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Kommunalpolitik

Mitten drin im Wahlkampf-Getümmel

Sieben OB-Kandidaten sorgen zwischen den Ladenzeilen der Arcaden für eine unterhaltsame Show – mit Statements, Ausweichmanövern und Ausrutschern.
Von Susanne Wiedamann, MZ

  • Die OB-Kandidaten mit den Moderatoren Ernst Waller und Martin Gottschalk. Foto: altrofoto.de
  • „Die absolute Mehrheit wird wohl schwierig für die FDP“, scherzt OB-Kandidat Horst Meierhofer auf die Frage nach einem Koalitions-Wunschpartner. Foto: altrofoto.de
  • Ludwig Artinger von den Freien Wählern will einen faireren Umgang mit den Anträgen der kleinen Parteien im Stadtrat: „Es muss Schluss sein mit der Ausgrenzungspolitik der großen Koalition!“ Foto: altrofoto.de
  • Jürgen Huber von Bündnis 90/Die Grünen ist für eine elektrische, schienenbetriebene Stadtbahn. Foto: altrofoto.de
  • Tina Lorenz von der Piratenpartei will mehr Sachlichkeit in der Politik. Foto: altrofoto.de
  • Christian Schlegl, der CSU-Kandidat, verteidigte tapfer seine Metro-Bus-Pläne. Foto: altrofoto.de
  • SPD-Kandidat Joachim Wolbergs lehnt sich beim Thema „schneearmer Winter“ entspannt zurück. Foto: altrofoto.de
  • In den letzten 10 Jahren habe es 5000 Neubürger gegeben, sagt Christian Janele von den CSB Regensburg. Wozu also 7500 oder 10 000 neue Wohnungen? Janele zweifelt den Bedarf an.Foto: altrofoto.de

Regensburg.„Der schaut cool aus, der Huaba da!“, schmatzt der junge Mann am Tresen des Pizzageschäfts seinem Nachbarn ins Ohr und mustert die über der Bühne hängenden Wahlplakate. Im oberen Geschoss der Regensburg Arcaden lehnen sich Dutzende Zaungäste erwartungsfroh übers Geländer. Auf dem Podium werden noch Krawatten zurechtgerückt. „50 Sekunden“, ruft Martin Gottschalk, Chefredakteur bei TVA. Und schon gehts los mit der live übertragenenen Podiumsdiskussion „Wer soll’s werden?“

„Wir wollen in einen launigen Abend starten“, sagt Gottschalk. Und schon wenig später wissen die mehr als 100 Zuschauer, die der Diskussion treu bleiben, dass er recht behalten hat: Es wird lebhaft. Zusammen mit Ernst Waller, dem stellvertretenden Chef der MZ-Lokalredaktion, fühlt Gottschalk sieben der neun Oberbürgermeister-Kandidaten auf den Zahn: Gleich die erste Frage zündet: Ob Wolbergs der schneearme Winter freut? Doch eher die CSU, pariert SPD-Kandidat Joachim Wolbergs. Die CSU habe in den letzten Jahren nur dieses einzige Wahlkampfthema gegen die SPD gefunden. Der abgespeckte Mitbewerber der CSU, Christian Schlegl, fühlt sich dank Diät fit für den Fight um den OB-Sitz und verteidigt vehement sein Tunnel-Projekt. Ludwig Artinger (Freie Wähler) lobt mit fast unmerklicher Ironie „die stringente Verhandlungsführung“ des Amtsinhabers OB Hans Schaidinger. Und Tina Lorenz (Piratenpartei) stellt fest, dass Politik zwar Theater ist, aber eigentlich sachorientiert sein sollte.

Glatteis für Strategen

Nach ihren Strategien gefragt, als OB einen hypothetisch angenommenen Schwund an Steuereinnahmen durch Kürzungen zu kompensieren, geraten Schlegl und Wolbergs auch schon aneinander. Denn während der SPDler konkrete Beispiele nennt, wie er Standards senken würde (beispielsweise dadurch, sich beim Winterdienst aufs Pflichtteil zurückzuziehen oder die Zahl von Bürgerbüros zu überdenken – was Schlegl als viel zu wenig ertragreich geißelt), reagiert der CSU-Mann quasi mit der Zauberformel „Schieben statt Streichen“ und bekommt prompt Themaverfehlung vorgeworfen.

