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Anschläge

Bei Juden wächst die Sorge

Nach den Schüssen in Halle: Regensburgs Gemeinde kündigt mehr Kontrolle an. Ambergs Rabbiner beklagt fehlende Polizeipräsenz.
Von Marianne Sperb

Eine Tafel mit der Abbildung von einem Davidstern und einem Chanukkaleuchter vor der neuen Synagoge in Regensburg: Die jüdische Gemeinde will Kontrollen beim Einlass verstärken. Foto: Armin Weigel/dpa
Eine Tafel mit der Abbildung von einem Davidstern und einem Chanukkaleuchter vor der neuen Synagoge in Regensburg: Die jüdische Gemeinde will Kontrollen beim Einlass verstärken. Foto: Armin Weigel/dpa

Regensburg.Vergesst nicht Freunde, wir reisen gemeinsam: Die Anfangsworte des Gedichts von Rose Ausländer, die in einer Spirale aus Metalllettern den Eingang zur Regensburger Synagoge markieren, sinken an diesem Donnerstag, nach den Schüssen von Halle, ganz tief ins Herz. Ein Mann, der nach allen bisherigen Erkenntnissen morden wollte, hat am Mittwoch in der Stadt an der Saale zwei Menschen erschossen. 80 Jahre nach dem NS-Regime, das Millionen Juden ins Gas geschickt hat, sollten in Deutschland wieder Juden sterben. Und weil der Todesschütze nicht in das jüdische Gemeindehaus von Halle vordringen konnte, brachte er andere Menschen um, wahllose, zufällige Opfer.

„Es ist schrecklich“, sagt Ilse Danziger. „Dieser Mann war offensichtlich auf Tötung aus.“ Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Regensburg sitzt mit Professor Josef Eckstein vom Förderverein der Synagoge in einem Büro des Gemeindezentrums, das erst im Februar 2019 eröffnet hat und von den Regensburgern gefeiert, ja bejubelt wird. Die beiden Sprecher improvisieren gerade ein Pressegespräch nach dem anderen. Die Journalisten fragen alle ungefähr das Gleiche: Wie reagieren die Regensburger Juden auf die Schüsse von Halle? Und: Könnte der Anschlag auch hier passieren?

Reaktionen

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„Es ist erschreckend“, sagt Josef Eckstein. „Wir leben in einer Situation, in der alles ruhig zu sein scheint – und plötzlich ereignen sich Dinge, die einem das Gefühl geben, dass man nicht sicher sein kann.“ Ein bisschen sei es, als stehe man auf festem Boden und erkenne plötzlich, dass die Bodenplatte womöglich dünn ist und brüchig, und dass sich unter ihr ein dunkles tiefes Meer auftut. „Als ich am Mittwochabend aus der Synagoge kam, habe ich mich unwillkürlich umgeschaut“, schildert Danziger. Halle ist 350 Kilometer von Regensburg entfernt, aber die Gefahr scheint auf einmal sehr nah.

„Wir waren bisher sehr offen“, schildert Ilse Danziger. Besucher, die ohne Anmeldung einen Blick in die Synagoge werfen wollten, um das Meisterwerk aus dem Berliner Architekturbüro Volker Staab zu bewundern oder um mehr über jüdisches Leben zu erfahren – diese Besucher wurden bisher umstandslos eingelassen. „Das müssen wir nun ändern“, sagt Danziger. „Dazu bin ich allen Menschen im Haus verpflichtet.“ Man werde intensiver kontrollieren, wachsam sein.

Sehr sicher, sehr offen

Gleichzeitig betont Eckstein, es werde weiter Führungen geben und Veranstaltungen im Haus. Das ist ein wichtiger Satz, denn: Die Regensburger können sich nicht sattsehen an der Synagoge, der Besucherstrom reißt nicht ab, die Listen für Führungen sind voll. „Es wäre ein falsches Zeichen, das Haus jetzt abzuschotten“, sagt Eckstein, und Danziger: „Dann hätten die anderen gesiegt.“

Blick in die Synagoge in Regensburg. Besucher sind vor allem fasziniert vom Sakralraum mit seiner Schale aus zart aufgefächerten Holzlamellen und dem raffinierten Twist der Kuppel. Foto: Armin Weigel/dpa
Blick in die Synagoge in Regensburg. Besucher sind vor allem fasziniert vom Sakralraum mit seiner Schale aus zart aufgefächerten Holzlamellen und dem raffinierten Twist der Kuppel. Foto: Armin Weigel/dpa

Die Polizei bekommt jede Woche eine Liste der Veranstaltungen im Haus und richtet ihre Sicherheitsvorkehrungen danach aus. Die Synagoge selbst zeigt sich zum Straßenraum am Brixener Hof zwar offen, mit großen Fenstern zur Bibliothek und einer Sichtachse bis zum Bäumchen im Innenhof, ist aber mit allen sicherheitstechnischen Raffinessen ausgestattet, vom Panzerglas bis zur Pforte. „Die Schleuse war anfangs gar nicht vorgesehen – bis man uns riet, sie einzuplanen, selbst wenn wir sie nicht brauchen würden“, erzählt Danziger. Jetzt ist sie froh über präventive Maßnahmen.

