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Umwelt

Mini-Hotels helfen Taubenplage ab

Störtöne, Spikes und Falken: Die Uni versuchte viel, um die Vögel los zu werden. Erst seit die Tiere in Volieren leben, ist der Campus kotfrei.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Ferry Wittke im großen Taubenschlag auf dem Dach des Regensburger Studentenhauses: Holzkästen simulieren Bruthöhlen. An die 75 Tauben leben jetzt kontrolliert in der Voliere. Foto: Tino Lex
  • Frank Wilm von der Bau in Form GmbH, Brigitte und Ferry Wittke (von links) vor dem Taubenschlag an der Regensburger Uni. Foto: Lex
  • Eine brütende Taube auf Gipseiern: Der Vogel merkt nach ein paar Tagen, dass er auf einer Attrappe sitzt, und wirft die Gipseier aus dem Nest. Regelmäßig werden ihm neue Kunst-Eier untergeschoben. Foto: Lex
  • Brigitte und Ferry Wittke mit zwei dominanten Vögeln, die Artgenossen in die Voliere locken. Foto: Lex

Regensburg. Tauben können zum Problem werden. Dr. Martin Postner, Leiter des Referats Umweltschutz und Logistik der Universitätsverwaltung, kann ein Lied davon singen. Neuerdings ist man am Campus die Plage aber los. Statt die Vögel zu vergiften, zu erschießen, aufzuspießen oder mit Drähten, Netzen und Störtönen abzuwehren, setzt man am Campus auf ein Komfort-Angebot und bietet den Tieren Drei-Sterne-Hotels. Klingt unsinnig? Wirkt aber. Das machten am Montag im Senatssaal der Uni Tauben-Experte Ferry Wittke, Frank Wilm von der Bau in Form GmbH und ihre Partner klar.

Tauben fühlen sich auf dem Campus wohl. Die geselligen Tiere, die von Felsentauben abstammen, erinnern die leicht maroden Gebäude möglicherweise an einen Steinbruch. Die ausgezeichnete Nitzplatz-Offerte nahmen die Vögel bisher jedenfalls gern an. 140 bis 200 Junge schlüpften am Campus pro Jahr. An abgehängten Decken mit Heizleitungen, schilderte Postner, konnten sie sogar im Winter brüten.

Ein Ehrengast im Käfig

Die Verwaltung versuchte fast alles, um die Tiere los zu werden. Die Bejagung reduzierte die Population kaum, ergab aber „nicht klar zu identifizierende Löcher“ in Bauteilen, so Postner. Die Vertreibung von Nistplätzen wirkte wenig, weil Nachzügler die Orte rasch besetzten. Die Vergrämung mit akustischen Signalen in der Tiefgarage irritierte zwar die Autofahrer, beeindruckte aber die Vögel wenig. Auch Spikes, Netze, Schwachstromkabel, der Einsatz von Falken und eine vom Bauamt liebevoll gebaute Attrappe blieben ohne nennenswerte Effekte.

Kotverkrustete Gänge und Türen gehörten zum Alltagsbild an der Uni, machte Uni-Kanzler Dr. Christian Blomeyer am Montag deutlich. Die Bibliothek zum Beispiel war komplett eingesaut. Mitarbeiter beschwerten sich. „Wir kamen mit Vergrämen und Netzespannen gar nicht nach.“ Aus dem Studentenwerk kam schließlich der Tipp, Ferry Wittke und das „Regensburger Modell“ könnten helfen. Blomeyer: „Wir dachten: Mehr als schief gehen kann’s ja nicht.“

Von rund 130 Tauben, die im Oktober 2012 auf dem Gelände gezählt wurden, leben heute nur noch 15 verstreut auf dem Gelände. Der Rest sitzt in zwei Volieren auf dem Dach des Studentenhauses. Die fünf Kolonien haben sich aufgelöst, Nachzügler wurden bislang nicht beobachtet. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, so Martin Postner am Montag. „In ein bis zwei Jahren werden wir sehen, ob sich die Population auf gleichbleibend niedrigem Level hält.“

Ein schneeweißes Nürnberger Mövchen war am Montag Ehrengast im Senatssaal, wo das „Regensburger Modell“ vor Interessenten und Journalisten vorgestellt wurde. Tierschützer Ferry Wittke hatte ein lebendes Friedenssymbol im Käfig mitgebracht, um seinen Argumenten emotionales Unterfutter zu geben. Der 67-Jährige berät seit zehn Jahren Gebäudeeigentümer beim Umgang mit Tauben und gehört der Taubeninitiative Regensburg (TIR) an. Zu den TIR-Gründungsmitgliedern zählen unter anderem auch Christian Schlegl, CSU-Fraktionschef im Stadtrat, und Dominik Peschke vom CSU-Arbeitskreis Umwelt, aktuell Sprecher bei TIR.

