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Nachruf

Menschenfotograf Horst Hanske ist tot

Feuilletonist, Zeichner, Fotograf: Hanskes Werk ist eine einzige Liebeserklärung an Regensburg. Die Liebe wurde erwidert.
Von Harald Raab, MZ

  • Horst Hanske hat Regensburg und seine Menschen geliebt. Wie sehr die Regensburger ihm zugetan waren, zeigte der Andrang auf die Ausstellung zu seinem 80. Geburtstag im MZ-Verlagshaus. Foto: MZ-Archiv
  • Horst Hanske mit Georg Ratzinger bei einer Ausstellung seiner Fotografien Foto: altrofoto.de/Archiv

Regensburg.Der 80. Geburtstag mit einer gebührenden Ehrung und Würdigung durch eine gemeinsame Ausstellung der Stadt Regensburg und des Medienhauses Mittelbayerische Zeitung war ihm noch vergönnt. Der Besucherzuspruch, so berichtete Chefredakteur Manfred Sauerer nach deren Ende, hat alle Erwartungen weit übertroffen. Am Mittwoch ist Horst Hanske gestorben – der Fotograf Regensburgs, der Zeichner und Feuilletonist der Menschen dieser Stadt.

Sein Werk ist eine einzige, jahrzehntelange Liebeserklärung an sein Regensburg, an all die „echten (und weniger echten) Leit“, die ihm begegnet sind: im Taxis-Schloss und im Hofbräuhaus, im Alten Rathaus und in den Boazn an der Donau, auf dem Bismarck- und dem Haidplatz, im Theater, in den Kirchen und Klöstern wie auf der Dult, im Altenabschiebeheim „Saurer Gockel“, im Hafen und an vielen Orten und in Winkeln der Stadt am Fluss mehr.

Er hat die Menschen überall beobachtet und mit seinem Multitalent porträtiert. So ist ein einzigartiges Werk entstanden: Fast ein halbes Jahrhundert erlebter Regensburger Stadtgeschichte und -gschichtln umfasst es. Prallvoll, mit bunten Episoden zum Schmunzeln ist es ausgemalt. Im großen Bogen schreitet es Bilder voll unmittelbarer Lebensklugheit aus.

Ein kleiner Kosmos am Fluss

„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre; und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ Den Psalm 90:10 in der Luther-Bibel darf man beim Blick auf Hanskes Leben und Werk getrost zitieren.

Horst Hanske beim Radrennen „Rund um Berlin“ 1959
Horst Hanske beim Radrennen „Rund um Berlin“ 1959 Foto: Archiv

Ja, köstliche, im Sinn von erfüllender und erfüllter, Arbeit ist sein Leben gewesen. Randvoll ist es ihm eingeschenkt worden, mit Freuden und Freunden, mit Glücksmomenten und immer wieder neuen Erkenntnissen von einer unendlichen Welt – in dem kleinen Kosmos mit Namen Regensburg. Da hat ihn kein engstirniger, satt zufriedener Lokalpatriotismus geleitet, sondern die Überzeugung, dass das Große erst im Kleinen in seiner vollen Schönheit wahrgenommen werden kann. Kreativität und ein großes Reservoir von Mitgefühl standen ihm zu Gebote. Große hat er auf ein menschliches Maß reduziert, und kleinen Zeitgenossen hat er Würde durch Beachtung geschenkt. Seine Fotografien sind Inkunabeln Regensburger Stadtlebens.

Er musste alles selbst erschaffen

Zu dieser Biografie gehört auch, dass ihm, dem großen Erinnerer einer Stadtepoche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, am Ende seines Weges die eigene Erinnerung und das von Rationalität gelenkte Bewusstsein der persönlichen Existenz genommen worden ist. Seine Alzheimer-Erkrankung hat ihn in einem schmerzhaft-bedrohlichen Wirbel von nicht mehr einordenbaren Gefühlen und zerbrochenen Wahrnehmungen gefangen gehalten.

