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Mit dem Aufzug in die gute Stube

Lange versprochen, mehrfach vertagt: Der Regensburger Reichssaal soll barrierefrei werden – für eine halbe Million Euro.
Von Norbert Lösch, MZ

  • Vom Fechthof aus – am Fenster im 1. Stock ganz links – soll der Außenaufzug an die Reichssaal-Ebene angedockt werden. Foto: Lösch
  • Noch eine unüberwindbare Barriere für Rollstuhlfahrer: die Außentreppe zum Alten Rathaus. Foto: Stadt Regensburg/Peter Ferstl

Regensburg.Stark gehbehinderte Menschen und Rollstuhlfahrer stehen an der Außentreppe zum Alten Rathaus immer noch vor einem unüberwindbaren Hindernis. Wer nicht von helfenden Händen hochgetragen wird, hat kaum eine Chance, den Historischen Reichssaal im Obergeschoss zu erreichen. Besserung in Form eines Aufzugs wurde oft versprochen – und nicht zuletzt wegen der Einwände von Denkmalschützern mehrfach vertagt. Der barrierefreie Zugang zu Regensburgs guter Stube sollte Behinderten schon beim diesjährigen Neujahrsempfang im Reichssaal die Teilnahme ermöglichen. Jetzt scheinen endlich Nägel mit Köpfen gemacht zu werden: Der Stadtrat wird in seiner Oktober-Sitzung aller Voraussicht nach beschließen, fast eine halbe Million Euro für einen Außenaufzug und eine Behindertentoilette auszugeben.

Mindestens fünf Monate Lieferzeit

Heuer wird es aber ohnehin nichts mehr mit dem Rathaus-Besuch ohne Handicap. Die Baumaßnahmen wurden nämlich auf das kommende Jahr verschoben. Zur Begründung heißt es im städtischen Investitionsprogramm für kulturelle Belange, dass der Aufzug eine Lieferzeit von mindestens fünf Monaten habe. Also werden auch die für heuer vorgesehenen Ausgaben – die sich übrigens „aufgrund aktualisierter Kostenberechnung“ noch einmal um 26000 auf jetzt 451000 Euro erhöht haben – erst 2017 kassenwirksam.

Aber auch dieses Finanzvolumen wird nicht reichen. Denn nach ganz aktuellem Stand soll die Barrierefreiheit im 1. Stock des Alten Rathauses noch besser und aufwendiger erreicht werden. Statt mit einer Rampe in Stahlbauweise soll der Niveauunterschied von etwa 60 Zentimetern, der zwischen Vorhalle und Reichssaal besteht, mit einer Hebebühne überwunden werden. Kostenpunkt: weitere 25000 Euro.

„Hebebühne hat sich bewährt“

„Hintergrund sind die guten Erfahrungen, die die Stadt in der Zwischenzeit mit der Hebebühne im Erdgeschoss des Alten Rathauses gemacht hat“, teilte Katrin Butz von der städtischen Pressestelle mit. Damit könne unter anderem das Büro des Inklusionsbeauftragten barrierefrei erreicht werden. „Diese Lösung hat zudem den Vorteil, dass sie weniger Platz braucht und damit besser mit dem Denkmalschutz zu vereinbaren ist“, so Butz.

Damit sind die Planungen für das Projekt nach langer Vorlaufzeit abgeschlossen. Der Fechthof im Westen des Rathaus-Komplexes steht seit längerem als der am besten geeignete Standort für den Aufzug fest. Von dort soll er Behinderte und Senioren, aber auch Eltern mit Kinderwagen in das erste Obergeschoss des Rathauses bringen. Wo heute noch ein Fenster ist, wird der Aufzug mit einem Steg an das Gebäude angedockt. Menschen mit Handicap stehen dann in den Nebenräumen hinter dem Reichssaal, von wo aus sie mit eigener Kraft weiterkommen können. Weitere Stufen im verwinkelten Obergeschoss können sie mit mobilen Rampen überwinden und so in den Reichssaal und das Fürstenzimmer gelangen.

„Die Denkmalpflege hat der neuen Zugangstüre zur Anbindung des Aufzugs an das Reichssaalgebäude und der festeingebauten Rampe in der Vorhalle zugestimmt“, heißt es in der inzwischen schon wieder überholten jüngsten Beschlussvorlage für den Stadtrat. Große Akzeptanz finde das Projekt auch beim Beirat für Menschen mit Behinderung, der „dem Standort des Aufzugs und der Wegeführung innerhalb des Gebäudes mit den entsprechenden Maßnahmen zur Überbrückung von Barrieren zugestimmt hat“.

Die Aufzugsanlage muss bestimmten Normen genügen, soll aber dennoch möglichst dezent vor der historischen Fassade stehen. Der Aufzugschacht soll mit vorgehängten Stahlplatten verkleidet werden. Für den Unterbau muss die Decke der Tiefgarage unter dem Fechthof aufgeflext werden. Oberirdisch wird der Aufzug etwa sieben Meter hoch sein, die Grundfläche wird rund zweieinhalb auf zweieinhalb Meter betragen. Die Kabine soll auf maximal acht Personen ausgelegt sein, in den Wintermonaten beheizt und in den Sommermonaten klimatisiert werden können.

„Teilhabe ist teuer, aber wertvoll“

„Der Historische Reichssaal und das Kurfürstenzimmer sind die gute Stube der Stadt. Dort empfangen wir die Menschen, die uns lieb sind, und feiern mit ihnen. Und dabei schließen wir eine ganze Gruppe von Mitmenschen aus – nicht, weil wir das so wollen, sondern weil uns die Denkmalpflege lange Zeit im Weg stand“, hatte OB Joachim Wolbergs schon mehrfach für das Projekt plädiert.. Die Kosten sind für ihn, aber wohl auch für den gesamten Stadtrat kein ausschlaggebendes Moment: „Teilhabe ist teuer, aber das ist es wert.“

„Wir schließen eine ganze Gruppe von Mitmenschen aus – nicht, weil wir das so wollen, sondern weil uns die Denkmalpflege lange Zeit im Weg stand.“

OB Joachim Wolbergs

Auch Norbert Lieske, Sprecher des Seniorenbeirats der Stadt, begrüßt die Pläne. „Gut, wenn es jetzt so kommt. Denn der Aufzug zum Reichssaal ist zwingend notwendig. Wir haben ja selbst unser Seniorenbüro in einem historischen Gebäude neben dem Alten Rathaus und wissen um das Problem der Erreichbarkeit“, sagt Lieske. „Das Rathaus ist noch viel mehr ein Haus für die Bürger, und entsprechend sollte es auch für alle erreichbar sein.“

Wie die Gemeinde Sinzing mit dem Thema Barrierefreiheit umgeht, lesen Sie hier:

Barrieren: Wo Sinzing anpacken soll

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    Ein moderner Außenaufzug an historischen Gebäuden – geht das? Das Beispiel Köln zeigt: Das geht sehr wohl. Dort können die Festsäle in einem der markantesten Gebäude der Stadt, dem spätgotischen Gürzenich, über einen Aufzug in einer Stahl- und Glaskonstruktion und einen Steg erreicht werden.

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