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Kirche

Misshandlung: Bistum zahlt Schmerzensgeld

Bislang haben sich 72 Ex-Schüler der Vorschule der Regensburger Domspatzen gemeldet. Das Bistum geht von Körperverletzung aus.

‹In der Vorschule der Regensburger Domspatzen kam es zu schwerwiegenden Körperverletzungen, berichten Betroffene.
‹In der Vorschule der Regensburger Domspatzen kam es zu schwerwiegenden Körperverletzungen, berichten Betroffene. Foto: Archiv

Regensburg.In der Vorschule der weltberühmten Regensburger Domspatzen haben der langjährige Direktor und mehrere andere Lehrer über Jahrzehnte Kinder misshandelt. Inzwischen lägen Berichte von 72 ehemaligen Schülern der Schule Etterzhausen und später in Pielenhofen vor, die so schwer geschlagen worden seien, dass von Körperverletzung auszugehen sei, teilte das Bistum Regensburg am Dienstag mit.

Die Betroffenen berichten von Schlägen mit Fäusten, Stöcken und einem Schlüsselbund. Zudem seien sie mit spitzen Bleistiften malträtiert und persönliche Briefe geöffnet worden. Das Bistum hat nun beschlossen, die Straftaten anzuerkennen und den Betroffenen ein Schmerzensgeld in Höhe von jeweils 2500 Euro zu zahlen. „Das Geld ist keine Entschädigung, sondern eine symbolische Anerkennung des Leides, welches Kindern angetan wurde“, sagte Generalvikar Michael Fuchs.

Zustand der permanenten Angst

Ehemalige Schüler berichteten dem Bistum, dass sie sich in einem permanenten Angstzustand befunden hätten. Generalvikar Fuchs sprach von einem „System der Angst“, das an der Domspatzen-Vorschule geherrscht habe. Um die gravierenden Misstände aufzuarbeiten und um zu klären, warum dieses „System der Angst“ so lange funktionierte, will das Bistum eine „unabhängige Stelle“ mit der Prüfung beauftragen. Bei dieser Stelle sollen auch Kritiker der Vorgehensweise des Bistums Regensburg ihre Einwände zur Geltung bringen können. Noch sei auch keine Antwort gefunden, ob die betroffenen Jungen über die von ihnen erlebten Vorgänge in der Vorschule letztlich bei ihrem Wechsel an das Gymnasium der Domspatzen nach Regensburg erzählten. Dort war von 1964 bis 1994 Georg Ratzinger Domkapellmeister.

Im Bericht des Bistums namentlich als Täter genannt wird der Priester Johann Meier, der das Jungeninternat von 1953 bis 1992 leitete. Der inzwischen verstorbene Direktor habe auch während der Messe geschlagen, heißt es. Ein Mitarbeiter habe einen Siegelring getragen, den er vor dem Schlagen gedreht habe, um die Wucht der Schläge zu verstärken. Als besonders demütigend wurden die Strafen beschrieben, die Kindern zugefügt wurden, die ihre Betten aus Angst einnässten. In der zweiten Tageshälfte bekamen sie nichts mehr zu trinken. Die verunreinigte Bett- und Unterwäsche mussten die Kinder unter demütigenden Umständen säubern, wobei sie dem so provozierten Spott der Klassenkameraden ausgesetzt wurden.

Die Haupttäter sind bereits verstorben

Rechtsanwalt Dr. Andreas Scheulen, der das Bistum Regensburg berät, sprach von Straftaten erheblichen Ausmaßes, die auch mit dem bis in die 1970er Jahre geltendem Züchtigungsrecht nicht zu vereinbaren sind. Allerdings sind diese Straftaten verjährt. Die Täter, auf die sich die meisten Beschuldigungen konzentrieren, sind bereits verstorben. Mit den Mitteln der Strafjustiz können die Beschuldigungen demnach nicht mehr aufgearbeitet werden. Neben einer pauschalen Anerkennungsleistung empfiehlt Scheulen dem Bistum, ehemaligen Schülern therapeutische Hilfen anzubieten. Generalvikar Fuchs stellte allen Opfern, die sich beim Bistum melden, auch finanzielle Hilfen bei einer Therapie in Aussicht. Er appellierte zudem an weitere mögliche Opfer, sich an das Bistum zu wenden.

Bereits im November 2014 hatte der Missbrauchsbeauftragte des Bistums, Dr. Martin Linder, seinen ersten Tätigkeitsbericht vorgelegt. Daraus geht hervor, dass von 2011 bis zum damaligen Zeitpunkt insgesamt 158500 Euro vom Bistum Regensburg an Opfer sexuellen Missbrauchs ausgezahlt wurden. Unter den 30 entschädigten Personen sind sowohl Opfer von verurteilten Straftätern als auch Antragsteller, deren Vorwürfe nicht mehr juristisch geklärt werden konnten.

Da juristisch zwischen den Straftatbeständen sexueller Missbrauch und Körperverletzung unterschieden wird, legt das Bistum gesonderte Berichte zu den Fällen sexuellen Missbrauchs und den Fällen körperlicher Gewalt vor. Die Fälle, in denen körperliche Gewalt geschildert wurde, konzentrieren sich laut Angaben des Bistums auf die Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und später in Pielenhofen. Die Mehrzahl der geschilderten Fälle sexuellen Missbrauchs fanden am Domspatzen-Gymnasium in Regensburg statt. Für Schlagzeilen sorgte Anfang des Jahres eine Dokumentation des SWR. Darin schildert ein ehemaliger Schüler der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen, wie er von einem damaligen Präfekten schwer missbraucht wurde. Das Bistum sprach nach der Ausstrahlung von neuen Erkenntnissen und will diesen Fall ebenfalls als sexuellen Missbrauch anerkennen.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hatte die Misshandlungen in einer Predigt am 25. Januar im Regensburger Dom schwer verurteilt. „Zwei der damaligen Verantwortlichen in Etterzhausen und später in Pielenhofen haben den jungen Buben durch ihr Terrorsystem, dessen einzige pädagogische Maßnahme offenbar die körperliche Züchtigung war, die Hölle bereitet.“ Er könne die Taten nicht ungeschehen machen, und die Betroffenen nur um Vergebung bitten. (dpa, ct)

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