Ferry Wittke trifft bei seinen Begehungen auf zwei Extreme: auf Taubenfütterer, die ihrem Leben Sinn geben wollen, und auf Taubenhasser, die deutlich in der Mehrzahl seien. Immer noch würden die Vögel vergiftet, abgeschossen, mit Schnüren gefangen und gemetzelt oder von oben mit brühheißem Wasser begossen. Wittke zeigte Bilder von grausamen Szenen: Tauben, denen messerscharf geschliffene Blechscheren an Dächern die Füße amputieren, Tiere, die sich in Abwehrnetzen verheddern und krepieren, oder Jungvögel, die beim ersten Flug von Sims zu Sims auf Spikes landen – aufgespießt wie auf einem Nagelbett. „Es sind 22 Patente gegen Tauben registriert“, sagt Wittke. Der Tierfreund dagegen meldete vor zehn Jahren ein Patent für Tauben an, entwickelte es weiter und kooperiert seit 2012 mit Frank Wilm von der Bau in Form GmbH. Der Kern des Konzepts: Kolonien werden in Volieren umgesiedelt, dort gefüttert und betreut; untergeschobene Gipseier leisten im Schlag Geburtenkontrolle.

Das „Regensburger Modell“ macht sich zunutze, dass Tauben bequem sind und lieber gemeinsam statt einsam leben. In Kooperation mit einer Behindertenwerkstatt in Herne wurden Freiluft-Taubenhäuser und Bruthöhlen-Nachbauten konstruiert, die durchlüftet sind und in denen der Kot in Schubladen fällt. Die Volieren sind deshalb auch ohne Schutzanzug und Atemmaske zu reinigen.

Frank Wilm machte Unterschiede zum Augsburger bzw. Aachener Modell deutlich. In Regensburg werden dominante Tiere, sogenannte Locktauben, als Erste umgesiedelt. Sie ziehen Artgenossen an. Und während die Voliere am Campus geschlossen bleibt, bis sich die Kolonie gefestigt hat und die Tiere standorttreu geworden sind, bleiben bei anderen Konzepten Ein- und Ausflug offen. Wilm: „Fremdflieger fressen mit und bilden draußen eine neue Population.“ Die Tauben an der Uni werden im September ihre ersten Freiflüge machen. Zwei bis drei Mal die Woche, zwei bis drei Stunden, sollen sie künftig ausfliegen dürfen.

Wartung für 10 000 Euro im Jahr

Ein Feldversuch am Münchner Hauptbahnhof schlug ein, schilderte Wittke. „Innerhalb von acht Wochen waren alle Tauben vom Innen- in den Außenbereich gewechselt.“ Wilm berichtete von inzwischen sechs Referenzobjekten. Das Duo, das mit dem „Regensburger Modell“ sein Geld verdient, hatte am Montag im Senatssaal einen unabhängigen Zeugen: Alexander Ritschel, Hausverwalter von Studentenapartments am Galgenberg. „Wir sind die Tauben los. Und wir brauchen keine anderen Vergrämungsmaßnahmen mehr“, sagte er. „Wirtschaftlich gesehen hat sich die Sache schnell amortisiert.“

Wittke und Wilm gehen davon aus, dass der Campus bis Dezember komplett taubenfrei sein wird. Die Uni bietet den Partnern dann voraussichtlich einen Wartungsauftrag für die beiden Taubenschläge auf dem Studentenhaus an, Kosten: an die 10 000 Euro im Jahr, sagt Martin Postner. „Dagegen steht aber der Aufwand für Netze und Spikes, der dann wegfällt.“

Ferry Wittke denkt bereits weiter: Das neue Parkhaus am Petersweg sei geradezu prädestiniert für einen Taubenschlag.

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