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Mei Fähr Lady feiert Jubiläum

Im Turmtheater Regensburg läuft am Mittwoch die 200. Vorstellung von „Mei Fähr Lady“ –die Stimmungen aus fünf Jahren.
Von Angelika Sauerer, MZ

Im Turmtheater Regensburg läuft am Mittwoch die 200. Vorstellung von „Mei Fähr Lady“. Fotos: Joseph Berlinger, Sabine Franzl, Helmut Koch, Angelika Sauerer, Fotolia
Im Turmtheater Regensburg läuft am Mittwoch die 200. Vorstellung von „Mei Fähr Lady“. Fotos: Joseph Berlinger, Sabine Franzl, Helmut Koch, Angelika Sauerer, Fotolia

Regensburg.Joseph: „Ich sitze beim Schreiben gern am Pfaffensteiner Wehr. Weil es hier nicht so schön ist wie auf dem Wöhrd bei der Steinernen Brücke, ist es auch nicht so überlaufen. Ich kann besser abschalten.“ Joseph Berlinger, Autor und Regisseur aus Regensburg, zündet sich eine Zigarette an. Unten wirbelt das Donauwasser, wo es über die Turbinen muss. Er mag das Rauschen, es versetze ihn „in Trance wie gute Musik“. Hier hat er „Mei Fähr Lady“ geschrieben.

Ludwig. Luigi – so nennt ihn die Mei-Fähr-Lady-Familie – steckt sich die Gürtelschnalle in die Hosentasche und den Zettel vom Joseph. Er schlüpft ins Sakko. Das zweite, das seit der Premiere am 28. Oktober 2011 zum Einsatz kommt. Luigi muss sich nicht verkleiden und auch nicht schauspielern, sondern er selber sein: Ludwig Zehetner, Professor für Bayerische Dialektologie, Mundartforscher, „Basst’-scho“-Autor. Es ist die Rolle seines Lebens.

„Ich bin ja so froh, dass ich keinen Schmarrn spielen muss“

...ohne Worte
...ohne Worte

Eva: „Ich spiele eine Chinesin, die Bayerisch lernt.“ „Du Arme“, hat eine Kollegin sie im Sommer 2011 bedauert, die mit Joseph ein anderes Stück probte. „Ich bin ja so froh, dass ich nicht diesen Schmarrn spielen muss.“ Eva Sixt, Schauspielerin, Sängerin, Dramaturgin aus Regensburg, schickt ihr raues, helles Lachen in den Himmel über Regensburg. „Das andere Stück lief fünfmal, und unseres schon 200-mal.“

Ludwig: „So a Schmarrn.“ Der Professor gibt es zu: Ja, das hat er gesagt, als er gelesen hat, was Joseph Berlinger aus dem Stoff gemacht hat. Es war eine Auftragsarbeit fürs Turmtheater. Intendant Martin Hofer wollte die Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ – es gab bereits eine Folge mit Schlafforscher Jürgen Zulley – mit dem Dialektpapst Ludwig Zehetner fortführen.

Joseph. „Es gibt Projekte – ich nenne es eher Glücksfälle – die man so aus dem Bauch heraus hinschreibt, ohne groß zu überlegen, die gut werden. So ein rotziger Wurf ist Mei Fähr Lady.“

„Es gibt Projekte – ich nenne es eher Glücksfälle – die man so aus dem Bauch heraus hinschreibt, ohne groß zu überlegen, die gut werden. So ein rotziger Wurf ist Mei Fähr Lady.“

Eva und Joseph, 75. Vorstellung
Eva und Joseph, 75. Vorstellung

Mei Fähr Lady: Das Stück ist ein Phänomen. Um die 18 000 Leute haben es bisher gesehen. Das Turmtheater ist immer ausverkauft. Auch die zahlreichen Gastspiele in ganz Bayern. „Mei Fähr Lady“ macht seinem großen Namensvetter „My Fair Lady“ alle Ehre. Die erste Inszenierung des Musicals um Eliza Doolittle und Professor Higgins wurde am Broadway 1956 bis 1962 über 2000-mal aufgeführt. Das am längsten pausenlos gespielte Stück der Welt ist „Die Mausefalle“ von Agatha Christie. Es wird seit 1952 täglich im Londoner West End gegeben. Man kann fast sagen: „Mei Fähr Lady“ ist die „Mausefalle“ Regensburgs. Sie lockt und schnappt zu. Da muss jeder mal hinein. Oder besser eini.

Ludwig: Der Bayer dreht den Spieß gern um: Hinein wird zu ein-hin, also eini. Hinauf wird zu auf-hin, also auffi. Die Lesebrille rutscht die Nase hinab, ab-hin, also owi. Ludwig Zehetner steht neben der Bühne im Schein einer Leselampe, rückt die Brille zurecht und erklärt der Chinesin Mei Ding, dem Preußen Striede und dem Franzosen Boulanger abwechselnd die Spezialitäten des bayerischen Dialekts. Er wendet sich freilich auch an die Zuschauer. Aber die verstehen ihn eh.

