MyMz
Anzeige

Fortsetzungsroman

Mitten in der Zivilisation gestrandet

Die ersten Seiten von Steven Uhlys Glückskind: Hans D. ist ein „Untoter“. Er lebt verwahrlost und ist kurz davor, aufzugeben.
Von Steven Uhly

Hans (Herbert Knaup) findet in einer Szene der Verfilmung von „Glückskind“ ein Baby in einer Mülltonne und nimmt es in einem spontanen Impuls zu sich. Drei Monate lang – vom 28. April bis 6. August – steht der Roman „Glückskind“ von Steven Uhly bei zahlreichen Veranstaltungen im Fokus der Aktion „Regensburg liest ein Buch“.
Hans (Herbert Knaup) findet in einer Szene der Verfilmung von „Glückskind“ ein Baby in einer Mülltonne und nimmt es in einem spontanen Impuls zu sich. Drei Monate lang – vom 28. April bis 6. August – steht der Roman „Glückskind“ von Steven Uhly bei zahlreichen Veranstaltungen im Fokus der Aktion „Regensburg liest ein Buch“. Foto: SWR/Stephanie Schweigert

Regensburg.Wieder so ein Scheißtag. Hans D. macht den Wecker aus. Wenn er ihn nicht stellt, bleibt er einfach liegen. Manchmal den ganzen Tag. Wenn er ihn stellt, wie heute, hasst er seinen Wecker. Und er hasst sich selbst, weil er nicht hochkommt, weil er seine Wohnung noch immer nicht aufgeräumt hat, obwohl sie allmählich aussieht wie eine Müllhalde. Nicht einmal die Essensreste von gestern hat er beseitigt.

Sie liegen auf dem Wohnzimmertisch herum, Tiefkühl-Hamburger mit Tiefkühl-Pommes-Frites und Ketchup, überall sitzen Fliegen darauf. Die Mülltüten stapeln sich an der Wand neben der Wohnungstür, er trägt sie nicht hinunter. Hans stöhnt. Er will sich das alles nicht klarmachen, er will nicht wahrhaben, wie es ihm geht, nämlich schlecht, so schlecht, dass er es kaum erträgt, einen klaren Gedanken zu fassen, den einzigen, der in Frage käme: Reiß dich zusammen, Hans! Ändere dein Leben! Nein, jetzt bitte keine klaren Gedanken.

Hans wälzt sich auf die andere Seite. An der Stelle, wo nachts sein Kopf liegt, ist das Kissen bräunlich verfärbt. Wann hat er den Bezug das letzte Mal gewechselt? Er schiebt auch diese Frage zur Seite, wie schon gestern und vorgestern. Sein Blick fällt auf den Boden. Überall Staub, eine dicke Schicht, man sieht, wo Hans den Boden berührt und wo nicht. Es gibt Pfade, wo weniger Staub liegt, weil er immer dieselben Wege geht. Vom Bett zum Klo, vom Klo zum Bett, vom Bett zum Kühlschrank.

Die Küche ist eng, es gibt einen halbrunden Tisch aus Holz, der an der Wand befestigt ist, man kann ihn herunterklappen, wenn man Platz braucht, davor steht ein alter Klappstuhl aus Metall, früher einmal war er weiß, jetzt ist er zerkratzt und schäbig. Vom Kühlschrank ins Wohnzimmer, das zu groß ist für einen einsamen Mann. Vom Bett zum Bad mit seiner viel zu kurzen Badewanne. Eine Scheißwohnung, und dafür zahle ich fünfhundert Euro, denkt Hans und kratzt sich den Bart, den er trägt, weil er eines Tages aufgehört hat, sich zu rasieren.

Die Haare wuchern ihm über die Lippen, wenn er isst, verfangen sich Essensreste darin. Manchmal bemerkt er es tagelang nicht, denn er hat aufgehört, sich im Spiegel zu betrachten. Mühsam setzt er sich im Bett auf, die alten Knochen wollen liegen bleiben. Nein, denkt er: Der dumme alte Kopf will liegen bleiben, er denkt sich die Knochen schwerer, als sie sind. Aber diesen Gedanken hat Hans schon so oft gehabt, dass er sich fragt, warum er nicht auf ihn verzichtet. Bringt ja doch nichts, denkt er.

Mühsam setzt er sich auf. Seine Füße schlüpfen in die ausgelatschten Filzpantoffeln, er wirft einen Blick aus dem Fenster. Ein trüber Tag. Der Wievielte ist heute eigentlich? Hans weiß es nicht. Er steht auf. Der Rücken ist steif, es dauert eine Weile, bis er sich ganz aufrichten kann. Irgendwann in den nächsten Tagen muss er den Weiterbewilligungsantrag ausfüllen und abschicken und hoffen, dass Frau Mohn ihn nicht ins Amt zitiert. Das macht sie gern, seit er ihr einmal die Meinung über ihre Unfreundlichkeit gesagt hat. Dieses dumme Luder, denkt Hans. Die ist bestimmt in der Schule immer gehänselt worden und rächt sich jetzt dafür. Wenn ich jünger wäre, denkt Hans, könnte die nicht so mit mir umspringen. Aber stimmte das? Als er jünger war, sprangen sein Sohn und seine Tochter nach Belieben mit ihm um. Und seine Frau? Wo die wohl alle jetzt steckten, jetzt, in diesem Moment, während er sich in seiner beschissenen kleinen Wohnung die Kleider anzieht, die er seit einer Woche trägt. Sie stinken, Hans stinkt. Aber mich kann keiner riechen, denkt er und lacht halb belustigt, halb bitter über sein Wortspiel.

Die Aktion „Regensburg liest“

  • Eine ganze Stadt liest ein Buch

    und so wird dessen Inhalt zum Stadtgespräch: Das ist die Idee hinter der Aktion „Regensburg liest ein Buch“.

