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Michael S. wollte Frauen demütigen

Der Regensburger Serienvergewaltiger hatte auch sechsmal in Zürich zugeschlagen. Und zuvor war er schon in Deutschland einschlägig vorbestraft.
Von Hans Scherrer, MZ

  • So berichtete die Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ im Juni 1990 über den Serienvergewaltiger Michael S.. Repro: MZ
  • Michael S. nahm sich im September 2012 das Leben. MZ-Archiv

Regensburg.Hat Michael S., der als der Serienvergewaltiger von Regensburg identifiziert wurde, noch mehr Verbrechen verübt als bisher bekannt? Dieser Frage gehen jetzt auch die Ermittler nach.

„Es wird noch Wochen oder Monate dauern, bis unsere Ermittlungen abgeschlossen sind“, hatte Kriminaldirektor Franz Schimpel in der vergangenen Woche bei einer Pressekonferenz vor Journalisten gesagt. Denn dass der 47-Jährige, der im September in Brennberg Selbstmord beging, im Laufe von 15 Jahren in Regensburg zwei Frauen vergewaltigte und bei einem weiteren Versuch gestört wurde, steht aufgrund der von ihm hinterlassenen DNA-Spuren zweifelsfrei fest.

Doch neue Erkenntnisse lassen aufhorchen. So wurde S. 1989 in der Schweiz zu einer Gesamtstrafe von neun Jahren wegen fünffacher vollendeter und einer versuchten Vergewaltigung verurteilt. Im Zuge der Ermittlungen wurde seinerzeit auch bekannt, dass der damals 24-Jährige bereits in Deutschland einschlägig vorbestraft war.

Extrem hohe kriminelle Energie

Vor diesem Hintergrund drängen sich Fragen auf: Hätten die Fahnder dem hochgefährlichen Gewalttäter nicht schon früher auf die Spur kommen können? Wurden womöglich gravierenden Ermittlungsfehler begangen? Warum wurde nicht schon früher auf die international gespeicherten Daten zurückgegriffen? Und: Hätten so möglicherweise weitere Verbrechen verhindert werden können?

Denn wie sich zwischenzeitlich zeigt, verfügte Michael S. über ein außergewöhnlich hohes Maß an krimineller Energie. „In meiner 33-jährigen Tätigkeit als Gerichtsreporter habe ich keinen vergleichbaren Fall mehr erlebt, bei dem der Täter so brutal gegen seine Opfer vorgegangen ist“, sagt Viktor Dammann, ein renommierter und mit Journalistenpreis ausgezeichneter Gerichtsreporter der Schweizer Boulevardzeitung „Blick“.

Innerhalb von knapp fünf Monaten – von März bis Juli 1989 – war der gelernte Metzger Michael S. immer wieder von Singen (Baden-Württemberg) in die knapp 100 Kilometer entfernte Stadt Zürich gefahren. Und dies tat er ausschließlich mit dem Ziel, Frauen zu überfallen und zu vergewaltigen, so stellte es sich in der Verhandlung vor dem Zürcher Bezirksgericht heraus.

Opfer wurden stundenlang gequält

„Mehrmals hatte er seine Opfer stundenlang sadistisch gequält, sie zu ausgefallenen Handlungen gezwungen und mit Gegenständen traktiert, die zu Verletzungen der Opfer führten“, erinnert sich Dammann. Die vor Gericht zur Sprache gekommenen Einzelheiten seien so entsetzlich gewesen, dass die Medien damals von einer detaillierten Beschreibung freiwillig Abstand genommen hätten. „Und immer hatte es S. auf junge Frauen abgesehen, die nachts allein auf dem Nachhauseweg waren.“ Stets habe er ein Messer mit sich geführt und seine Opfer mit dem Tode bedroht. Einmal hatte S. sogar zwei Frauen in einer einzigen Nacht vergewaltigt.

Erwischt wurde der Sexgangster schließlich bei seinem sechsten Überfall. Da hatte er eine 25-jährige Frau bereits vom Fahrrad gezerrt und in einen nahe gelegenen Park geschleift, als ein Autofahrer stutzig wurde und anhielt. S. ergriff zunächst die Flucht, meldete aber wenig später bei der Polizei sein Fahrzeug als vermisst – was ihm schließlich zum Verhängnis wurde, „denn damit lieferte er sich selbst ans Messer“.

Das Urteil: neun Jahre Zuchthaus

S. wurde zunächst in Untersuchungshaft genommen, musste sich aber schon sehr bald vor dem Obergericht Zürich verantworten. Das Urteil von neun Jahren Zuchthaus akzeptierte er nicht, sondern ging in die nächsthöhere Instanz. Was ihm allerdings nichts nützte. Das Bezirksgericht bestätigte schließlich das Strafmaß. S. gestand im Übrigen ein, dass „die Demütigung der Frauen“ bei seinem Handeln eine entscheidende Rolle gespielt habe.

Nach Verbüßung von zwei Dritteln wurde er entlassen und nach Deutschland abgeschoben. „Nach inzwischen gängigen Standards würde heute über ihn Sicherheitsverwahrung verhängt“, ist sich Dammann sicher. Und: „Bei uns in der Schweiz wundert man sich, wieso die deutschen Ermittlungsbehörden die gesicherten Daten von dem Täter so lange zurückgehalten haben.“

Denn wie auf einer Pressekonferenz von Staatsanwaltschaft und Polizei in der letzten Woche mitgeteilt wurde, habe man sich erst im Oktober des vergangenen Jahres entschlossen, zwei bereits im Jahre 1997 gesicherte Fingerabdrücke sowie DNA-Spuren in die internationale Datenbank einzugeben.

Dass es Ermittlungspannen gegeben habe, weist Kriminaldirektor Schimpel indes entschieden zurück. „Die Untersuchungsmethoden von heute sind ja um Klassen besser als die im Jahr 1997.“ Deshalb sei man nach der ersten Tat auch noch nicht in der Lage gewesen, beweiskräftiges DNA-Material an die Datenbanken zu übermitteln.

Allerdings habe man damals schon Fingerabdrücke sicherstellen können. Leider aber sei die Übermittlung daktyloskopischer Spuren kontingentiert. Und die damals festgestellten Fingerabdrücke seien in einer gummierten Spurenfolie gesichert worden, eine „extrem DNA-feindliche Methode“, aber dies sei der seinerzeit technische Stand gewesen. Schimpel: „Hätten wir die Folien geöffnet, dann wären sowohl die Fingerabdrücke wie auch eventuelle DNA-Spuren für immer vernichtet worden.“

Eintrag war bereits gelöscht

Datenschutzgründe waren es auch, weswegen die Vorstrafen von S. hatten gelöscht werden müssen. „Und weil damals Vergewaltigung nach fünf Jahren verjährt war, hätten auch die gesicherten Spuren von 1997 vernichtet werden müssen“, so Schimpel. Eine entsprechende Anfrage des Landeskriminalamts habe es bereits gegeben. „Nur weil einer unserer Ermittler den Phantomtäter als „höchst serienrelevant“ beschrieben hatte, seien die gesicherten Spuren zum Glück erhalten geblieben.

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