Der Tunnel-Visionär, der tapfer für sein Metro-Bus-Projekt kämpft und dessen Machbarkeit mehrfach unterstreicht, bekommt an diesem Abend erneut viel Gegenwind: Sein Vorschlag wäre am 1. April richtig terminiert gewesen, höhnt Artinger. Ein „leeres Wahlkampfversprechen“ nennt es Christian Janele (Christlich Soziale Bürger). „Da kommt der Diesel vorn und hinten raus“, ergänzt Jürgen Huber (Bündnis 90/Die Grünen), der sein präferiertes Stadtbahn-Projekt für auch nicht teuerer hält als die von Schlegl veranschlagten 200 Millionen für die Untertunnelung der Altstadt.

Als Hirngespinste tut Horst Meierhofer (FDP) Projekte wie den Metro-Bus ab. Lieber solle man das Geld in die Schulen stecken für neue Laptops. Verkehrstechnisch müsse man die Straßenführungen in der Altstadt überprüfen. Aufgrund der einspurigen Sperrung der Thundorfer Straße „fahren die Leute ewig“. Und nach einem konkreten Zukunftskonzept befragt, sagt er: „Natürlich kann ich auch sagen, ich will eine U-Bahn. Dann hab ich ein Konzept. Aber das ist Schmarrn.“ Tina Lorenz geht auf den U-Bus gar nicht ein, sie sieht Entlastungsmöglichkeiten durch Nachtbusse und einen Wegfall der Sperrzeit, weil dann die Partygänger nachts nicht in den Gassen lärmen. „Die wollen ja auch nach Hause ins Bett.“

Das Publikum geht bei all dem gut mit, beklatscht mal den einen, mal den anderen, Favoriten gibt es nicht. Auch nicht beim Thema Wohnungen, die die beiden Spitzenkandidaten ja auf unterschiedliche Weise mehren wollen – Schlegl um 10 000, Wolbergs um 7500. Und mitten im Zahlenkonzert wieder ein kleines Scharmützel: Wolbergs greift Schlegl an, weil dieser seiner eigenen Verwaltung nicht glaube. Und Schlegl kontert, er sei „ja nicht so verwaltungshörig wie der Kollege von der SPD“. Das Publikum freut’s. Und Schlegl sagt zum Schlagabtausch: „Macht Spaß!“ Dem Mann der Immobilien-Branche, Christian Janele, stellts derweilen die Haare auf. Er sehe nicht, wie die Kollegen zu diesem Wohnungsbedarf kämen. Was fehle, sei Infrastruktur. Auch Artinger schüttelt den Kopf über den „marktschreierischen Überbietungswettbewerb“.

Bauen mit Qualität

Dass gebaut werden müsse, da seien sich ja alle einig, sagt FDPler Meierhofer. Doch man müsse auf Qualität schauen und nicht „eine weiße Schuhschachtel nach der anderen“ hinstellen. „Die Quartiere müssen Qualität haben,“ sagt auch Huber. Es dürften nicht nur Monokulturen entstehen.

Mehr Freiraum fordert Huber auch in der Runde zum Thema Kultur, die sich dann in bekannten Kreisen kringelt: Gestritten wird übers Geld – und wer es eher bekommen sollte, große Institutionen wie das Theater oder das Haus der Musik oder die freie Szene. Im Eifer des Gefechts sagt Wolbergs Tina Lorenz mal schnell und etwas von oben herab, sie sei ja neu im Geschäft. Und dann gehts munter weiter. Als sich zum Schluss dieses informativen und unterhaltsamen Abends Meierhofer, Lorenz und Artinger Sachorientiertheit in der neuen Legislaturperiode wünschen, können das viele im Publikum richtig gut nachvollziehen.

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