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Integration

Mein Kollege, der Autist

Für einen jungen Behinderten wird eine Arbeitsstelle in Regensburg zum großen Schritt in ein selbstbestimmtes Leben.
Von Martina Groh-Schad

Arbeiten im Team: Rossmann-Bezirksleiterin Michaela Aschenbrenner, Verena Ninding vom ifd und Johann Sittauer (von links). Foto: Groh-Schad
Arbeiten im Team: Rossmann-Bezirksleiterin Michaela Aschenbrenner, Verena Ninding vom ifd und Johann Sittauer (von links). Foto: Groh-Schad

Regensburg.Konzentriert tippt Johann Sittauer die Preise von Shampoo, Duschbad und Zahnpasta in die Kasse ein. Im Drogeriemarkt Rossmann im Regensburger Alex-Center herrscht gerade Hochbetrieb. Die Kunden drängen sich an der Kasse. Nach mehreren Stunden schwindet bei dem jungen Mann die Konzentration. Er wird nervös. Nur keinen Fehler machen, denkt er. Da legt seine Kollegin Jacqueline den Arm auf seine Schulter. „Ich glaube, du brauchst eine Pause“, meint sie und übernimmt.

Was die Kunden in der Schlange vor der Kasse nicht wissen: Johann Sittauer ist Autist und schwerbehindert. Um erfolgreich im Arbeitsleben stehen zu können, braucht er vor allem eins: Verständnis von seinem Arbeitgeber und Kollegen. Nach einer überbetrieblichen Ausbildung als Verkäufer bewarb er sich jahrelang erfolglos. „Ich habe unzählige Praktika gemacht“, erinnert sich der 33-Jährige. „Nichts hat geklappt.“ Dann schickte ihn die Agentur für Arbeit zum Integrationsfachdienst Oberpfalz (ifd), der auf berufliche Fragen von Menschen mit Behinderung spezialisiert ist. Mit Hilfe der Berater gelang ihm endlich der Sprung in ein festes Arbeitsverhältnis. „Inzwischen habe ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche“, erklärt er stolz.

„Bei Herrn Sittauer muss man wissen, dass er sich schwer tut, auf fremde Menschen zuzugehen.“

ifd-Beraterin Verena Ninding

„Bei Herrn Sittauer muss man wissen, dass er sich schwer tut, auf fremde Menschen zuzugehen“, erklärt die ifd-Beraterin Verena Ninding. „Im Verkauf ist das eigentlich ein Ausschlusskriterium. Doch es war sein sehnlichster Wunsch.“ Die ifd-Berater, die im Auftrag von Sozialversicherungsträgern für behinderte Menschen auf Arbeitssuche gehen, hängten sich ans Telefon auf der Suche nach einem Arbeitgeber. „Bei der Bezirksleiterin von Rossmann stießen wir sofort auf offene Ohren“, freut sich Ninding.

Unterstützung statt Vorbehalte

Nach einem persönlichen Gespräch im Unternehmen startete Johann Sittauer mit einem Praktikum. „Ich merkte sofort, dieser junge Mann möchte es in seinem Wunschberuf schaffen“, erklärt die Bezirksleiterin Michaela Aschenbrenner. „Wir wollten ihm eine Chance geben.“ Um ihm den Einstieg zu erleichtern, informierte die Bezirksleiterin das gesamte Team von dem neuen Mitarbeiter mit Behinderung. „So wusste jeder Bescheid. Da kommt jemand, dem fällt vieles nicht so leicht.“ Der ifd informierte, dass es für einen Autisten schwieriger sein kann, Abläufe zu erlernen. Vieles müsse öfters geübt werden als mit einem Mitarbeiter ohne Behinderung. „ Alle aus meinem Team haben mir Unterstützung zugesagt“, erklärt Aschenbrenner stolz.

„Ich merkte sofort, dieser junge Mann möchte es in seinem Wunschberuf schaffen.“

Bezirksleiterin Michaela Aschenbrenner

Dass die Kollegen mit der Beschäftigung eines behinderten Menschen einverstanden sind, sei wichtig für das Gelingen einer beruflichen Eingliederung, erklärt Ninding. „Gerade am Anfang sind Akzeptanz, Geduld und Einfühlungsvermögen gefragt.“ In diesem Fall sei es optimal gelaufen. „Die Mitarbeiter haben sich im Vorfeld auf den Menschen mit Behinderung eingestellt.“ Als Autist sei es Johann Sittauer zunächst schwergefallen, mit den neuen Kollegen umzugehen und einen persönlichen Draht zu finden. Auch die Einarbeitung habe länger gedauert. „Er traute sich vieles nicht zu“, erinnert sich Aschenbrenner. Über mehrere Monate hinweg begleitete der ifd das Praktikum. „Die Kollegen waren nett und hilfsbereit“, erinnert sich Sittauer. „Das hat es mir leicht gemacht.“

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„Absolut loyal und fleißig“

Schnell habe er gemerkt, dass man tatsächlich daran interessiert war, ihn langfristig zu beschäftigen. „Das spornte mich an“, sagt er. „Seine Leistungen wurden beständig besser und er hat die Herzen meiner Mitarbeiter erobert“, bestätigt Aschenbrenner. „Für uns war klar, dass wir mit ihm einen Glücksgriff machen. Klar braucht er noch oft länger. Aber er ist absolut loyal, fleißig und lässt uns spüren, dass er sich freut im Team zu sein. Das wirkt sich positiv auf alle aus.“

„Wenn ich mich über die Arbeit austauschen kann, fühle ich mich sicherer. Ich brauche die Bestätigung, dass ich es schaffe“, sagt er. „Dann fällt es mir leichter.“ Veränderungen hat das feste Arbeitsverhältnis ohnehin in sein Leben gebracht. „Ich habe mich jetzt endlich getraut, mir eine eigene Wohnung zu suchen. Ein wichtiger Schritt hin zu einem selbstbestimmten Leben“, sagt er stolz.

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Was ist Autismus?

  • Ein Prozent:

    Autismus ist eine neurologische Variante, die bei etwa einem Prozent der Bevölkerung vorkommt. Zu allen Zeiten und in allen Teilen der Welt gab und gibt es autistische Kinder und Erwachsene in allen Altersstufen.

  • Einfach und schwierig:

    Bei autistischen Menschen ist das Gehirn ein bisschen anders „verdrahtet“ als bei anderen Menschen. Deshalb haben sie mit manchen „einfachen“ Dingen große Schwierigkeiten, während sie „schwierige“ Herausforderungen manchmal spielend bewältigen.

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