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Regensburg
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Geschichte

Liebesgabe: „Weihnachten 1918 Ostheim“

Die Silber-Schatulle von Fürstin Margarete wirft Glanz aufs Leben der Regensburgerin Therese Eibl. Sie war Rotkreuzschwester.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Geschenk von Fürstin Margarete: Roswitha Sterba mit der Silberschatulle „Weihnachten 1918 Ostheim“ Foto: altrofoto.de
  • Ostheim mit Zwölfer-Bau (li.) Foto: Theodor Häußler, „Zucker aus Regensburg“
  • Leo Eibls Blick auf Stadtamhof Foto: Wanner
  • Der Kunstmaler Leo Eibl (1888 bis 1918) in einem Selbstporträt: Der in Karlsruhe geborene akademische Maler hatte 1914 Therese, die Tochter des Stadtamhofer Schlossermeisters Franz Heider, geheiratet.
  • Gebhardstraße 12: In diesem Haus in Stadtamhof waren Therese und Leo Eibl nur kurze Zeit glücklich. Als 1915 Tochter Siglinde auf die Welt kam, brachte Leo Eibl an der Tür ein Jugendstil-Schild an.
  • Kriegsehe: So ließen sich Therese und Leo Eibl fotografieren. Wenig später kam der Träger des Eisernen Kreuzes in einen feindlichen Gasangriff. Er gehörte zum Bayr. 11. Inf.-Rgt, 8. Kompagnie.
  • Hochdekoriert: Therese Eibl erhielt die höchste Auszeichnung des Roten Kreuzes, das Steckkreuz. Dazu zwölf Orden und Medaillen aus drei politischen Systemen. Eibl starb 91-jährig am 19. Februar 1980.
  • Menschenfreundin: Das Fürstenhaus finanzierte das Lazarett Ostheim. Dort arbeitete Margarete von Thurn und Taxis von 1914 bis 1918 als Rotkreuzschwester, am Ende unter Leitung von Therese Eibl.

Regensburg.Diese kleine silberne Schatulle gehört zum Wertvollsten an persönlicher Erinnerung, das Roswitha Sterba an ihr „Omele“ Therese Eibl hat. Die pensionierte Regensburger Handarbeitslehrerin nennt es das Ostheimdöschen. Im Deckel ist das Wappen von Fürstin Margarete von Thurn und Taxis eingraviert sowie der Schriftzug „Weihnachten 1918 Ostheim“.

Die Schatulle war eine sogenannte Liebesgabe. Spenderin war die einzige Ehrenbürgerin der Stadt, Rotkreuzschwester Margarete von Thurn und Taxis. Die Fürstin überreichte sie an eine Bürgerliche: Therese Eibl, Rotkreuzschwester im „Lazarett 3, Ostheim“.

Selbst in offiziellen Urkunden wurde Eibl als Fräulein bezeichnet. Dabei war sie einmal glücklich verheiratet, für sehr kurze Zeit. Therese Eibl war die Witwe des Kunstmalers Leo Eibl, sie war, wie man damals sagte, „liebende Ehefrau und Mutter“. Ihr Lebensglück ging durch den Krieg in Scherben. Aber sie startete neu. Im Ostheim war der Beginn ihrer „fast unglaublichen Hingabe an den Mitmenschen“, wie die Laudatoren später schrieben.

Das Lazarett im „Zwölfer-Bau“

Ostheim – so hatte der Regensburger Magistrat die 1905 erbaute „Arbeiterkolonie“ der Zuckerfabrik schlicht genannt. Es bestand aus zwölf Hausnummern und zwei Waschhäusern. Der zentrale „Zwölfer-Bau“ des Ostheims hatte sogar einen Glockenturm. Fürst Albert hatte das Gebäude 1912 ursprünglich als Ledigenheim errichten lassen, doch der „Zwölfer“ wurde nie als solches genutzt. So hat der Fürst ihn als sogenanntes Heimatlazarett ausbauen lassen.

Vom 23. September 1914 bis Kriegsende legte seine Gattin, Fürstin Margarete, dort Wundverbände an. Sie war nicht irgendwer, sondern eine Nachfahrin von Kaiserin Maria Theresia, ein stolzer Spross der ungarischen Habsburgerlinie. Es sollen noch Regensburger leben, die Margarete im Schlosspark oder die Prüfeningerstraße hinaus zum Rennplatz haben reiten sehen. Nach Zeitzeugenberichten sprach sie sehr langsam und hatte einen auffallend aufrechten Gang. Sie war bürgernah und bis zuletzt den Menschen zugewandt. Als OP-Schwester assistierte sie in der Kinderklinik an der Hemauer Straße. Bei ihrem Tod 1955 wurde sie in der Tracht einer Rotkreuzschwester aufgebahrt.

