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Kultur

Liebestänze in Regensburger Badezimmer

Künstler aus ganz Europa drehen in Regensburg einen Tanzfilm. Im November feiert das anspruchsvolle Stück über eine Vierecksbeziehung Premiere.
Von Davina Lang und Jürgen Scharf, MZ

In der Wohnung von Fotograf Hubert Lankes wird der Tanzfilm „Painful“ zu großen Teilen gedreht. Hier filmt Lankes gerade Carlos Osatinsky, Silke Woschnjak – und seine Badewanne. Foto: Scharf

Regensburg. Ein athletischer junger Mann, bekleidet mit Hemd und Stoffhose, steht in einer Badewanne. Seinen Kopf hält er unter den Duschkopf. Das Wasser rinnt ihm über den Körper. Dazu läuft beruhigende Klaviermusik. „Bereit? Silke, Carlos, bereit? Hubert, bereit?“, fragt Regisseur Erik Grun. Alle nicken. Silke Woschnjak, eine blonde, zierliche Frau, beginnt langsam um die Badewanne herumzuschreiten. Hubert Lankes filmt alles mit seiner Handkamera. Als Woschnjak ihre Runde fertig gedreht hat, ist Grun zufrieden. „Wunderbar, das hat gepasst“, ruft er ihn den Raum. Und auch Lankes gibt grünes Licht: „Ja, ist alles im Kasten.“

„Painful“ ist der Arbeitstitel eines ungewöhnlichen Projekts, für das Künstler aus ganz Europa in Regensburg zusammen gekommen sind. „Painful“ – das wird der erste in Regensburg gedrehte Tanzfilm sein. Seit Jahren schon geisterte diese Idee durch die Köpfe von Regisseur Erik Grun und Fotograf Hubert Lankes. Nun fanden sie endlich einen gemeinsamen Termin, um die Sache anzugehen.

Mehrere Monate wurde alles vorbereitet. Grun feilte intensiv an seinem Drehbuch, Lankes kümmerte sich um die Technik. Ein Großteil des Films wird in Lankes’ Wohnung im Stadtnorden gedreht. Die schönen, kunstvoll gestalteten Räume bieten wahrlich eine passende Kulisse. Außenaufnahmen drehen sie unter anderem in einem Regensburger Parkhaus. Alles wurde penibel geplant – denn nur drei Tage können die vier Tänzer vor Ort sein. „Was wir dann nicht im Kasten haben, werden wir nie haben“, sagt Lankes.

Die vier Tänzer, das sind Silke Woschnjak aus Österreich, Mercedes Appugliese aus Argentinien, Berenika Kmiec aus Polen und Carlos Osatinsky aus Argentinien. Alle sind Profis, ausgebildete Tänzer, die schon viele Engagements hatten. Nur aufgrund ihrer Erfahrung ist der enge Zeitplan einzuhalten. Wie auf Knopfdruck setzen sie die kurzen Anweisungen von Grun spontan um – denn exakt durchchoreographiert sind die meisten Szenen nicht. Es geht darum, Stimmungen auszudrücken.

Logik ist hier Nebensache

„Ihr müsst auf keine Logik achten“, ruft Grun. Gerade wird eine leidenschaftliche Bett-Szene gedreht. Auf sein Kommando hin nehmen zwei Tänzer ihre Plätze ein: Carlos Osatinsky liegt lässig in einem Bett, umhüllt von weißen Laken. Zur rhythmischen Hintergrundmusik beginnt Mercedes Appugliese sich verführerisch zu bewegen. Sie wirft den Kopf in den Nacken und pendelt dann um das Metallgerüst des Bettes herum – alles, um Carlos zu bezirzen. Appugliese vermixt mehrere Tanzstile und stellt dadurch eine Gefühlsachterbahn dar.

