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Abschied

Mit Herzblut für Regensburgs Geschichte

Dr. Heinrich Wanderwitz, Leiter des Stadtarchivs, ist ab heute Ruheständler. „Mehr Personal“ wünscht er seinem Nachfolger.
Von Gertrud Baumgartl, MZ

Gestern nahm Dr. Heinrich Wanderwitz Abschied vom seinem Büro im mittelalterlichen Ambiente des Runtingerhauses.
Gestern nahm Dr. Heinrich Wanderwitz Abschied vom seinem Büro im mittelalterlichen Ambiente des Runtingerhauses. Foto: Baumgartl

Regensburg.„Sein Mädel“, wie er den Totenkopf aus der anthropologischen Sammlung auf seinem Schreibtisch nennt, drückt ein wenig von dem barocken Lebensgefühl aus, das Dr. Heinrich Wanderwitz ausstrahlt. Die Leihgabe der Denkmalpflegerin Dr. Silvia Codreanu-Windauer erinnert ihn daran: Alles geht einmal zu Ende.

Traurig ist der Leiter des Amtes für Archiv und Denkmalpflege beim Abschied nicht. „Es ist ein neuer Lebensabschnitt“, stellt er mit der gleichen Nüchternheit fest, mit der er den Zahnschiefstand seiner knöchernen Gesellschafterin konstatiert hat. Und er ist entschlossen, die Zeit zu nutzen: am liebsten für weitere historische Untersuchungen. Sie sind die geistige Nahrung, von der er lebt. Ob zum Reinheitsgebot des bayerischen Biers oder bei neuen faszinierenden Erkenntnissen über die Rolle der jüdischen Gemeinde in Regensburg: Der „Heinerl“, wie er sich selbst augenzwinkernd in den vielen Anekdoten aus seinem Leben nennt, bewegt sich so mühelos in der Geschichte wie ein Fisch im Wasser.

„Amt für die Ewigkeit“

„Wir sind ein Amt, das auf die Ewigkeit ausgerichtet ist“, beschreibt er seinen Blick auf die Welt. „Das relativiert vieles.“ Und so verrät er sein Lieblingsrezept, wenn ihn etwas gefuchst hat: „Dann geh’ ich in den Keller und such’ mir ein Archivale. Dann schaut alles gleich ganz anders aus.“ Seine größte Errungenschaft in den 31 Jahren, die der promovierte Historiker in den Diensten der Stadt verbracht hat: Dass es im Wesentlichen die Bewerbung seines Amtes war, der Regensburg die Auszeichnung als Weltkulturerbe verdankt. All die Mühen im Vorfeld, als er kurzfristig in den Flieger nach Paris springen musste, um bei der deutschen Botschaft die erste Präsentation („alles handmade“) abzugeben, dann das nächste vierbändige Konvolut für die Jury – und alles mit dem minimalen Finanzaufwand von 60 000 Euro. Darauf ist er heute noch stolz. Dann die ganze Anspannung 2006 in Vilnius, als die Entscheidung verkündet wurde und die Regensburger in lauten Jubel ausbrachen, die Feier mit Champagner hinterher: Das sind Momente, die für Dr. Heinrich Wanderwitz zu den glücklichsten überhaupt gehören.

Vorbildliches „document“

Der gebürtige Passauer, der in Landshut Abitur machte und in Regensburg studierte und promovierte: Er wurde rasch zu einem Regensburg-Liebhaber aus tiefster Seele. „Da steckt noch so viel drin in der Geschichte von Regensburg für die Forscher. Die Stadt ist einfach etwas Besonderes“, sagt er und seine Augen leuchten. Auch auf ein zweites Großprojekt ist er sehr stolz: Nach den Grabungen zwischen 1995 und 1998 entwickelte er zusammen mit Dr. Silvia Codreanu-Windauer und Dr. Lutz Heiner und einem Architektenbüro das multimediale Konzept „document Neupfarrplatz“ – inzwischen das Vorbild schlechthin für viele Präsentationen in Regensburg und Umgebung. Regensburg in der Nazizeit, das Ende des Zweiten Weltkriegs, aber auch Aventinus: Die Liste der Themen, die ihn beschäftigen, ist ellenlang und trug ihm so ganz nebenbei einen österreichischen Orden ein.

Unter ihm startete man im Stadtarchiv bereits 1985 mit einer Datenbank des Häuser- und Bürgerbestands. Die Arbeiten an den „fontes civitatis ratisponensis“ wurden jedoch vor fünf Jahren vorläufig eingestellt, erzählt er, mangels Finanzen und Personal.

Stelle noch nicht ausgeschrieben

Wer sein Nachfolger wird, steht in den Sternen. „Die Stelle wurde noch nicht ausgeschrieben“, weiß er. Wanderwitz’ dringlichster Wunsch für ihn lautet: „Mehr Personal“ und zwar an der Basis, damit einfache Arbeiten nicht hoch qualifizierten Mitarbeitern unnötig Zeit rauben. Sein zweiter Wunsch: „der Wiedereinstieg des Stadtarchivs in die öffentliche digitale Welt“: Schließlich sollen alle die Regensburger Schätze sehen können.

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