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Menschen

Mit Prothese von der Spree bis zur Isar

Roland Zahn wurde vor sechs Jahren ein Oberschenkel amputiert – trotzdem wandert quer durch die Republik. Sein Beispiel soll Mut machen.
Von Davina Lang, MZ

Roland Zahn (75) bei einer Wanderung in Thüringen: Jeden Tag schafft er rund zwölf Kilometer. Foto: Zahn

Regensburg. Roland Zahn ist 75 Jahre alt und trägt seit sechs Jahren eine Beinprothese. Das hielt den gebürtigen Leipziger jedoch nicht davon ab, eine Mammut-Wanderung quer durch die Republik zu starten. Bisher hat der Wahl-Stuttgarter schon rund 1200 Kilometer erfolgreich hinter sich gebracht. Zahn läuft täglich zwölf bis 13 Kilometer, dann gönnt er sich jeweils zwei Regenerationstage. Je nach körperlicher Verfassung und Tagesziel, variiert die Anzahl der Kilometer. In Kürze wird Zahn seine 25. Etappe erreichen: Regensburg.

Ein ganz tolles Gefühl sei es, bereits eine solche Entfernung zurückgelegt zu haben und etwas leisten zu können, das für viele undenkbar ist, erzählte der passionierte Wanderer im MZ-Telefoninterview.

Mut durch Bewegung

Die Aktion „Bewegung hilft“ – eine 2000-Kilometer-Wanderung von Berlin nach München in 160 Tagen – wurde als gemeinsames Projekt von Roland Zahn und dem Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation ins Leben gerufen. Der Marsch mit Beinprothese soll Menschen mit einer Amputation Antrieb zu mehr Bewegung geben, um sie vor Depression und Lethargie zu schützen.

Roland Zahn, ehemaliger Grafikdesigner, trat seine Pilgerstrecke vor fast einem halben Jahr von Berlin aus an, um anderen Menschen mit einer Amputation Mut zu machen. Aus eigener Erfahrung wisse er, dass die eigenen Möglichkeiten oft weit unterschätzt werden. Auch würden viele Menschen nicht wissen, wozu sie mit einer guten prothetischen Versorgung fähig seien, erzählt Zahn. Bei der Wanderung quer durch Deutschland geht es dem Pilger nicht um sportliche Rekorde, das Hauptziel der Aktion „Bewegung hilft“ sei die Motivation und Mobilisierung von Betroffenen.

1000 Selbsthilfegruppen als Ziel

Das Hauptziel des Projekts „Bewegung hilft“ soll Menschen mit einer Amputation zur Mitarbeit in und zur Gründung von Selbsthilfegruppen aufforder – denn bisher gibt es deutschlandweit nur etwas mehr als 40 solcher Gruppen. Zahn hofft, dass es am Ende bundesweit 1000 Selbsthilfegruppen für Arm- und Beinamputierte geben könnte.

Für den Rentner sei die eigene Selbsthilfegruppe ganz entscheidend für die eigene Mobilisation gewesen. Er habe nach seiner Amputation ein Jahr ohne die Verbindung zu anderen Betroffenen im Rollstuhl verbracht, bis er sich vor etwa fünf Jahren an die Selbsthilfekontaktstelle KISS in Stuttgart wandte und anschließend eine Gruppe in der Nähe seines Wohnorts besuchte. „Das Glaubhafteste ist das eigene Erlebnis“, meinte Zahn. In einer Selbsthilfegruppe werden Arm- und Beinamputierte über ihre Möglichkeiten aufgeklärt. Wichtig: Eine Isolation der Betroffenen könne so verhindert werden.

Der Wille zählt

Gerade die Sommermonate haben es für Roland Zahn bei seiner Tour in sich. „Klar läuft es sich ohne die Hitze deutlich leichter. Bei ungefähr 18 bis 20 Grad ist es am angenehmsten“, erzählt der Wanderer. „Die Zielsetzung verankert sich jedoch sehr stark im Kopf, egal bei welchem Wetter oder egal, welche Anzahl an Kilometern ich mir am Tag vornehme. Wenn man etwas wirklich erreichen möchte, dann ist das auch zu schaffen.“

Durch regelmäßige Vorträge im Rahmen seiner Wanderschaft möchte der Rentner über Möglichkeiten und Zukunftsperspektiven für Amputierte aufklären und Impulse zur Selbst-Mobilisation geben.

Mitwanderer, mit oder ohne Prothese, und Interessierte können Zahn am Mittwoch persönlich in Regensburg antreffen: Zahn passiert während seiner Großwanderung auch die Welterbestadt. Er referiert am 22. August im Hotel Ibis über sein persönliches Schicksal und die bisherigen Abenteuer seiner Fußreise.

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