Polizei

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In Amberg wünscht man sich den Schutz, den Regensburg hat. „Wir haben keine Schleuse. Aber wir müssen das jetzt machen“, sagt Rabbiner Elias Dray am Donnerstag. Er hat kurz zuvor einen Offenen Brief an Joachim Herrmann verfasst. Bayerns Innenminister möge dafür sorgen, dass die Polizei die Sicherheitsbedürfnisse der Israelitischen Kultusgemeinde ernst nimmt, schrieb er. „Wir wollen nicht warten, bis es einen Terroranschlag mit Todesopfern bei uns in der Gemeinde gibt.“ Der Hintergrund seines Briefs: An Jom Kippur fehlte die versprochene Polizeipräsenz vor dem Gebetshaus. „Erst nach einem Anruf von uns wurde am Nachmittag eine Streife geschickt.“ Die Polizei habe den „internen Fehler“ inzwischen eingeräumt und sich entschuldigt, sagt der Rabbiner. Die Gemeinde mit 130 Mitgliedern nennt er gut integriert. „Aber wir sind in Sorge, auch schon vor Halle.“ Anonyme Anrufe, gehässige Briefe, antisemitische Botschaften auf Aufklebern: Immer wieder komme es zu kleinen Vorkommnissen. Und an Jom Kippur sei man besonders angreifbar.

„Vergesst nicht Freunde, wir reisen gemeinsam“: Eine Spirale aus Metalllettern zitiert über dem Eingang der Regensburger Synagoge das Gedicht von Rose Ausländer. Foto: Armin Weigel/dpa
„Vergesst nicht Freunde, wir reisen gemeinsam“: Eine Spirale aus Metalllettern zitiert über dem Eingang der Regensburger Synagoge das Gedicht von Rose Ausländer. Foto: Armin Weigel/dpa

Ausgerechnet an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Fest, an dem Juden Versöhnung feiern, an dem sie nach zehn Tagen der Reue um Verzeihung bitten für das, was sie anderen angetan haben – ausgerechnet an diesem Tag fielen in Halle die tödlichen Schüsse. In Regensburg war die Synagoge voller Menschen. Die Nachrichten aus Halle sickerten erst abends durch, samt der zahlreichen Reaktionen. „Viele Menschen haben uns ihre Solidarität gezeigt“, sagt Danziger. Eine Frau stellte spontan eine Kerze am Eingang auf. „Viele zeigten sich nachdenklich, ob so eine Tat auch in Regensburg passieren könnte“, fügt Eckstein hinzu, und betont: „Wir müssen weiter mithelfen, dass das Klima so gut bleibt.“

Gedenken

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Die Deutsch-Israelische-Gemeinschaft Regensburg-Oberpfalz lädt dazu am Donnerstag um 18 Uhr vor den Brixener Hof ein.

Die beiden Sprecher dramatisieren nichts. Die Verbundenheit von Juden und Nicht-Juden in Regensburg, sie ist eng, oft innig. „Das Verhältnis hat sich wirklich gut entwickelt“, sagen beide. Und auf die Frage nach antisemitischen Zwischenfällen muss Ilse Danziger „erst überlegen“. Eine Demo von Ultrarechten fällt ihr ein, „aber da gab es Gegenprotest und das ist auch schon lange her“.

Ilse Danziger (rechts), Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, bei der Einweihung der Synagoge, mit Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Foto: altrofoto.de
Ilse Danziger (rechts), Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, bei der Einweihung der Synagoge, mit Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Foto: altrofoto.de

„Vergesst nicht Freunde, wir reisen gemeinsam“: In Regensburg denkt man heute wieder daran, nach schwarzen Zeiten und Sternstunden, die es in der langen Geschichte der Juden an der Donau gab. Im Mittelalter blühte hier das jüdische Leben, in einer bereits voll strukturierten Gemeinde, mit berühmten Rabbinern. Später kam es zu Unterdrückung, Ausgrenzung und 1519 zur Vertreibung. Die Regensburger machten das jüdische Viertel am Neupfarrplatz dem Erdboden gleich. Nach einem zarten Wiedererblühen der Gemeinde ab dem 17. Jahrhundert brach unter den Nazis wieder die Nacht an. 1938 brannte die Synagoge – das Fanal für das große Morden.

Heute zählt Regensburgs Gemeinde, eine von 13 in Bayern, 1000 Mitglieder und wächst. Die Synagoge, 500 Jahre nach der Vertreibung eingeweiht, entstand mit Engagement und Geld der ganzen Stadtgesellschaft. Das Projekt habe der Beziehung starke Impulse gegeben, sagt Eckstein: „Viele Menschen freuen sich, dass der jüdischen Gemeinde zurückgegeben wurde, was man ihr genommen hat.“

Die Solidarität, sie zeigt sich am Donnerstag auch in einer Mahnwache, organisiert von der Deutsch-Israelischen Gemeinschaft Regensburg-Oberpfalz. „Wir möchten uns gemeinsam schützend vor die Regensburger Synagoge stellen“, sagt Vorsitzender Stefan Christoph. Am Brixener Hof will man Verbundenheit demonstrieren, unter den Metalllettern von Rose Ausländer: „Vergesst nicht Freunde, wir reisen gemeinsam.“

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