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Beruf

Mit Wohnungen auf Bewerberjagd

Die Mietpreise in Regensburg werden für Arbeitgeber zum Problem. Die Stadt vermietet nun selbst – an angehende Erzieherinnen.
Von Julia Ried

Die Stadt richtet bis nächsten September Apartments im ehemaligen Seniorenheim Michlstift, das einer ihrer Stiftungen gehört, für angehende Erzieherinnen ein.Foto: Tino Lex
Die Stadt richtet bis nächsten September Apartments im ehemaligen Seniorenheim Michlstift, das einer ihrer Stiftungen gehört, für angehende Erzieherinnen ein.Foto: Tino Lex

Regensburg.Bernadette Meider pendelt jetzt aus Zeitlarn zu ihrem Arbeitsplatz in der Johanniter-Kinderkrippe im Biopark. Dabei wollten die angehende Erzieherin und ihr Freund eigentlich nach Regensburg ziehen. „Wir haben insgesamt ein Dreivierteljahr lang gesucht“, erzählt die 21-Jährige. Gescheitert sei ihr Plan hauptsächlich an den hohen Mieten in der Stadt. Als sie ein Wohnungsangebot aus Zeitlarn bekamen, griffen sie deshalb zu, zumal Meider so eine Fahrgemeinschaft mit ihrem Vater bilden kann.

So wie Bernadette Meider geht es vielen Berufsanfängern bei der Wohnungssuche in Regensburg – und gerade „Berufspraktikanten“, wie zukünftige Erzieherinnen im praktischen Jahr nach dem Studium genannt werden. Ihr Gehalt, das etwa bei 1800 Euro brutto liegt, schränkt die Auswahl ein, auch können sie keinen unbefristeten Vertrag vorweisen. Die Stadt springt deshalb jetzt als Vermieter ein. Sie will bis September 2019 im ehemaligen Seniorenheim Michlstift in der Altstadt 15 Apartments einrichten, die sie im Rahmen eines auf drei Jahre begrenzten Pilotprojekts günstig an Berufspraktikanten vermieten möchte – jeweils ein Jahr lang. Für die zwischen gut 20 bis knapp 30 Quadratmeter großen Wohnungen will sie zwischen etwa 290 und rund 400 Euro im Monat verlangen. Dr. Eleonore Hartl-Grötsch, die Leiterin des Amts für Tagesbetreuung von Kindern, sagt: „Das ist ein Weg der Personalgewinnung.“ Sie braucht immer mehr Fachkräfte, weil die Nachfrage nach Betreuungsplätzen zunimmt und in den kommenden Jahren viele Erzieherinnen in Rente gehen. Derzeit ist ihr Konzept, das die Stadt jährlich gut 81 500 Euro kosten soll – dazu kommen einmalige Kosten von 37 500 Euro – exotisch in der Region. Doch das Interesse von Arbeitgebern an Ideen wie dieser steigt.

Politik

Stadt will dichter und höher bauen

In Regensburg sollen „urbane Gebiete“ entstehen. Architekt Andreas Eckl ist angetan. Andere sehen die Verdichtung kritisch.

Prinzipiell seien Firmen hier durchaus interessiert an solchen Angeboten für ihre Mitarbeiter, sagt Dr. Thomas Rosenkranz, Vorstandsmitglied des Immobilienzentrums, das auf einem Grundstück in der Kirchmeierstraße in Kooperation mit der Wirtschaft das früher verbreitete Modell der „Werkswohnungen“ wiederbeleben möchte. Das Projekt ist noch in der Planungsphase, die „Entwidmung“ des ehemaligen Bahngeländes wird sich voraussichtlich bis ins Jahr 2019 hinziehen.

„Not ist noch nicht so groß“

Andreas Denk, Sprecher der Johanniter, in Regensburg der größte Träger von Kinderkrippen, sagt: „Bei uns ist die Not noch nicht so groß.“ Der Wohlfahrtsverband könne wegen der großen Dichte seiner Einrichtungen – er betreibt in Stadt und Landkreis Regensburg und den Landkreisen Schwandorf und Cham 60 Krippen, Kindergärten und Horte – Mitarbeitern „in aller Regel“ einen wohnortnahen Arbeitsplatz anbieten.