Das Ostheimdöschen ist aus Silber und innen vergoldet. Margarete ließ es wahrscheinlich von Hofjuwelier Pleyer fertigen, vermutet der Regensburger Antiquitätenhändler Dr. Wolfgang Baumann. Ein entsprechender Stempel fehlt jedoch. Von Fürstin Margarete ist eine Reihe solcher Liebesbeweise bekannt. So ließ sie Granatsplitter, die bei Operationen entfernt worden waren, vom Hofjuwelier in Silber fassen – als Liebesgabe für Verwundete.

Der Nachlass ruht im Andreasstadl

Weihnachten 1918 war der Krieg schon zu Ende. Am 11. November war in einem Speisewagen in Compiègne die Kapitulation unterschrieben worden. Die Ostheim-Schatulle hält bis heute bittere Kriegs-Erinnerungen fest. Die wohl von Margarete, der Malerin und Bildhauerin, selbst entworfene Preziose konnte gar nicht so viele Tabletten fassen, um den Schmerz der 30-jährigen Rotkreuzschwester zu betäuben. Therese Eibl war die Witwe des akademischen Kunstmalers Leo Eibl (1888 bis 1918). Der Krieg hatte dessen vielversprechende Karriere beendet, noch ehe sie begonnen hatte. Seine „Biedermeierkapelle mit Tanzenden“, 20 aus Holz geschnittene und bemalte Spielfiguren, wurde 1913 bei der Internationalen Karikaturen-Ausstellung des Leipziger Künstlervereins ausgestellt. Weitere Erfolge verhinderte der Krieg. Der Künstler starb am 31. Oktober in der Heimat, wenige Wochen vor Weihnachten 1918. Er erlag den Folgen eines feindlichen Gasangriffs von 1916. Sein Siechtum währte volle zwei Jahre lang. Eibls Jugendstil-Grab ist auf dem Bergfriedhof.

Ostern 1914, noch im Frieden, hatte Leo Eibl sein liebes Reserl geheiratet. Zur Vermählung hatte der Absolvent der Münchner Akademie eine Jugendstil-Anzeige gestaltet. Die kann man in der Kunstwerkstatt des Heimatvereins Stadtamhof sehen, zusammen mit der von Eibl bemalten Bauernstube. Die gute Stube, die jetzt im zweiten Stock des Andreasstadls die Kunstwerkstatt Stadtamhof möbliert, war später das Esszimmer vom „Omele“. Richard Nicolas, der Wurstkuchlmaler, war nach 1947 oft mit seiner Ewa bei der Fürsorgerin zu Tisch. Vom zweiten Stock konnte man in den Spitalgarten sehen. Auch das ist eine kostbare Erinnerung Roswitha Sterbas an ihr „Omele“.

Vor zehn Jahren trennte sich die kinderlos gebliebene Witwe Roswitha Sterba vom Erbe ihrer Großmutter. In Schränken und Kisten der Bauernstube ruht seitdem Leo Eibls künstlerischer Nachlass samt seiner Maler-Palette. Im Andreasstadl wird auch das originelle Türschild verwahrt. Am 3. Januar 1915 war die einzige Tochter Siglinde zur Welt gekommen. Aus diesem Anlass fertigte der Kunstmaler ein Jugendstil-Türschild für das Stadtamhofer „Heiderhaus“, dem Geburtshaus seiner Frau in der Gebhardstraße 12. „Allhie wohnet der Maler und Kriegsknecht Leo Eibl mit Frau und Kindlein.“ Ein Jahr später hatte der Krieg seinen Knecht zum Krüppel gemacht.

Den Schmerz darüber hat die junge Frau verwandelt – in soziale Fürsorge, in persönliche Stärke. Sie wurde hauptamtliche Lazaretthelferin und Kriegspflegerin in Ostheim. Am Ende des Ersten Weltkrieges war sie Oberleiterin aller Lazarette des Frauenvereins des Deutschen Roten Kreuzes in Regensburg. Therese Eibl zeigte eine so große Hingabe, dass sie bereits 1916 von König Ludwig mit dem nach ihm benannten Kreuz geehrt wurde. 1953 ging „die Eiblin“ als „Oberfürsorgerin der Stadt“ in Rente.

Therese Eibl starb 91-jährig als höchstdekorierte Frau dieser Stadt. 13 Ehrenzeichen aus drei politischen Systemen, darunter das Kaiserreich und die Bundesrepublik Deutschland, schmückten sie. „Die wenigsten wissen heute, dass sie das Rote Kreuz in Regensburg aufgebaut hat“, bedauert ihre Enkelin Roswitha Sterba. „Nicht mal die Leute, die mich als BRK-Fördermitglied geworben haben, wissen das.“ Aber Richard Reil vom Heimatverein Stadtamhof weiß es. Er hat „die Eiblin“ noch in der Hauptstraße laufen sehen. „Sie war immer im Dienst. Ohne Rotkreuzuniform sah man sie nie.“

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