„Painful“ – das ist Grun zufolge die Geschichte einer Vierecksbeziehung. Osatinsky ist der Hahn im Korb, der Mann, um den drei Frauen kreisen. Kmiec spielt die enttäuschte Ex-Freundin, die schon von Heirat geträumt hatte und auf Rache sinnt. Woschnjak ist die aktuelle Lebensgefährtin des Lebemanns, der sich zudem noch mit seiner Geliebten, die von Appugliese getanzt wird, vergnügt. Gesprochen wird ihn dem Film nichts. „Die Bewegungen der Tänzer müssen so ausdrucksstark sein, dass der Zuschauer dennoch klar die Handlung verfolgen kann“, erklärt Grun.

Währenddessen sitzt Jean Marc Toillon in einem anderen Zimmer des Hauses an einem Holztisch und nestelt an seinem Laptop herum. Der Franzose ist ein alter Schulaustausch-Kumpel von Lankes. Beide haben später immer Kontakt gehalten. Nun arbeiten sie auch zusammen. Toillon ist Komponist und Lankes konnte ihn für das Projekt gewinnen.

Das Besondere an Toillons Part ist, dass er die Musik erst nachträglich zu den fertigen Aufnahmen hinzu komponiert. Bei den Dreharbeiten hören die Tänzer lediglich Musik, die von der Geschwindigkeit und der Stimmung den endgültigen Kompositionen ähnelt. Eine Arbeitsweise, die für die Tänzer durchaus problematisch ist, auch aus Gründen des Zeitdrucks war es aber nicht anders zu organisieren.

In Toillons Kopf existiert die Musik aber schon zu großen Teilen. Er hat klare Vorstellungen. „Jeden Tänzer verknüpfen wir mit einem besonderen Instrument“, erzählt er. So gebe es einen akustischen Wiedererkennungseffekt. Auf seinem Laptop zeigt er eine der bisher abgedrehten Szenen. Kmiec rollt sich auf einem Bett hin und her, wird dann hektisch, rennt zum Spiegel, schaut sich an – und Toillons Musik wirkt wie ein perfekt gestalteter Sound-Teppich.

Auch Hans Krottenthaler von der Alten Mälzerei schaut bei den Filmaufnahmen vorbei. Die Mälzerei unterstützt das Projekt finanziell. „Aber wenn alle, die hier dabei sind, ihre normalen Gagen verlangt hätten, dann wäre das Budget um ein Vielfaches gesprengt worden“, sagt er. Krottenthaler, der seit Jahren ein erklärter Fan von Tanzaufführungen und -filmen ist, freut sich sichtlich darüber, dass sich hier befreundete Künstler zusammen getan haben, „um Neuland zu betreten“, wie er sagt. Schließlich gab es so etwas in der Domstadt noch nie. Bei den Regensburger Tanztagen wird der Film am 15.November im Leeren Beutel Premiere feiern. „Man weiß es nie, wie es beim Publikum ankommen wird, aber ich habe schon ein gutes Gefühl“, sagt Krottenthaler.

Ein Frauenheld – zumindest optisch

Mittagszeit, Drehpause. Das gesamte Ensemble trifft sich im Biergarten des Auer-Bräu. Es wird viel gelacht, vor allem Grun ist erleichtert. Alle Szenen, die für den Vormittag geplant waren, sind im Kasten. Nun heißt es erst einmal durchatmen. Auf Englisch und Deutsch wird über Gott und die Welt geredet – aber natürlich auch übers Tanzen. Appugliese erzählt, wie sie sich in ihre Rolle der feurigen Geliebten hineingefunden hat, und Grun erinnert daran, wie Osatinsky für die Rolle des Frauenhelden ausgewählt wurde: „Weil man ihm das optisch eben abnimmt“, sagt er mit einem Lachen. Von der Besetzung ist Grun vollauf überzeugt, dennoch ist der Film bis zum letzten Schnitt „ein Experiment“ für ihn: „Was genau am Ende dabei herauskommt, wie es genau aussehen wird, wissen wir selbst noch nicht.“ Spätestens am 15. November werden es er und die Zuschauer sehen.

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