Publikum: Wer kein Bayerisch kann, wird hier keins lernen – obwohl es heißt, das sei ein „Bairisch-Crashkurs“. Aber wer Bayerisch kann, lernt hier nichts weniger als die Freude an seinem Dialekt. „Sprache ist Mutter und Vater“, sagt Eva Sixt. In „Mei Fähr Lady“ ist man bei sich daheim.

Eva: Sie kann kein Chinesisch. Sie sieht auch nicht aus wie eine Chinesin. Aber sobald sie den Mund aufmacht, ist sie mit jeder Faser Mei Ding, diese kleine, zarte, zähe Putzfrau, die Bayerisch lernen und Fährfrau auf der Donau werden will. Die Mei Ding der Eva Sixt ist ein Wunderding. Aber Wunder fallen nicht vom Himmel. Während Eva in der winzigen Umkleide des Turmtheaters zum fast 200. Mal in ihre Rolle schlüpft – Dreiviertelhose, geflicktes Hemd, abgewetzte Schuhe, hochgesteckte Haare, weißes Gesicht und schließlich Perücke – erinnert sie sich ans Training mit der Chinesisch-Dozentin Hui Weber. „Ich habe eine Kunstsprache erfunden. Am Ende hat sie es abgesegnet.“

Alba: Sie redet kein Bayerisch, ihr Deutsch ist gewählt, sorgsam, fehlerfrei. Alba Falchi stammt aus Rom und ist seit langem in Regensburg zu Hause. Sie versteht Bayerisch, auch die Feinheiten, und spricht die Rolle der Anna Albertini, Sekretärin von Luigi. Ihre fantastische tiefe Stimme kommt aus dem Off und hüllt die Zuschauer in einen intimen Klangraum. „Erst letztes Mal wurde ich wieder beim Semmelholen erkannt. Sie sind doch die aus Mei Fähr Lady? Dabei sieht man mich gar nicht.“ Alba bläst amüsiert den Rauch ihrer Zigarette aus.

Jedes dritte Mal eine Horrorgeschichte

Generalprobe 2011
Generalprobe 2011

Titus: Endlich. Titus Horst spielt den Manager Striede und den Rapper Boulanger. Beide lernen Bayerisch, um anzubandeln, der eine mit den Einheimischen, der andere mit einer feschen Bedienung. Titus Horst kommt immer als Letzter und mit dem Zug zu den Vorstellungen. Das heißt: Wenn der Zug kommt. Einmal musste er aufs Taxi ausweichen, um rechtzeitig da zu sein. Es ist immer spannend. „Titus, was war heute im Zug?“ Nichts. Aber jedes dritte Mal erzählt er eine Horrorgeschichte.

Joseph: Manchmal spinnt der Beamer oder das Programm stürzt ab. Der Regisseur bleibt ruhig und dann, kurz bevor’s zu spät ist, läuft alles wieder. „Ich bin immer dabei. Ich habe die Technik so kompliziert gemacht, dass das keiner allein bedienen kann. Ich muss da sein.“ In der Technik oben ist es schummrig, die Luft stickig, die Regler leuchten bunt. Joseph Berlinger hat alles im Blick, aber keiner sieht ihn. Das ist sein Part hier, und er mag ihn.

Mei Ding. Mei Fähre. Mei Fähr Lady
Mei Ding. Mei Fähre. Mei Fähr Lady

Balkon: Ein Quadratmeter Ausguck, hoch über den Dächern Regensburgs. Luigi hat Speckkuchen mitgebracht, mit Grüßen von seiner Frau. Er zieht den Zettel aus der Tasche, darauf steht: Lauter, Ludwig – eine ungewöhnlich leise Erinnerung seines Regisseurs. Zehetner trägt längst ein Headset, aber von Josephs Zettel mag er sich nicht trennen. Und die Gürtelschnalle erinnert ihn an eine Geste, während er das Wort Schnalle erklärt. Eva Sixt, die immer noch das erste Dirndl, aber bereits die achte Perücke trägt – „Joseph, ich brauch’ übrigens eine neue“ – schiebt den Ärmel zurück und zeigt ein Armband. „Ein Geschenk zur Premiere. Hab’ ich immer dran.“ Ist auch schon mal gerissen, da ergossen sich blaue Perlen auf die Bühne. Noch eine Zigarette. Schweigen und schauen. Man kann sogar einen Zipfel Donau sehen, von da oben.

Ende: „Mei Fähr Lady“ schließt mit leiser Melancholie. Mei Dings Bayerisch ist jetzt perfekt. Sie wird dem Luigi fehlen. „A geh’ weida“, sagt sie zum Abschied.

Joseph: „Dass ausgerechnet das Stück so reinhaut, das ich in einer Woche geschrieben habe! Witzig.“

Zum Glück ist kein Ende in Sicht.

Joseph Berlinger produziert auch Radiofeatures für Bayern 2. Sein jüngstes wird dieses Wochenende ausgestrahlt: Rocco Granata singt nicht mehr. Vom Erinnern und Vergessen (Sa, 13.05 Uhr; So, 21.05 Uhr; auch als Podcast).

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