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Märchenerzähler öffnet seine Herzenstür

Wie kann man mit dem Erzählen von Märchen eine fünfköpfige Familie ernähren? Olivier Machander aus Hainsacker versuchte das – und alles wurde gut.

Das Bild des neuen Vaters: Märchenerzähler Olivier Machander (42) an der Tür seiner „Villa kunterbunt“ in Hainsacker Foto: Wanner

Regensburg.„Do is amol a Vata gwen…“ – so langsam und friedlich beginnt das Oberpfälzer Märchen von Oliver Machander, dem Mann, der sich anschickte, mit dem Erzählen und Schreiben von Märchen eine Familie zu ernähren. Frau Regina und drei Söhne, Felix (18), Ole (12) und Jannick (11) gehören dazu.

Seitdem in Europa der Einheits-Taler eingeführt wurde, ist das schon für einen Mann mit einem normalen Beruf wie, sagen wir: Tischler oder Gas-Wasser-Installateur, unmöglich. Wie schwer ist es dann für einen zertifizierten „Märchenerzähler“? Und Oliver Machander schafft es auch nur … fast.

Machander kann zaubern

Aber der Himmel hat für ihn gesorgt, er wird gut gebucht, von Kindergärten, Schulen, Walderlebniszentren und Altenheimen. Märchen erreichen die tiefsten Schichten des Menschen. Die Bremer Stadtmusikanten zaubern sogar auf die Gesichter dementer Seniorenheimbewohner ein Lächeln.

Alles, was er zum Glück brauchte, hatte er schon in seinem seltenschönen Namen, bei dem er nur noch ein kleines „i“ hat einflicken müssen: Olivier Machander wurde auch noch mit diesen märchenhaften blauen Augen gesegnet, dieser kräftigen, ruhigen Stimme und dieser Seele, so still und rein wie das Wasser, das er aus der Leitung trinkt.

Ja, auch mit der Gabe der Genügsamkeit wurde er überreich versorgt. Er hat keine Designer-Küche, in der nur alle heiligen Zeiten gekocht wird. Er kocht täglich. Die Küche hat er selbst gebaut. Lebensmittel, Geschirr liegen in Obstkisten, die an die Wand gedübelt wurden. An die Unterseite der Bretter hat er die Deckel der Gläser geleimt. Daran dreht er Salz und Pfeffer fest. Das Büfett stammt aus einem Stadl, die Küchenstühle konnte man im Wirtshaus nicht mehr brauchen.

Glück begann bei „Tango pervers“

Am Nussbaum lehnen Tipi-Stangen. Das Gras steht hoch. „Machander“ ist auf der Holzscheibe zu lesen, die an der braunen Holztüre seiner gemieteten „Villa Kunterbunt“ in Hainsacker als Namensschild hängt. Ein kleines Kreuz aus Ton fällt ins Auge. Der Baum, der im Wasser steht, symbolisiert Psalm 1: Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen… Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.“

Die Machanders sind gottselige Leute. Im Treppenaufgang ist der Hausaltar eingebaut. „Ich atme, ich lebe, ich bin“, sagt der Herr Jesus. Sein offenes Herz strahlt. „In Christus habe ich alles, mehr brauch ich nicht“, sagt er. Olivier Machander trägt Pferdeschwanz. Er nennt sich einen „Jesus-Hippie“, damit passt er gut zu seiner Frau Regina. Die ist Lachyoga-Therapeutin und leitet das befreiende Löwen-Lachen bei jedem Wetter sonntags um 11 Uhr im Stadtpark. In Hainsacker geht die Dorflegende, die Machanders leben vom Lachen und vom Märchenerzählen.

Lachen und Glauben sind bei den Machanders eine märchenhafte Verbindung eingegangen. Regina Machander war als katholisches Mädchen in Mecklenburg-Vorpommern das Aschenputtel. „Sie hat für ihren Glauben gelitten“, sagt Oliver Machander. „Obwohl Klassenbeste, durfte sie kein Abitur machen. An christlichen Feiertagen ist sie von der Schule zu Hause geblieben. Die Familie war da knallhart.“ So eine Frau hat einen Oberpfälzer Märchenprinzen verdient.

Ort und Gelegenheit, bei der sie sich kennengelernt haben, passt allerdings nicht in ein Schönwerth-Märchen. „Es war in der Mälze bei einem Konzert einer Regensburger Punkband. Ich glaub, Tango pervers war das. Ein Musiker warf ein Paket Kekse ins Publikum. Ich hab sie aufgefangen und ihr angeboten – und sie hat nein gesagt.“ Er sagt, er sei in diese Frau verliebt gewesen wie in keine andere, deswegen habe er sich ein halbes Jahr beharrlich um sie bemüht. „Und dann sagte ich zu meiner zukünftigen Frau: Ich will ein Kind von dir.“ Da war er um die 25 Jahre alt, in der individuellen Schwerbehindertenpflege tätig und karrieremäßig keinesfalls gefestigt. Der Burglengenfelder glaubte einfach an „Versorgung“: „Gibt der Herr s’Haserl, gibt er auch ’s Graserl“, lautet ein Spruch aus der Oberpfalz.

Seine Märchen-Karriere hätte er sich damals noch nicht träumen lassen. Es gibt einige Märchenerzählerinnen mit Diplom, aber er ist der bekannteste im Umkreis von 100 Kilometern. Der Schlüssel für seinen künstlerischen Weg hängt an der Schlafzimmertüre. Es ist eine Karte von La Gomera. Hier hat das reiselustige Paar vor dem Schulbeginn des ältesten Sohnes Felix zu dritt überwintert. Um den Sohn beim Wandern bei Laune zu halten, hat er mit ihm zusammen den lila Drachen Nanu erfunden, sein erstes eigenes Märchen.

Die deutsche Kolonie des Aussteigerparadieses hatte unter anderem auch ein offenes Kulturhaus. Mit einem Clown und einer Musikerin, veranstaltete Machander Nachmittage für Kinder. Als Requisite benutzte er ein Sternen-Tuch. Der Zulauf war so ermutigend, dass er in La Gomera erstmals auf die Idee kam, sein Talent zum Beruf zu machen. Das Tuch aus Gomera setzt er noch heute ein.

Märchen schenken Bilder

Von den drei Märchen, die er damals kannte, war eines die Sage vom Bau der Steinernen Brücke in Regensburg. Heute dürfte er die größte Märchensammlung Regensburgs im Regal stehen haben. Gerade hat er seinen ersten eigenen Band veröffentlicht: „Die 7 Märchentore“. In seinem Kopf hausen Märchen aus aller Welt, aber er verachtet auch die heimischen nicht wie Schönwerths „Jodl, rutsch ma nach“.

Um sich die Märchen zu merken, gliedert er sie in Abschnitte und steigt, bildlich gesprochen, immer tiefer in den Brunnen hinab. Beim mehrmaligen lauten Vorlesen werden ihm innere Bilder geschenkt. Diese malt er auf, legt sie auf den Boden aus und beim Betrachten fließen die Worte automatisch. Ganz langsam fließen sie, die Silben so gedehnt, dass manche Kinder, auf die tagtäglich so eine Bilderflut einströmt, überrascht sind und lachen. „Die Bilder, die die Märchen den Kindern schenken, sind heilsam. Es sind ihre eigenen Bilder“, sagt Olivier Machander. Der Märchenerzähler wird davon noch lang und glücklich leben.

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