Horst Hanske und seine Kamera waren immer dort, wo das Leben stattfand.
Horst Hanske und seine Kamera waren immer dort, wo das Leben stattfand. Foto: Archiv

Horst Hanske: strahlender Naturbursche, Sportler auf dem Rennrad und der schweren BMW-Maschine. So kannte man ihn. So wird er im Gedächtnis der Zeitgenossen bleiben. Als Flüchtlingskind aus dem oberschlesischen Ratibor kam er an die Donau. Keine Wohlhabenheit einer eingesessenen Familie, kein Gymnasium hat ihn behütend als Schule des Lebens mit den Segnungen von Kunst und Kultur vertraut machen können. Er musste sich alles selbst erarbeiten, sich selbst gestalten, selbst erfinden. Dieser Weg hat ihn stark gemacht, seine Liebe zu Menschen, zu Kunst, zu Poesie, zu Städten und Landschaften entwickelt. Natürlich gab es da auch Förderer. Der MZ-Verleger Karlheinz Esser war so einer, auch der Kulturdezernent Wolf-Peter Schnetz oder der Woche-Herausgeber Josef Titz.

Was war das Geheimnis seines Erfolges? Er stand nie abseits, war nicht der intellektuelle, kühl distanzierte Besserwisser, der sich aus Unsicherheit überlegen fühlen muss. Er war für die meisten in vielen Schichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, einer der ihren. Nur so war es ihm vergönnt, vom Handwerker mit dem Fotoapparat, dem Zeichenstift und der Schreibmaschine in den nachhaltigeren Bereich der Kunst vorzustoßen. Seine Bilder, Zeichnungen und kleinen Feuilletons enthalten immer ein großes Stück von ihm selbst, von seiner Weltsicht, seinen Hoffnungen und Faszinationen. Erst so kann Ästhetisches zur sinnstiftenden Gültigkeit werden, zur Kunst eben.

Horst Hanske fing die Menschen – hier Besucher des Jüdischen Friedhofs – und ihre Umgebung ein wie wenige andere.
Horst Hanske fing die Menschen – hier Besucher des Jüdischen Friedhofs – und ihre Umgebung ein wie wenige andere. Foto: Archiv

Einer mit seinen Talenten hätte überall, auch in Medienzentren wie München oder Hamburg, Karriere machen können. Viele Bildstrecken, die er an verschiedensten Schauplätzen der Welt aufgenommen hat, zeugen von einer fotografischen Qualität, die sich vor den Arbeiten der Großen seiner Zunft nicht verstecken muss. Hanskes Fotografie hält unwiederbringliche Momente des prallen Menschenlebens fest – die ganze Palette existenzieller Lebensäußerungen. Seine Bilder feiern das Leben in all seinen Höhen und Tiefen. Sie sind ein Fest unbändiger Vitalität, der Schönheit selbst im Hässlichen.

Die Stadt, ihre Menschen und Typen

Doch Hanske hat sich weitgehend auf Regensburg beschränkt. Eine weise Entscheidung. Regensburg, mit seiner Geschichte, seinen Menschen, seinen architektonischen Besonderheiten, ob Dom oder Steinerne Brücke, ob Dominikaner- oder Neupfarrkirche und Alte Kapelle: Diese ganze Gemengelage menschlicher Existenz und des irdischen Gestaltungs- und Selbstbehauptungswillens hat sich ihm als nicht versiegender Kraftquell eines kreativen Schaffens besonderer Intensität bewährt.

Ein Kraftquell für weitere Aktivität

Wie wir Horst Hanske ein angemessenes Gedenken zuteilwerden lassen? Ganz einfach: Sein Werk ist selbst ein Kraftquell für weitere Kreativität anderer. Es besitzt die Potenz als Nukleus für Regensburg als Stadt der Fotografie. Seine Erinnerungsarbeit muss fortgeführt werden. Diese Art von Wachstum an Selbst- und Fremderkenntnis, die die Beschäftigung mit dem Medium Fotografie befördern kann, kennt keine Grenzen.

Horst Hanske, ein Leben, hat sich vollendet. In der Summe war es ein erfülltes, ein glückliches Hiersein. Und für uns, die wir es begleitet, bewundert und ja auch beneidet haben, ist unsere Rückbesinnung gleichzeitig ein letzter Dienst des begnadeten Bildermachers und Kommunikators an uns. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, wie es ebenfalls im Psalm 90 heißt.

Hier geht’s zur Kultur.

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