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Verkehr

Mit dem Dreier zur Danziger Freiheit

Am 17. Mai 1963 fuhr in Regensburg der letzte Oberleitungsbus. Die Straßenbahn endete 1964. Dem Obus weint – im Gegensatz zur Tram – keiner nach.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Blick auf Alt-Regensburg zur Zeit, als die Frauen noch Kopftücher und die Männer Hüte trugen: Die südliche Auffahrt zur Nibelungenbrücke ist gepflastert. Stahlnägel markieren die Fahrspuren. Zwei Obusse mit Anhänger sieht man im Begegnungsverkehr. Fotos: Sammlung Haseneder
  • Obusse waren mit Trambahnen rechtlich gleichgestellt. Deswegen parkten sie auch nebeneinander im Depot an der Augustenstraße. Foto: Sammlung Herbert Haseneder
  • Damals schon mit Sonnenbrille: Der Fahrer der Nummer 06 im Einsatz Foto: Sammlung Herbert Haseneder
  • Blick in den Fahrgastraum: Holzsitze, hinten links beim Einstieg ist der Sitz des Schaffners. Die Fahrt vom Bahnhof in die Konradsiedlung kostete 20 Pfennige. Foto: Sammlung Herbert Haseneder
  • Der Obus Richtung Danziger Freiheit passiert die Cäcilienkirche. Foto: Sammlung Herbert Haseneder

regensburg. Der Obus war etwas Besonderes. Man durfte nur hinten einsteigen, legte dem Schaffner, der wie an der Kinokasse am hinteren Eingang thronte, seine zwei Zehnerl hin und nahm auf einem der Holzsitze Platz.

Apropos Kino: Der Obus war die absolute Sensation in Regensburg. Tausende Regensburger waren beim Freifahrttag zur Eröffnung der Linie am Josefitag 1953 auf den Beinen. Endlich war die Konradsiedlung an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen. Die Zeitung hatte zuvor geklagt, dass Wiener Sängerknaben nach einem Abendkonzert in der RT-Halle noch eine Stunde Fußmarsch zu ihren Gasteltern in der Konradsiedlung hatten auf sich nehmen müssen.

Tragischer Tod eines Vierjährigen

Zeitzeugen berichten, dass der Andrang für die kostenlosen Probefahrten in der Danziger Freiheit so groß war, dass ein Kind unter die Räder kam. Es wurde einfach in die Straße gedrückt. Wie es heißt, hat der Schaffner „fertig!“ gesagt und da ist der Obus losgefahren. Der tragische Tod des vierjährigen Knaben überschattete die Premiere.

14 Tage wurden die Fahrer zuvor in München für den Job angelernt. Der Obus hatte nur zwei Pedale, mit einem bremste, mit dem andern beschleunigte man. Nur leichtes Summen war während der Fahrt über die Nibelungenbrücke zu hören, etwa wie heute in einem Agilis-Triebwagen. „Der Dreier“ war eine geräuscharme und schadstofflose Linie. Die erste Grüne Welle der Stadt machte sie dazu noch erstaunlich schnell. „In 17 Minuten Fahrzeit war man von der Danziger Freiheit aus am Bahnhof“, erinnert sich Heinz Wahner.

Wenn die Stangen aussprangen

Der 82-Jährige wartete von 1953 bis 1963 in der Augustenstraße die sechs Obusse. Alle zwei Jahre mussten ihre gummigelagerten Achsen zur Spurerneuerung nach München. Obus ist eine Abkürzung für Oberleitungsbus. Den Fahrstrom bezog der Elektrobus mittels sechs Meter langen Stromabnehmern aus einer über der Fahrbahn gespannten Oberleitung. Obusse waren den Straßenbahnen gleichgestellt und standen konsequenterweise im Trambahndepot in der Augustenstraße. Und hier beginnen schon die Geschichten.

Mit einem kurzen Magirus-Schlepper musste der Obus täglich in die Wendeschleife vor dem Hauptbahnhof geschleppt werden und wieder zurück. Dort standen auch die zwei Anhänger. Ab dem Hauptbahnhof war Strom auf der Leitung. 1600 Zentner Kupfer auf 161 Betonschleudermasten und OBAG-Strom sorgten auf der 5,07 km langen Strecke für Mobilität. Wenn der Faschingszug durch die Maxstraße zog, wurde ein Bulldog in die Landshuter Straße zum ehemaligen Finanzamt beordert. Dort wurde der Obus einfach umgedreht.

Der Obus wurde zum Klobus

Ein Klingelzeichen deutete dem Fahrer an, dass die Stange ausgesprungen war. Dann musste ein Turmwagen kommen und die Stangen wieder einhängen. Wahner erinnert sich persönlich an zwei Unfälle. Bei Glatteis trug es in der Nordgaustraße einen Obus aus der Kurve. Kurz nach der Einführung hatte ein Busfahrer an der Weißenburgerstraße die Route verfehlt. Er fuhr einfach geradeaus, statt in Richtung Stobäusplatz abzubiegen. In beiden Fällen sprangen die Stangen raus. Nichts ging mehr. Der Turmwagen musste kommen. Wenn er fuhr, fuhr der Dreier im Zehn-Minuten-Rythmus über den Stobäusplatz, die Nibelungenbrücke, die Brandlberger Straße zur Danziger Freiheit und zurück. 1963 war seine Zeit in Regensburg abgelaufen. Die brauchbaren Fahrzeuge gingen nach Landshut und Salzburg. Der Obus wurde zum Klobus auf der Dult. Paul Ruscheinsky verschrottete sie an der Irler Höhe. Wie man hört, hat er einen Obus als Büro genutzt.

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