  • Drei Monate lang

    – vom 28. April bis 6. August – steht der Roman „Glückskind“ von Steven Uhly im Fokus zahlreicher kultureller und gesellschaftlicher Ereignisse.

  • Möglichst viele Menschen

    sollen dabei das Buch lesen und auf Veranstaltungen darüber sprechen. Der Inhalt des Buches soll so zum Gemeinschaftserlebnis für Regensburger aller Generationen und gesellschaftlichen Schichten werden.

  • Bei den Veranstaltungen

    stehen entweder das Buch selbst oder einzelne Themen daraus im Mittelpunkt – und zwar auf ganz unterschiedlichen Ebenen: kulturell, gesellschaftlich, sozial, politisch, psychologisch, juristisch; in Theatern, Schulen, Kneipen, städtischen Räumen, auf Bühnen, bei Ausstellungen und Lesungen sowie bei Podiumsdiskussionen.

  • Der Vortrag „Was ist Glück?“

    von Wilhelm Schmid findet am Montag um 20 Uhr im Auditorium im Thon-Dittmer-Palais, Haidplatz 8, statt. Karten kosten 15 Euro, ermäßigt 12 Euro. Die Frage nach dem Glück treibt die Menschen um. Könnte es aber sein, dass gerade die Jagd nach Glück unglücklich macht? Glück ist nichts als ein Wort, findet der Philosoph Schmid – und erklärt seine Ideen anschaulich.

  • Bis zum 3. Mai

    druckt die MZ in vier Ausgaben die ersten Seiten von „Glückskind“ ab. Den Rest der Geschichte gibt es am Dienstag bei einer Mammut-Lesung in der Stadtbücherei am Haidplatz zu hören. Dann geht es genau an der Stelle weiter, an der der Text in der MZ geendet hat.

  • Den Anfang macht Oberbürgermeister

    Joachim Wohlbergs als Vorleser um 18 Uhr. Bis in den späten Abend lesen dann Schriftsteller, Buchhändler und prominente Gäste im 20-Minuten-Rhythmus Uhlys Buch bis zum letzten Wort vor.

Er geht in die Küche. Leere Milchkartons türmen sich vom Boden bis unter das Fenster. Bis fünfzig hat er sie gezählt, es war sein perverses Hobby: den eigenen Niedergang akribisch genau zu beziffern. Dann hat er aufgehört, weil er nicht pervers genug ist, oder weil diese Perversion ihm zu viel Selbsterkenntnis abverlangte. Ich bin das Gegenteil von Robinson Crusoe, denkt er, als er den alten Kühlschrank öffnet und nachsieht, ob noch Milch da ist. Er liebte das Buch als Kind, und er hat nie Zweifel gehabt, dass es auch ihm gelänge, sich selbst zu organisieren, wenn er in der gleichen Lage wäre wie Robinson. Es gab Zeiten, da hat er sich gewünscht, auf eine Südseeinsel zu geraten. Aber wie hätte er dorthin gelangen sollen, er, der nie Geld für eine so weite Reise hatte? Jetzt war er mitten in der Zivilisation gestrandet, mitten in einer Welt, in der alles organisiert ist, in der jeder weiß, der Wievielte heute ist. Nur er nicht.

Er macht sich keine Kerben ins Gedächtnis, nein, er arbeitet daran, alle Kerben zu löschen, bis nichts mehr übrig bleibt. Wo soll das hinführen, denkt er, als er den einzigen Milchkarton, der im Kühlschrank steht, schüttelt und feststellt, dass er leer ist. Dann trinke ich den Kaffee eben schwarz. Hans hasst schwarzen Kaffee. Aber Not macht erfinderisch, denkt er und grinst freudlos. Er setzt die Espressokanne auf den Elektroherd, der übersät ist mit Flecken. Seit Wochen hat Hans ihn nicht mehr geputzt. Neben dem Herd steht ein altes Transistorradio, die Antenne ist auf halber Höhe abgebrochen, aber es funktioniert noch. Hans schaltet es an. Das Erste, was er hört, ist die Uhrzeit – „Zwölf Uhr“, sagt der Sprecher – und das Zweite ist das Datum: „Fünfundzwanzigster Oktober“.

„Mist!“, entfährt es ihm. Der Weiterbewilligungsantrag! Frau Mohn wartet nur darauf, dass er wieder einmal den Termin verpasst, das weiß Hans sicher. Sie hat ihm schon zweimal einen ganzen Monat gestrichen, nur weil er einen oder zwei Tage zu spät dran war. Er hasst diese Frau.

Als die Espressokanne röchelt und damit kundtut, dass alles Wasser durchgelaufen ist, greift er in die Spüle, wo sich Geschirr und Besteck türmen, und zieht eine Tasse heraus. Er spült sie kurz mit Wasser aus und schenkt sich den schwarzen Kaffee ein. Er sucht den Zucker, bis ihm einfällt, dass er keinen mehr hat. Dann schlurft er in seinen abgetragenen Pantoffeln ins Wohnzimmer, setzt sich an die Ecke seines Tisches und schaltet den Fernseher ein. Während er den Kaffee trinkt und dabei angewidert das Gesicht verzieht, zappt er sich durch die Programme. Am liebsten schaut er Nachrichten, deshalb bleibt er bei n-tv hängen. Es geht um die Finanzkrise. Der Euro-Rettungsschirm wird noch größer. Hans ist fasziniert von der Finanzkrise. Die horrenden Schuldensummen, von denen immer wieder die Rede ist, beeindrucken ihn sehr, und er stellt sich jedes Mal vor, was wäre, wenn er so viel Geld hätte.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht