndem Talk mit Musikeinlagen erlebt das sehr wohl schon Blut witternde (Theater-)Publikum eine rasant überdrehte und rasend komische Nacht der singenden Leichen.

„Applaus“, „Lachen“, „Aah! Ooh“: Dank der Schilder des launigen Regisseurs und Anheizers (Jakob Keller ganz in seinem komischen Element) wissen Viktorias Untertanen zu jedem Zeitpunkt, was sie zu tun haben. Und die an diesem Abend besonders bunt gemischten Theatergänger machen freudig mit. Als die roten „On Air“-Lampen aufleuchten, kommt Viktoria in zwar bravem Taubenblau, aber äußerst energisch die Showtreppe hinuntergefegt. Eine fabelhafte Linda Förster hat sich die telegene Adelige einverleibt: die zackige, manchmal rumpelige, dann Schunkelstimmung verbreitende geschäftstüchtige Promifrau aus St. Emmeram.

Tebartz knausert nicht

Steffi Denk hat ihren ersten großen Auftritt als Co-Moderatorin Antonella Sardini mit blonder Joy-Fleming-Perücke und bezauberndem italienischen Akzent – die von der konkurrierenden Fürstin jedoch gleich wieder von der Bühne gebissen wird. Bis zum Schluss bleiben und mit ihr Händchen halten darf hingegen der arbeitslose Bischof, der vom Himmel her auf die Bühne schwebt und in nuschelndem Singsang seinen neu kreierten Segen „Ratisbonae et Orbi“ für das Ende der Sendung verspricht. Michael Haake ist umwerfend als Tebartz-Karikatur, die dümmliche Witze reißt und der Zombifizierung mit dem großen Exorzismus beikommen will. Um zwischendurch beten zu können, hat er sich die Domkapelle im Maßstab 1:1 in seiner Umkleide nachbauen lassen, was das Publikum zu beglückten Jauchzern veranlasst.

Kinder und Wolbergs zuerst

Regelmäßige Einspieler des Lokalsenders künden davon, was sich da draußen in der Dunkelheit Grässliches zusammenbraut. Tilman Grimm, der auch auf der Bühne hinter der Kamera steht und immer wieder ins Publikum schwenkt, hat die schlurfenden, schmatzenden Zombiehorden in der Altstadt dafür wirkungsvoll zusammengeschnitten. TVA-Chefredakteur Martin Gottschalk blickt angemessen besorgt in die Kamera, auch ’Joachim Wolbergs spielt seine Rolle als Stadtoberhaupt, das eine Rede an die Nation hält und dann nach der Devise „Oberbürgermeister und Kinder zuerst“ im Hubschrauber flieht, sehr überzeugend.

Ausgerechnet ein Domspatz im Chorrock ist der erste Zombie, der durch den Bühnenboden in die Show platzt. Er schnappt sich Rockstar Prinz, der heimlich mit Glorias mannstoller Tochter Liesl (naiv und sexy: Andine Pfrepper) liiert ist und gerade mit ihr eine hocherotische Nummer geschoben hat. Markus Engelstädter spielt den Star und singt ein bejubeltes Medley der größten Prince-Hits – blackfaced übrigens und damit ganz und gar nicht politisch korrekt, wie überhaupt so manches in dieser rotzfrechen Rockrevue.

Harter Tobak für fromme Gemüter

Brave, kirchenfromme Katholiken sollten sich warm anziehen: Bigotterie, Homophobie und erzkonservative Ansichten zu Aids werden am Rande dieses Splatter-Talks ohne Gnade durch den Kakao gezogen. Das stolze „Mir san mir“ des Kulturerbebewohners und strunzöde touristische Vermarktungsstrategien bekommen auch eins mit. Gerwin Eisenhauer, der das tolldreiste Stück gemeinsam mit Regisseur Jens Schmidl verfasst hat, hatte schon vorab gesagt, es sei an der Zeit, der „Salzburgisierung“ der Stadt etwas entgegenzusetzen. Und weil Eisenhauer die Sachen ganz oder gar nicht macht, hat er die pittoreske Domstadt gleich an den Rand der Apokalypse getrieben.

Star dieser Show in der Show ist Sängerin Steffi Denk. Ihr bereitet der „Sommernachtsalbtraum“ die perfekte Bühne – für ihr enormes komödiantisches Talent ebenso wie für ihre gewaltige Soulstimme. Mit der Ballade „Run to you“ löst sie wohlige Gänsehaut und donnerndem Jubel aus.

Färbers Kopf im Sterne-Topf

Das Ziel des Intendanten, die Regensburger Szene und die Institution Theater zusammenzubringen, ist erfüllt. Sie verschmelzen regelrecht, und ein paar echte Regensburger Promis haben es sich nicht nehmen lassen, zur Hochzeitstorte einen Sahneklecks beizusteuern. Neli Färbers Kopf schwimmt im ungesunden Sud von Sternekoch Anton Schmaus, Dirndlkönigin Astrid Söll schleppt sich im blutverschmierten Brautkleid durch die Altstadtgassen. Das selbst bei Stromausfall ganz und gar nicht verschreckte Publikum pfeift sich im Stockdunklen eins: Always Look On The Bright Side Of Death – Regensburg beweist Humor und Mur zur Selbstironie.

Am Ende wird der Bischof übrigens größenwahnsinnig, will Papst werden und ein neues Rom errichten. Die Sixtina kommt auf den Neupfarrplatz, was Viktoria für gar keine üble Idee hält. Ihr Sohn Bertl setzt seine Energien statt beim Hochgeschwindigkeitsfahren künftig als weltrettender Super-Bertl-Man mit Kronjuwelen vor dem Latz frei.

Die Fürstin ist nicht abgeneigt

Tolle Choreografien, exzellenter Live-Sound, witzige Animationen von Bühnenbildner Marcel Keller – es gäbe noch viel zu berichten von dieser zweistündigen, blutrünstigen Monstershow, die mit Standing Ovations gefeiert wird. Man muss sie gesehen haben – was wohl auch die echte Fürstin findet. Gloria ließ auf Anfrage der MZ ausrichten, sie werde sich den „Sommernachtsalbtraum“, sofern es sich terminlich einrichten lässt, sehr gerne selbst anschauen.

"Sommernachtsalbtraum" begeistert Zuschauer

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