McDonald’s Regensburg hat für seine Mitarbeiter acht Häuser gebaut: Blick in eine der Wohnungen in Harting. Foto: Julia Ried
McDonald’s Regensburg hat für seine Mitarbeiter acht Häuser gebaut: Blick in eine der Wohnungen in Harting. Foto: Julia Ried

Für Hartl-Grötsch, die Mitarbeiter in der Stadt braucht, ist der Wohnungsmarkt dagegen eine Hürde auf dem Weg zu mehr Betreuungseinrichtungen mit längeren Öffnungszeiten. Hartl-Grötsch ist Chefin von 370 Beschäftigten in der Kinderbetreuung auf 240 Planstellen. Gerne würde sie jährlich 15 Berufspraktikanten ausbilden – aktuell sind es acht. „Wir haben einen Rückgang. Und wir können kaum jemanden gewinnen, der zuzieht.“ Leider bekomme sie von Bewerbern nach erfolgreichen Vorstellungsgesprächen immer wieder zu hören: „Ich muss Ihnen leider absagen. Ich habe keine bezahlbare Wohnung gefunden.“ Besser laufe die Gewinnung von Kandidaten für die von fünf auf drei Jahren verkürzte „Erzieherausbildung mit optimierten Praxisphasen“. Auch diese jungen Leute, die nach dem Abitur Erzieher werden wollen, könnten die Apartments im Michlstift nutzen – sofern es die Auslastung erlaubt.

Die Personalverantwortlichen des Krankenhauses Barmherzige Brüder machen ähnliche Erfahrungen wie Hartl-Grötsch. „Es ist für die Berufsfachschüler und neue Mitarbeiter nicht immer einfach, bezahlbaren Wohnraum in Regensburg zu finden“, sagt Sprecherin Svenja Uihlein.

Krankenhaus hat drei Heime

Das Krankenhaus verfügt mit der Klinik St. Hedwig über drei Wohnheime mit insgesamt 126 Plätzen, die vor allem für Auszubildende sowie Teilnehmer am Freiwilligen Sozialen Jahr oder Bundesfreiwilligendienst reserviert sind. Wegen des „erhöhten Bedarfs“ der Mitarbeiter habe das Haus seit 2015 zusätzlich 35 Apartments auf dem Campus der Eckert-Schulen in Regenstauf angemietet, erläutert Uihlein. Diese belegen zur Zeit vor allem Pflegemitarbeiter.

Auch die Maschinenfabrik Reinhausen greift ihren Beschäftigten bei der Suche nach einem Zuhause unter die Arme, wie Geschäftsführer Dr. Nicolas Maier-Scheubeck Auskunft gibt: „In der Familienholding verfügbare Wohnungen werden bereits bevorzugt an Mitarbeiter vergeben. Darüber hinaus wurden in der Vergangenheit auch schon Überlegungen für gezielte Investitionen außerhalb des Stadtgebietes angestellt, die aktuell aber nicht verfolgt werden.“ Osram dagegen sieht keinen Handlungsbedarf. Die Wohnungssituation sei für Fachkräfte, die sich für den Arbeitgeber interessieren, nur ein Faktor von vielen, sagt Sprecher Simon Thaler. „Da ist eher die inhaltliche Ausrichtung der jeweiligen Stelle entscheidend.“

Von Eisenbahner- zu McDonald’s-Wohnungen

  • Historie:

    Laut Dr. Martin Kammerer von der Industrie- und Handelskammer gab es bis zu den 1930er-, 1940ern auch hier viele Werkswohnungen – etwa die Eisenbahnerwohnungen in Kumpfmühl, die nun auch anderen Mietern offenstehen.

  • Moderne:

    1992 baute Frank Mosher, der aktuell 14 McDonalds-Filialen in der Region betreibt, das erste Haus für Mitarbeiter. Sieben weitere kamen dazu. „Wir bieten die Wohnungen ausländischen Mitarbeitern an“, erklärt Mosher.

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